Mögen einige diesen Anlass als Wallfahrt bezeichnen, so qualifizieren die Organisatoren dieses bei jedem Wetter stattfindende Ereignis schlicht als Wanderung mit besinnlichen Halten. Rechtsufrig der Reuss, flussaufwärts. Richtung Quelle. Unentschiedene Wetterlage. Sich wiederholende Regengüsse mit gelegentlichem Erscheinen der Sonne und gegen Schluss des feucht und trotzdem fröhlichen Spaziergangs ein makelloser Regenbogen. Zeichen für was? Im Gegensatz zu der jährlich wiederkehrenden Andacht zum Gedächtnis des Synesius in der Stadtkirche zu Bremgarten suchen die Teilnehmenden nicht nach Antworten, sondern nutzen den Tag zu Dialogen. Die Marschierenden zeichnen zugleich als Promotoren und Gründungsmitglieder des Bremgarter Hilfswerks Projekt Synesius, dessen Hauptanliegen die Entwicklungszusammenarbeit in Sanya Juu und in den Slums von Nairobi ist. Viele Fragen. Antworten hingegen gelten nicht als sakrosankt, werden hinterfragt. Nach und nach trafen sich die Unentwegten in der Besenbeiz Rohrhof der Familie Töngi. Brigitte Töngi tischte extra für uns gebackene Quittenguetzli auf. Als erste zündete Vroni Peterhans den Funken zu guten Gesprächen. Thema: Synesius-Wallfahrt im Altweibersommer!

Der Ursprung der Bezeichnung Altweibersommer liegt in der germanischen Mythologie. Mit „weiben“ wurde im Altdeutschen das Knüpfen von Spinnweben bezeichnet. Diese im Herbstlicht glitzernden Netze seien nach alter Sage aus silbernen Haaren der älteren Frauen von Schicksalsgöttinnen gewebt. Sie sollen Glück bringen.. Nach christlicher Legende stammen die Fäden aus dem Mantel Marias und werden darum auch Marienfäden, Marienseide oder Marienhaar genannt. In Schweden spricht man übrigens vom Brigitta-Sommer, in Mittelmeerländern vom Martinisommer und in Amerika vom „Indian Summer“.

Aber schauen wir noch, was uns die Bauernregeln zu dieser „Jahreszeit“ sagen:

Wenn im Herbst die Spinnen kriechen, sie einen kalten Winter riechen – oder

Halten die Krähen Konsilium, so sieh dich nach Feuerholz um – oder

Nichts kann mehr vor Raupen schützen als Oktobereis in Pfützen

(Pfützen sowie Sonnenschein gab‘s dieses Jahr auf der Synesi-Wanderung, aber zum Glück noch kein Eis!)

Bevor du Simon-Judas (28. Oktober) schaust, pflanze Bäume, schneide Kraut.

Leider liess sich zum heiligen Synesius keine Wetter oder Bauernregel finden, nur so viel: dass er der Einsichtige sei und vor jeglicher Blindheit schütze. So stellen wir uns der Herausforderung, eine geeignete Bauernregel zum Bremgarter Synesius zu formulieren! Wer macht mit?

Nach weiteren 20 Minuten Gehen auf gutdurchtränktem Boden legte uns Silvio Blatter seine weitgedehnte Sicht über Synesius nahe. Sein Vertrauen stellt er über den Glauben.

Verstehen und Vertrauen

Verstehen, das ist Kopfsache, ich kann fast alles verstehen. Verstehen erlaubt Distanz, macht sie manchmal sogar notwendig. Vertrauen ist die praktische Seite des Verstehens. Verstehen bezieht sich auf den anderen. Vertrauen baut auf das Handeln des anderen und auf seine Gesinnung – sofern es für mich wichtig ist. Stets wird beim Vertrauen die Bedeutung ‚für mich‘ mitgedacht.

     Das Verstehen kann theoretisch bleiben.

     Das Vertrauen schließt Taten ein.

     Ich setze Vertrauen nicht mit Glauben gleich. Ich bin nicht gläubig, ich habe kein Talent zum Glauben.

