«Zoom-Bombing»
Plötzlich erschienen Szenen aus Nazideutschland auf den Bildschirmen

An der Universität Basel kam es zu einem antisemitischen Vorfall. Das Einklicken in offene Zoom-Konferenzen ist zwar selten, aber besonders perfide.

Elodie Kolb
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Auch an der Universität Basel kam es während einer Zoom-Konferenz zu einem antisemitischen Vorfall.

Auch an der Universität Basel kam es während einer Zoom-Konferenz zu einem antisemitischen Vorfall.

Kenneth Nars

Nicht nur die Jüdische Liberale Gemeinschaft in Zürich wurde judenfeindlich über die Videotelefonie-Software Zoom angegriffen. Auch an der Universität Basel kam es im Januar zu einem antisemitischen «Zoom-Bombing».

Plötzlich erschienen Szenen aus Nazideutschland auf den Bildschirmen: Videos von Hitler-Reden, SS-Paraden und Aufmärschen mit der Bildunterschrift: «Der Holocaust war eine Lüge». Dazu kam es während der Präsentation des Studienfachs Jüdische Studien an der Universität Basel Anfang Januar. Im Rahmen des Bachelor-Informationstags für Gymnasiastinnen und Gymnasiasten stellte Erik Petry das Fach vor. Weil der Anlass für Interessierte der ganzen Schweiz gedacht war, war der Link öffentlich zugänglich. Wie der «Tagesanzeiger» am Dienstag berichtete, habe der verantwortliche Petry die Urheber der Beiträge aus der Veranstaltung entfernt und danach «seine Präsentation unbeirrt fortgeführt». Petry, der stellvertretende Leiter des Studienfachs Jüdische Studien, sagt auf Anfrage dieser Zeitung folgendes zu antisemitisch motiviertem Zoom-Bombing:

«Das Einklicken in eine Veranstaltung, die sich mit Judentum im weitesten Sinne befasst, ist eine besonders perfide Art, die Menschen anzugreifen.»

Matthias Geering, der Mediensprecher der Uni Basel, bestätigt den Vorfall auf Anfrage. Laut ihm haben sich entweder eine oder mehrere Personen unter den Namen «Tom», «Hitler» und «Aron Rosenberg» in die Konferenz eingewählt und in die Präsentation von Petry eingegriffen, indem sie judenfeindliche Bilder und Aussagen teilten. «Die Universität Basel verurteilt derartige Attacken und hat nach dem Vorfall am 7. Januar Strafanzeige gegen unbekannt eingereicht», schreibt der Mediensprecher.

485 antisemitische Vorfälle im Internet verzeichnet der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) in seinem Jahresbericht für 2020 in der Deutschschweiz. Laut dem am Dienstag veröffentlichten Bericht sei das zwar eine Stabilisierung – im Vorjahr wurden gleich viele Meldungen für Online-Angriffe vermeldet – die Zahlen bleiben aber «auf hohem Niveau». In der «realen Welt» seien im vergangenen Jahr 47 Vorfälle in der Deutschschweiz gemeldet worden, davon keine tätlichen Angriffe.

Nur wenig judenfeindlich motivierte Zoom-Bombings

Antisemitische Zoom-Bombings werden im Bericht nur im Rahmen eines Vorfalls erwähnt. Dies begründet Jonathan Kreutner, Generalsekretär des SIG, damit, dass im letzten Jahr nur dieser eine Vorfall registriert worden sei. Dieser wurde allerdings als «gravierend» eingestuft. Kreutner sagt:

«Insbesondere der Vorfall bei der Online-Veranstaltung der Jüdischen Liberalen Gemeinde im Januar in Zürich hat aber gezeigt, welches kriminelle und hetzerische Potenzial sich bei Zoom-Bombings entwickeln kann.»

Der SIG stufe Zoom-Bombings mit antisemitischem Hintergrund als schwere Vorfälle ein. Da aber sowohl der Vorfall bei der Jüdischen Liberalen Gemeinde in Zürich als auch der Angriff an der Uni Basel dieses Jahr geschahen, werden sie nicht in der Bilanz des letzten Jahres thematisiert.

Petry erlebe in Basel eine «grosse Sensibilität» für Antisemitismus. Im Zoom-Bombing sehe er ein Problem, das sich in den letzten Monaten vermehrt gezeigt hat. Diese Gefahr werde laut dem Professor wohl auch zu erhöhten Sicherheitsstandards führen. «Eine Garantie gibt es nicht, aber ich hoffe, damit diese Dinge weitgehend ausschalten zu können.»

An der Universität Basel ist laut Geering bisher nur ein weiteres Zoom-Bombing bekannt: Am 27. Januar seien an einem Online-Themenabend der Universitätsbibliothek «obszöne Kritzeleien» und «Marschmusik» auf dem Präsentationsbildschirm eingespielt worden. Allerdings lasse sich dieser Vorfall nicht eindeutig als antisemitisch motiviert einordnen.