Testplanung
Zukunft Frenkentäler: Zwischen Fusionen und Nirwana

Den grossen Befreiungsschlag für die Zukunft des Föiflibertals haben auch externe Experten nicht gefunden. Dafür gibt es ein Sammelsurium von möglichen Kleinschritten.

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Sie sind zwei der Zugpferde bei der Zukunftsplanung der Frenkentäler: Erwin Müller (links) und Thomas Noack sitzen beide im Steuerungsausschuss und im Bubendörfer Gemeinderat, Müller als dessen Präsident. Noack ist zudem Stadtbaumeister in Liestal.

Sie sind zwei der Zugpferde bei der Zukunftsplanung der Frenkentäler: Erwin Müller (links) und Thomas Noack sitzen beide im Steuerungsausschuss und im Bubendörfer Gemeinderat, Müller als dessen Präsident. Noack ist zudem Stadtbaumeister in Liestal.

Kenneth Nars

Wohin sollen die beiden Frenkentäler gehen? Diese Frage stellen sich mittlerweile elf Gemeinden seit drei Jahren im Rahmen der Testplanung Zukunft Frenkentäler, die vom Bund als derart modellhaft eingestuft wird, dass er den Prozess mit 150 000 Franken unterstützt. Zusammen mit den Gemeindebeiträgen steht so ein Budget von 750 000 Franken zur Verfügung.

Im Sommer wurde nun die Testplanung abgeschlossen: Drei ausserregionale, bekannte Planungsbüros analysierten die Region und skizzierten zusammen mit einem Expertenteam die Entwicklungsmöglichkeiten.

Diese wurden im sogenannten Synthesebericht zusammengefasst und sollen im November mit Vertretern von Gemeinden und Organisationen diskutiert werden. Das Ganze mündet dann Anfang 2017 in die abschliessende Ergebniskonferenz.

Identifikation mit Raum fehlt

Wobei der Synthesebericht zeigt: Den grossen Befreiungsschlag, wie die beiden Frenkentäler gestärkt in die Zukunft gehen könnten, gibt es nicht. Zudem fehlt heute bei der Bevölkerung die Identität mit einem übergeordneten Raum aus den Frenkentälern und Liestal.

Diesen Raum will übrigens das Gemeinderegionengesetz des Kantons, das derzeit in der landrätlichen Kommissionsbehandlung steckt, noch grösser fassen: Es ordnet den 18 Gemeinden aus den beiden Frenkentälern und Liestal auch noch Lausen, Arisdorf und Hersberg zu und stipuliert ihn zu einer von insgesamt sechs Regionalkonferenzen im Kanton.

Die Regionalkonferenzen sind – allerdings ziemlich umstrittene – Gefässe, innerhalb derer die Gemeinden zu einer vertieften Zusammenarbeit angehalten werden. Die Idee ist, dass die im Rahmen der «Zukunft Frenkentäler» erarbeiteten Positionen in die geplante Regionalkonferenz Liestal/Frenkentäler einfliessen, sofern das Gefäss kommt.

Erwin Müller und Thomas Noack zeigen nun gegenüber der bz auf, wohin sich vor allem das Hintere Frenkental (Föiflibertal) von Bubendorf bis Reigoldswil inklusive Berggemeinden Arboldswil, Titterten, Lauwil und Bretzwil mittelfristig, das heisst bis 2030, entwickeln kann.

Müller ist Bubendörfer Gemeindepräsident und Sprecher des Steuerungsausschusses von «Zukunft Frenkentäler», Noack ist in Personalunion Bubendörfer Gemeinderat und Liestaler Stadtbaumeister und gehört ebenfalls dem Steuerungsausschuss an. Zum Ziel des Prozesses sagt Müller: «Wir streben keinen einzelnen Leuchtturm an, sondern wir wollen in der Breite arbeiten.

Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft und müssen die Zukunft zusammen bewältigen.» Das heisst für die beiden Mitglieder des Steuerungsausschusses in den wichtigsten Bereichen folgendes:

  • Bevölkerung

Heute leben knapp 10 000 Personen im Föiflibertal, wobei die Gemeinden mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen kämpfen. So erfährt Bubendorf, das ab den 1980-Jahren einen grossen Bauboom mit dem Zuzug von vielen jungen Familien erlebte, derzeit einen Alterungsprozess: Die zugezogenen Familienväter und –mütter kommen ins Pensionsalter, die Jungen ziehen aus. Gleichzeitig ist das Bevölkerungswachstum nahe bei null.

Ziefen dagegen ist dank Neuerschliessungen in einer Wachstumsphase und wird den Zyklus von Bubendorf in kleinerem Rahmen in etwa zwei Jahrzehnten erleben. In Reigoldswil und den Bergdörfern verläuft der Wachstumsprozess wegen der grösseren Distanz zu den Zentren langsamer, obwohl noch einiges Bauland vorhanden ist.

Noack: «Ich gehe davon aus, dass diese Orte in etwa fünf Jahren etwas stärker wachsen, wenn die guten Bauparzellen in Bubendorf und Ziefen genutzt sind. Dann kommt das Bauland, das die Besitzer jetzt noch nicht verkaufen wollen, auf den Markt.»

Daneben erlebt Bubendorf derzeit einen zweiten Prozess: Mangels Bauland wird der Dorfkern erneuert, indem alte Bauernhäuser ausgebaut und ältere Einfamilienhäuser durch Mehrfamilienhäuser ersetzt werden. Der Erneuerung der Dorfkerne soll denn in den nächsten Jahren auch ein besonderes Augenmerk gelten.

Eine andere Stossrichtung für die Zukunft heisst: In den sonnigen, landschaftlich reizvollen Dörfern auf den Hügeln wie Arboldswil und Titterten steht nicht die Verdichtung im Vordergrund, sondern dort sollen auch Villen mit Umschwung Platz haben.

Etwas überspitzt heisst das in Umkehrung der früheren Verhältnisse: das Volk in den Tälern, die Reichen auf den Hügeln. Unter dem Strich wird aber die Bevölkerung im Föiflibertal bis 2030 nicht mehr gross wachsen.

  • Wirtschaft

Mit 2500 klar am meisten Arbeitsplätze gibt es in Bubendorf. Dies vor allem dank der Firmen Bachem und Carbogen Amcis: Beide sind auf Wachstumskurs. Zudem gibt es im Gewerbegebiet Grüngen zwischen Migros und Tozzo noch etliche freie Flächen. Müller rechnet bis 2030 denn auch mit 3000 Arbeitsplätzen in Bubendorf.

Bei den Dörfern weiter hinten gilt die Devise, die bestehenden Arbeitsplätze nach Möglichkeit zu halten. Um dies zu unterstützen, sollen die Gemeinden auf die sogenannte residentielle Ökonomie setzten.

Dazu Müller: «Diese soll im Denken der Bevölkerung festigen, dass die Leute ihr in den Zentren verdientes Geld bei Handwerkern und Läden ihres Wohnorts ausgeben.» Und Noack betont: «Wir haben aus der Testplanung gelernt, dass sich mit grosser Wahrscheinlichkeit kein Grossbetrieb in den beiden Frenkentälern ansiedeln wird.»

Wobei die Testplanung auch Widersprüchliches enthält: Das eine Planungsbüro empfiehlt, die Gewerbegebiete Talhaus (Bubendorf), Bärenmatte (Hölstein) und Bachmatten (Niederdorf) forciert zu fördern, ein anderes empfiehlt, die brachliegenden Gewerbeareale im Waldenburgertal zu halbieren.

Müller und Noack sehen hier den Hebel, Gewerbeflächen in andere Kantonsteile zu verschieben und alte Ruinen abzureissen und mit kleinen Pärken als Aufwertung für das Wohnumfeld zu ersetzen.

