Vor ziemlich genau 60 Jahren, am 12. Oktober 1950 haben die Initianten und Gründer der ortsbürgerlichen Rebbauern-Vereinigung erstmals die Trauben im neu aufgebauten Rebberg lesen können. 107 Liter ergab damals die Ernte bei 80° Oechsle..

Auch heute werden die Reben am Schlosshang in eigener Regie gehegt, bearbeitet und gepflegt. Die Qualitätsansprüche, die Hege- und Pflege-Methoden, die Marktverhältnisse haben sich im Laufe der Zeit verändert und mussten angepasst werden.

Heute umfasst die Vereinigung 133 Mitglieder. Eine Freiwilligengruppe von rund 30 Männern und Frauen kümmert sich um die vielen Arbeiten, die im Laufe des Jahres anfallen. Bei diesen sporadischen und vom verantwortlichen Rebmeister-Ehepaar C. + K. Hartmann, Schinznach geleiteten Arbeits-Einsätzen zählt heute weder eine Mitgliedschaft in der Vereinigung noch Wohn- resp. Heimatort sondern einzig und allein die Freude an der Betätigung im schönsten Rebberg der Region. Zu diesen Arbeits-Einsätzen gehört auch ein lockerer, fröhlicher, kameradschaftlicher Geist. Zum offiziellen Lesetag werden sämtliche Mitglieder der Vereinigung eingeladen, mitzuarbeiten.

Am Samstag, 23. Oktober 2010 war es wieder so weit! Nach einem Vorleset anfangs Oktober (man pflückte das Traubengut, welches man für die Kelterung des neuen Produktes „Blanc de Noir" verwenden wird, etwas früher) halfen um 30 Personen mit, die reiche, süsse Ernte abzulesen und dem Rebmeister zur Kelterung zuzuführen. Rund 1'700 kg Traubengut mit bis zu 90° Oechsle konnte er zur Trotte führen.

Lauter zufriedene Gesichter traf man während des Lesens und der Pausen im Rebberg und später auch beim traditionellen Winzer-Zvieri (Suppe mit Spatz und reichlich selbst produziertes Flüssiges) im Forsthof.

Das Jubiläum 60 JAHRE REBEN AM SCHLOSSBERG gibt Anlass, im Büchlein „Vom Lenzburger Weinbau in Vergangenheit und Gegenwart" von Edward Attenhofer, erschienen im Verlag Kromer Druck AG 1983 , zu schnuppern.

Der Rebbau am Lenzburger Schlossberg hat Tradition: „Lentzburg ligt an einem lustigen, fruchtbaren platz an einem wingartberg" lobt schon Joh. Stumpf in seiner Chronik vom Jahre 1548. Bereits im 13./14. Jahrhundert wurde hier Weinbau betrieben; in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden die Reben von den Berner Landvögten gehegt und gepflegt. 1591 trugen die Reben der Stadtbürger gesamthaft 47.3 hl ein.

1927 mussten die Reben der neuen Zeit weichen (der gesamte Schlosshügel war dannzumal mit Reben bestockt). Amerika wurde zufolge der Prohibition trocken gelegt, und der Schlossbesitzer Lincoln Ellsworth aus Amerika konnte die Reben nicht stehen lassen - er liess sämtliche Stöcke ausreissen.

1950 haben die Ortsbürger am Schlosshang einen neuen Rebberg angepflanzt. Wie kam es dazu?

Der Verkauf des Postgebäudes an den Bund brachte 1948 genügend Mittel, um 1949 das Burghaldengut zu erwerben. Zu dieser Liegenschaft gehörte am unteren Schlossberghang eine Parzelle von rund 40 Aren. Der Stadtrat war der Meinung, dass dieses Grundstück mit Weinreben bestockt werden sollte.

53 Ortsbürger taten sich zur Rebbauern-Vereinigung zusammen und übernahmen die Verantwortung zum Bau und zum Unterhalt des Rebberges. Die Anlage erforderte 2751 Arbeitsstunden und Fr. 17'013.55; 4000 Stecklinge wurden bezogen.

Damals - wie heute - wird der Rebberg mit viel Freude und Idealismus grösstenteils auf der Basis der Freiwilligkeit gepflegt und gehegt. Wie ein Rebjahr aussieht kann in einer kleinen Bild-Dokumentation , welche am Geräte-Schopf beim Rebberg am Rebweg, Lenzburg) ausgehängt ist, betrachtet werden.

Nähere Informationen zur Rebbauern-Vereinigung oder zur Arbeitsgruppe Räblüs gibt deren der Präsident René Rauber, Ammerswil (062 891 55 88) gerne.(br)