Energie

Windräder statt Salzabbau: Muttenz als Spielball öffentlicher Interessen

Visualisierung: zVg

Gleich hoch wie der Roche-Turm: Bis 200 Meter würden die beiden Muttenzer Windräder in die Höhe ragen.

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Die ersten Baselbieter Windräder werden wohl am Rand des Hardwalds zwischen Autobahn und Bahngleisen aufgestellt. Die politischen Chancen sind grösser als bei Projekten auf den Hügelzügen der Region.

Mehr als 30 Windräder sollen im Baselbiet aufgestellt werden. So sieht es der kantonale Richtplan vor. Dieser wurde 2015 vom Landrat genehmigt, allerdings liegt bis heute im Kanton kein baureifes Projekt für eine Windkraftanlage vor. Politischer Widerstand und ernüchternde Resultate der Windmessungen machten mehreren Projekten der regionalen Energieversorger den Garaus. Von den sechs Windparkstandorten im Richtplan sind nur noch zwei im Gespräch: der Standort Challhöchi zwischen Röschenz, Kleinlützel und Burg und jener in der Muttenzer Hard. Doch nur bei letzterem besteht ein konkretes, von der Standortgemeinde mitgetragenes Projekt. Dieses befindet sich beim Amt für Raumplanung in Vorprüfung.

Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass die ersten Windräder im Baselbiet auf Muttenzer Boden aufgestellt werden. Und zwar in einem kleinen Waldstück nördlich des FHNW-Campus, das zwischen der Autobahn und den Gleisanlagen der SBB eingeklemmt ist. Der Standort der beiden geplanten Turbinen sei ideal, betont die Primeo Energie (vormals EBM), die das Projekt vorantreibt. Er liege nicht in einem Landschaftsschutzgebiet, aber in der Nähe der künftigen Konsumenten, den Industriebetrieben und privaten Haushalten.

Anlage deckt ein Achtel des Strombedarfs von Muttenz

«Wir wollen mit dem Projekt auch ein Zeichen setzen und die Akzeptanz der Windkraft in der Region erhöhen», sagt Jean-Marc Pache, Sprecher von Primeo Energie. Die beiden Windräder, die je nach Lage der Rotorblätter bis zu 200 Meter in die Höhe ragen, sollen ab Herbst 2023 Strom für 1200 Haushalte liefern. Für sich genommen ist das eine grosse Anlage, dennoch deckt sie bloss ein Achtel des Bedarfs von Muttenz (9300 Haushalte). Um das ganze Baselbiet mit Windstrom aus eigener Produktion zu versorgen, müssten mehrere hundert Windräder aufgestellt werden.

Der Muttenzer Gemeinderat begrüsst das Windkraftprojekt fast schon euphorisch: «Das ist ein schöner Moment», kommentiert der zuständige Gemeinderat Thomi Jourdan die Mitteilung der Primeo Energie. Man habe nun einen wichtigen Schritt gemacht hin zum Ziel, das die Muttenzer Bevölkerung bereits 2009 definiert habe. Damals legte diese im Rahmen der Zonenplanung der Gemeinde den Standort Hardwald für Windanlagen fest. Der Entscheid war eine Folge des erfolgreichen Kampfs gegen ein geplantes Gaskombikraftwerk auf dem Gemeindegebiet. Statt eines fossilen Kraftwerks hat Muttenz nun die Möglichkeit für eines, das aus erneuerbaren Energien Strom produziere, sagt Jourdan. Ein Grossteil des Schweizer Stroms werde heute an Standorten in Landgemeinden oder Berggebieten produziert. «Wenn es einen Standort gibt, der wenig Nachteile mit sich bringt, dann erscheint es mir für eine Gemeinde mit derart viel Industrie wie Muttenz wichtig, über die Möglichkeit nachhaltiger Stromproduktion vor Ort zu diskutieren», argumentiert Jourdan.

Allerdings ist Muttenz bereits heute Infrastrukturstandort von überkommunaler, ja teils überregionaler Bedeutung: Neben den Trassen für Autos und Züge liegen hier der Auhafen, das Industriegebiet Schweizerhalle, das Bundesasylzentrum und der FHNW-Campus – das grösste Gebäude im Baselbiet. «Grundsätzlich erlebe ich die Muttenzer Bevölkerung als offen für neue Projektideen – auch für jene eines kleinen Windparks», sagt Grünen-Landrat Peter Hartmann. Als Mitglied der Muttenzer Bau- und Planungskommission kennt er das Projekt der Primeo Energie. Gross – und letztlich erfolgreich – war jüngst allerdings der Widerstand gegen die geplanten Salzbohrungen in der Rütihard (Text unten). Die beiden Projekte seien nicht vergleichbar, sagt Hartmann: In der Rütihard soll eine Kulturlandschaft geschützt werden, die sich in den vergangenen 50 Jahren kaum verändert habe und in der näheren Region einzigartig sei. Zudem gebe es dort kaum Lärm. Demgegenüber liege der Standort der Windräder in einem Gebiet, das seit Jahrzehnten intensiv genutzt werde. Es gebe beim Windkraftprojekt zwar Punkte, die besonders beachtet werden müssten. Diese betreffen etwa die Vogelwelt und die Fledermäuse in Nähe von Rhein und Hardwald. Doch Hartmann betont: «Wir können nicht ständig sagen, wir wollen keine AKW, und lehnen dann konkrete Projekte für erneuerbare Energien vor unserer Haustür ab.»

Ähnlicher Meinung ist der Muttenzer SVP-Landrat und Ortsparteipräsident Markus Brunner: Er bekunde im Energiebereich Mühe mit der Verhinderungspolitik. «Irgendwo muss der Strom, den wir alle benötigen, produziert werden.» Das Windkraftprojekt komme bei ihm gut an, betont Brunner. Zu klären sei, welche Lärmemissionen von den drehenden Rotorblättern ausgehen. Gleichzeitig räumt er ein: «Viele Muttenzer sind durch Zug- und Autobahnlärm bereits heute stark belastet. Es stellt sich somit die Frage, wie gross der zusätzliche Lärm sein wird.»

SVP-Landrätin kündigt vehementen Widerstand an

Widerspruch kommt ausgerechnet von Brunners Parteikollegin Anita Biedert: «Es ist eine Zumutung, dass in dieses bereits heute stark genutzte Gebiet noch zwei Windräder hineingezwängt werden sollen.» Nutzungskonflikte und nachgelagerte Probleme seien programmiert, findet die SVP-Landrätin. Sie werde sich vehement gegen das Windkraftprojekt zur Wehr setzen und wenn nötig den Widerstand formieren. Die gebürtige Muttenzerin stellt zudem in Frage, dass der Wind dort genügend stark blase, um eine Windkraftanlage wirtschaftlich zu betreiben. Demgegenüber betont die Primeo Energie: Die Windmessungen hätten ergeben, dass sich der Standort eigne. Der berühmte Möhlin-Jet sorgt im Rheintal bis Basel für eine regelmässige Verschiebung der Luftmassen entlang des Rheins von Osten nach Westen. Welche durchschnittliche Windgeschwindigkeit im Hardwald gemessen wurde, will Primeo-Energie-Sprecher Pache auf Anfrage allerdings nicht verraten.

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