Wichtig für die Wirtschaft ist auch die Verkehrserschliessung. Hier soll der neue Liestaler Bahnhof mit viertelstündlichem Bahntakt von und nach Basel einen Schub bringen, indem der 70er-Bus den Takt zumindest bis Bubendorf abnimmt und es direkte Schnellbusse ins hintere Tal gibt.

  • Gemeindestrukturen

Heute arbeiten die Gemeinden im Föiflibertal intensiv zusammen, was sich in einem Dutzend, teils talübergreifender Verbünde von der Feuerwehr über die Musikschule bis zur Wasserversorgung zeigt. Zur Zukunft sagt Müller: «Im Moment können sich die Dörfer finanziell unter anderem mit dem Verkauf ihres Tafelsilbers noch über Wasser halten. Wie lange das noch geht, hängt von verschiedenen Parametern wie dem Finanzausgleich ab.

Irgendwann können die Gemeinden gewisse Bereiche nicht mehr alleine stemmen.»
Das könne das Bauwesen oder auch ganze Verwaltungen betreffen. Dass es deshalb mittelfristig zu Gemeindefusionen kommt, bezweifeln Müller und Noack. Müller: «Ich merke, dass es da sehr viel Widerstand gibt, weil man Angst hat, die Identität zu verlieren.

Man hat noch nicht begriffen, dass diese nicht an der Organisation hängt.» Und Noack ergänzt: «Wenn Reigoldswil und Ziefen fusionieren, dann hat Reigoldswil vielleicht keine Verwaltung mehr, es bleibt aber Reigoldswil mit Turnverein, Musikverein und allem anderem, das es gibt.»

Eine Vielzahl von Entscheidungen sei heute an die Verbünde ausgelagert und irgendwann würden diese an Grenzen stossen, sodass man organisatorisch etwas ändern müsse. Müller und Noack sind überzeugt, dass es deshalb langfristig zu Gemeindefusionen kommt.

Am meisten Sinn macht für sie eine Gemeinde pro Tal oder eine Gemeinde beider Frenkentäler. «Eine Gemeinde mit 20 000 Einwohnern ist auch stärker gegenüber dem Kanton», sagt Noack.

  • Umwelt und Natur

Das ist für Müller und Noack das anspruchsvollste Kapitel, weil die Landschaftsplanung in den Gemeinden heute kaum existent sei. Gefragt sei eine gemeindeübergreifende Planung, die sich überlegt, wie die Kulturlandschaft in Zukunft genutzt und in ihrer Qualität erhalten werden könne.

Ein Fazit der Testplanung heisst denn auch, die verschiedenen Anspruchsgruppen zusammen zu bringen mit dem Ziel, die Landschaft, aber auch die Siedlungen gemeinsam zu planen mit letztlich auch einem gemeinsamen Zonenplan. Ein Resultat davon könnte zum Beispiel ein Wanderweg entlang der Hinteren Frenke von Liestal bis Reigoldswil sein.

  • Kultur

Es soll auch in Zukunft die beiden Bereiche Dorfkultur mit Musikabenden und Festen und anspruchsvollere Kultur mit Konzerten und Kleintheater vor allem in Liestal geben. Ändern solle dagegen das regionale Verständnis, sagt Noack.

Dies in dem Sinne, dass sich die beiden Frenkentäler gemeindeübergreifend finanziell an den regionalen «Kultur-Hot-Spots» beteiligten. Nicht nur an jenen in Liestal, sondern zum Beispiel auch am Pfarrhauskeller Waldenburg oder auf Wildenstein.

Was ein solcher Hot-Spot ist, müssten die Gemeinden noch gemeinsam definieren, so Noack. Das Gleiche gelte für übergeordnete Infrastrukturen wie das Hallenbad in Liestal, den Fussballplatz in Bubendorf oder das Geräteturnen in Ziefen. Heute spiele diese Solidarität zu wenig.

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