Basel
Wie sich die Bank Sarasin aus dem Basler Daig befreite – und Erfolg hatte

2007 übernahm die holländische Rabobank die Kontrolle über die einstige Familienbank. Doch die Weichen für die Loslösung vom Daig wurden bereits 1987 gestellt. Damals ahnten das nur wenige.

Michael Heim
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Im langjährigen Stammhaus von Sarasin, dem Haus «zum Eichbaum», logiert heute die Bank Julius Bär. Juri Junkov

Im langjährigen Stammhaus von Sarasin, dem Haus «zum Eichbaum», logiert heute die Bank Julius Bär. Juri Junkov

Die Stimmung in der Belegschaft der Bank Sarasin in der Elisabethen war wohl noch nie so angespannt. Seit Monaten wird um einen Verkauf der traditionsreichen Bank verhandelt, angeblich steht ein Abschluss kurz bevor.

Eine erste Offerte der Bank Julius Bär lehnte die holländische Rabobank, die Sarasin kontrolliert, ab. Pierin Vincenz, Chef der Schweizer Raiffeisen-Gruppe, arbeitet derweil an einem Konkurrenzangebot und weiss das Management schon eher auf seiner Seite. Beide Banken haben ihr Interesse mehr oder weniger klar bestätigt. Selten wurden die Medien so gut mit inoffiziellen Informationen gefüttert, wie in den vergangenen Wochen. Es geht um viel.

Auch Bankchef Joachim «Joe» Strähle ist Akteur im Übernahmepoker. Er wirbt seit Jahren für einen Verkauf der Bank – nur eben etwas anders: Zusammen mit dem Kader würde er die Bank gerne selber kaufen, ein Geheimnis hat er nie daraus gemacht. Hätte er Erfolg, schlösse sich für die Bank ein Kreis. Denn entstanden ist die Bank Sarasin, als sich in Basel ein Bankier, dessen Familie wie Strähle in der Stadt fremd war, selbstständig machte.

1841 gründete ein gewisser Johannes Riggenbach in der Aeschenvorstadt seine eigene «Handlung», die bald auch Finanzgeschäfte anbot. Riggenbach war zuvor Partner der altehrwürdigen Bank Ehinger, seit seiner Lehre hatte er dort gearbeitet.

Erst fünfzig Jahre später stossen die Sarasins zur Handlung Riggenbach. Nach dem Abgang des letzten Mitglieds der Gründerfamilie übernimmt Alfred Sarasin-Iselin die Geschäfte und ändert den Namen der Bank in A. Sarasin & Cie. Bald darauf zieht die Bank ins Haus zum Eichbaum an der Freien Strasse 107.

Die Sarasin waren zu dem Zeitpunkt bereits eine Grösse im Basler Gesellschaftsleben. Mit beiden Stadtpalästen am Rheinsprung – bekannt als «blaues» und «weisses» Haus – haben sie sich Denkmäler gesetzt. Ursprünglich stammten die Sarasin aus dem französischen Lothringen. Als Protestanten verfolgt, kamen sie nach Basel, wo Gedeon Sarasin im Jahr 1628 das Bürgerrecht erhielt. Sarasins waren Händler und Fabrikanten und waren massgeblich am Aufbau der Seidenbandproduktion beteiligt.

Die Bank wird fester Teil der Wirtschaftswelt. Zusammen mit anderen Instituten gehört sie 1872 – damals noch unter dem alten Namen – zu den Gründern des Basler Bankvereins, der letztlich in der UBS aufgeht. Im 20. Jahrhundert wächst der Einfluss der Sarasin-Bankiers auch national. Ihre Mitglieder sitzen nicht nur in zahlreichen Schweizer Verwaltungsräten, sie prägen auch die Bankaufsicht. So wird die Schweizerische Bankiervereinigung während der Hälfte ihrer bisherigen Existenz von einem Mitglied der Basler Bank präsidiert. Auch in die Nationalbank kann die Bank Sarasin eigene Leute entsenden.

Die Bank will wachsen, sie will mehr. 1974 bricht die Bank mit ihrer ersten auswärtigen Filiale in Zürich ein Tabu. Nicht nur war es die erste Zweigniederlassung einer Privatbank überhaupt – die Basler hatten damit auch das ungeschriebene Gesetz gebrochen, wonach Privatbankiers nicht in fremden Regionen wildern sollten.

1987 wagt die Bank Sarasin den unscheinbaren, aber letztlich entscheidenden Schritt. Um ihr Wachstum finanzieren zu können, ändert sie die Rechtsform und gibt Aktien aus. Nun können sich Fremde an der Bank beteiligen, die zuvor eine reine Personengesellschaft war. Formell gehört Sarasin als Kommandit-Aktiengesellschaft weiter zum edlen Klub der Privatbankiers,
doch eigentlich ist nun klar: Die Bank hat sich an neuen Anspruchsgruppen auszurichten.

