Hört man das Sprichwort „Auge um Auge, Zahn um Zahn", dann denkt man zuerst an Gegenden dieser Erde, wo jegliche Rechtsstaatlichkeit verloren ist, wo noch das Faustrecht gilt, so wie im Wilden Westen des 19. Jahrhunderts. Gleiches herrschte auch zu Beginn der Menschheit, wo sich letztlich einfach immer der Stärkere durchsetzte. Angelehnt an diese Situation eröffnete die 11vor11-Band den Gottesdienst mit dem Hit „Willkommen im Neandertal", welcher glaubhaft darlegt, dass die prähistorischen Zeiten auch heute noch immer ihre Gültigkeit haben.


Nachbarschaftsstreitigkeiten als Anschauungsbeispiel
Auch das Kreativteam griff das Thema auf ähnliche Art und Weise auf und zeigte, wie eine kleine nachbarschaftliche Fehde zu einem ausgewachsenen Streit eskalierte und zwar nur, weil sich alle Beteiligten stets für ein (noch so kleines) begangenes Unrecht revanchieren und dabei durchaus noch einen drauf setzen wollten. Erst als es jemand fertig brachte, über den eigenen Schatten zu springen, und dem andern mal einen Fehler vergab, war der Weg frei für eine Deeskalation. Diese führte letztlich dazu, dass das „Kriegsbeil wieder begraben werden konnte" und man zu einer guten Nachbarschaft zurückfand.
Erstaunlicherweise enthält auch die Bibel - notabene das Alte Testament - Stellen, die eine „Entschädigung" für begangenes Unrecht als normal taxieren. Sie verbieten lediglich, mehr einzufordern als was rechtens wäre. Wenn mir jemand also bildlich gesprochen einen Zahn herausschlägt, so sollte ich ihm als Vergeltung nicht das ganze Gebiss einschlagen, sondern eben lediglich einen seiner Zähne. Das Gottesdienstthema hat also hier (noch) seine Gültigkeit.


Vergebung als Anfang persönlicher Freiheit
Ganz anders das Neue Testament: Für Jesus ist es nicht gut genug, seine Freunde zu lieben, dabei aber seine Feinde zu hassen. Das unterscheidet den „Normalo" vom gütigen Menschen nicht. Die uns lieben Menschen zu mögen und ihnen zu vergeben ist an sich nichts Aussergewöhnliches, denn es entspricht doch einfach unserem üblichen Empfinden. Wenn ich aber am Mitmenschen Rache übe, dann nehme ich im Grunde Gott aus dem Spiel, indem ich klar mache, dass ich ihn nicht als übergeordnete Kraft anerkenne. Kommt dazu, dass wer selber jemandem anders nicht vergeben kann, auch von Gott schwerlich Vergebung annehmen kann. Umgekehrt führt Vergebung zu einer ganz persönlichen Befreiung, einer Entledigung von fesseln, die den Umgang mit anderen Menschen bisweilen so schwierig machen.
Die für das Kreuzverhör vorbereiteten Fragen machten anschliessend deutlich, wie sehr das Thema den Anwesenden unter den Nägeln brannte. Beispielsweise wurde auf die Frage eingetreten, ob sich Kinder auf dem Schulhof nicht auch mal zur Wehr setzen sollten, wenn sie von jemand anderem geschlagen würden. Auch Regine Hug machte klar, dass sie zwar Wert darauf legte, dass auch ihre Kinder ohne Handgreiflichkeiten auskommen sollten, sich aber verbal wehren sollten. Aus dieser Frage wurde klar, dass wer sich nie wehrt, über kurz oder lang ein Opfer der Gesellschaft wird und seiner persönlichen Entwicklung selber im Wege steht.

Der letzte 11vor11-Gottesdienst dieses Jahres findet am Sonntag, 4. Dezember zum Thema „Treiben und getrieben werden" in der Kirche Tegerfelden statt. Der alljährlich wiederkehrende vorweihnachtliche Stress wird dannzumal im Fokus des Gottesdiensts stehen.

Stephen Livingstone, Tegerfelden