Einige sohlenquietschende Kilometer später – und diesmal unter einem für die Natur höchsterfreulichen Wolkenbruch – entriss der Theologe Hanspeter Ernst der Vergangenheit eine höchst aktuelle Geschichte.

Weg-Gedanken

Nicht jedes Sehen sieht

Die biblische Abrahamsgeschichte kann als eine Geschichte gelesen werden, die unter anderem zum Sehen anleitet. Denn wer die Geschichte in der Ursprache Hebräisch liest, wird erstaunt zur Kenntnis nehmen, wie viele Wörter mit dem Wortstamm, der in seiner Grundform ‚sehen‘ bedeutet, vorkommen. Gott beruft den Abram. Dieser soll alles verlassen und in das Land gehen, das er ihm zeigen (ihn sehen lassen) wird. Aber es dauert lange, bis er in dieses Land kommt. Dazwischen liegt ein langer Weg, ein Weg, den ich als Sehschule bezeichnen möchte. Denn es wird erzählt, wie Abram und Lot sich das Land aufteilen: Lot schaut sich das Land an, er sieht – und nimmt das bessere. Dann kommt die Geschichte, die davon berichtet, wie eine Hungersnot ausbricht. Diese zwingt Abram, nach Ägypten zu gehen. Aber er hat ein grosses Problem: Seine Frau Sarai ist sehr schön. Er befürchtet: Wenn die Ägypter und vor allem der Pharao seine Frau sehen werden, wird der Pharao sie als Frau begehren. Er als Ehemann wird umgebracht werden. Deshalb gibt Abram seine Frau als seine Schwester aus. Und es kommt so, wie er es gedacht hat: Die Ägypter sehen Sarai – und der Pharao nimmt sie zur Frau. Abram lässt er in Ruhe. Aber dann kommt es auch anders, als er gedacht hatte: Der ganze Schwindel fliegt auf, weil Gott den Pharao heimsucht.

Gewiss, uns Heutige beschäftigt vor allem das feige Verhalten eines Abram, der nicht zu seiner Frau stehen kann. Das hat auch Frühere schon beschäftigt und einige Diskussionen ausgelöst. Aber die Geschichte handelt nicht nur davon. Sie zeigt, wie Lot und die Ägypter sehen: Was sie sehen, begehren sie. Sie wollen es besitzen, sich aneignen. Dadurch muss Abram lernen: Das Land, das Gott ihn sehen lässt, dieses Land kann er so nicht besitzen. Und doch wird ihm dieses Land verheissen.

Sehen, nicht besitzen, doch verheissen (versprochen). Ich denke, dass damit ein Grundbedürfnis des Menschen angesprochen ist. Wir alle brauchen „Land“, um leben zu können, um mit unserer eigenen Bedürftigkeit fertig zu werden. Die Frage ist nur, mit welcher Art von Sehen wir es verbinden: ob wir sehend so viel begehren, dass andere daneben nicht mehr leben können – oder ob wir sehen, wie die täglichen Bedürfnisse aller gestillt werden können.

Heinz Koch und Stephan Gottet beleuchteten wandernd die Geburt und die mögliche Zukunft des Vereins Projekt Synesius. Weitere Themen waren aus aktuellem Anlass: Franziskus der 1., Papst mit franziskanischer Bescheidenheit in Rom, und sein Widerpart, der etwas weniger bescheidene Bischof (Episkopos, Aufseher, Schützer, Behüter) aus Limburg. Das erfreuliche Aufeinandertreffen der Protagonisten in der Kirche St. Nikolaus hätte nicht unterschiedlicher sein können. Hier die Wärme der barocken Synesiheimstätte mit leichtem Weihrauch- und Kerzenduft, in der die morgens gehaltene jubilierende Ansprache des Stadtammanns irgendwie noch nachhallte, dort die etwas verschwitzten, dezent verdreckten, aus der Kälte kommenden Wandersleut. Als Letze empfingen sie den Augensegen. Wer wem die Augen öffnet, bleibe dahingestellt.