Der Börsengang entspricht dem Zeitgeist: 1980 öffnete sich bereits die Bank Julius Bär und 1986 liess auch die Zürcher Bank Vontobel Aktien an der Börse kotieren. Wie bei Sarasin werden auch die beiden Zürcher Banken weiterhin von den namensgebenden Familien kontrolliert. Und wie Sarasin sind auch Vontobel und die «Bären» stark am Wachsen. Dass der Börsengang letztlich die Aufgabe des Familienbetriebs bedeutet, ist allen drei Instituten nicht bewusst. Oder noch nicht voll.

Sarasin wächst weiter – unter der bewundernden und gleichsam misstrauischen Beobachtung der Basler Noblesse. 1993 lässt die Bank das alte Täfer im Kern der Altstadt zurück und zieht in die «Peripherie», wie es Lukas Burckhardt in einem Artikel in der NZZ ausdrückt. Am Bahnhof SBB, auf den Resten der alten Stadtmauer, baut sich die Bank ihren neuen Hauptsitz. Während traditionelle Privatbankiers noch immer überlegen, ob sie ihre Bank überhaupt anschreiben wollen, installieren sich die Sarasins am Eingang zur Stadt. Unübersehbar. Die Bank Ehinger übernimmt derweil das Haus zum Eichbaum.

2002 kommt es zum grossen Knall. Die alten Partner bereiten ihren Rückzug aus der Bank vor und holen die holländische Rabobank an Bord. Zunächst nur mit einer Minderheitsbeteiligung. Doch die Rabobank sichert sich die Option, die Anteile der früheren Partner der Bank später übernehmen zu können. Faktisch kontrolliert sie damit die Zukunft des Instituts.

Intern sind sich die Bankiers einig, damit das Richtige zu tun. Sarasin erbt von der Rabobank mehrere Auslandfilialen und kann den internationalen Ausbau forcieren. In Öffentlichkeit hingegen müssen die Banker einstecken. Die Presse spottet, die Basler müssten nun Holländisch lernen, und die NZZ überschreibt einen Kommentar mit «Adieu Banquiers». Man habe damals stark gelitten, sagt Eric G. Sarasin, der heute noch bei der Bank arbeitet, später in einem Interview mit der «Basler Zeitung». Von der Konkurrenz sei man als «holländische Bauernbank» bezeichnet worden.

Für viele Kunden aus dem Daig ist spätestens jetzt klar, dass Sarasin nicht mehr ihre Bank ist. Sie ziehen Geld ab. Institute wie La Roche oder Baumann profitieren davon. Sie bieten ihrer Kundschaft weiterhin das «Haimelige», das bei der international ausgerichteten Sarasin verloren gegangen ist.

Auch nach dem Einstieg der Holländer träumen die Sarasins noch den Traum der Unabhängigkeit. 2005 wird Eric Sarasin in «Cash» zitiert, die Holländer würden ihre Option schon nicht ausüben. Gleichzeitig kommen erste Fusionsgerüchte auf. Bankchef Peter Merian muss ein erstes Mal Verhandlungen mit Julius Bär dementieren. Es wird nicht das letzte Mal bleiben.

Die Bank entbaslert sich weiter. 2006 wird erstmals ein Auswärtiger zum Chef ernannt. Joachim «Joe» Strähle erhält aggressive Ziele. Innert weniger Jahre will die Bank ihre Kundenvermögen auf über hundert Milliarden Franken steigern. Strähle pflegt einen neuen Stil, den man in Basel so nicht gekannt hatte. Offen spricht er darüber, wie er «nicht performende» Kundenberater auf die Strasse stellt, um den Gewinn der Bank zu steigern. Und das tut er auch.

2007 werden die ehemaligen Partner der Bank – darunter neben den Sarasins auch Peter Merian und Georg Krayer – ausgekauft. Die Holländer kontrollieren die Bank nun auch ganz direkt. Ein Jahr später gibt Krayer das Präsidium der Bank an den früheren Credit-Suisse-Banker Christoph Ammann ab.

Als Ehrenpräsident bleibt Krayer weiterhin für die Bank tätig. Noch heute arbeitet er regelmässig in seinem Büro an der Elisabethenstrasse, und er dürfte daneben einer der grössten verbliebenen Einzelaktionäre sein. Faktisch ist er der letzte Sarasin, auch wenn er nicht so heisst. Krayer sei für viele traditionelle Basler Kunden ein letzter Anker, sagt Matthias Preiswerk von der Basler Privatbank Baumann & Cie, der selber einst bei Sarasin gearbeitet hatte. Von Eric Sarasin hingegen hört man gemeinhin, er sitze wegen seines noblen Namens im Vorstand der Bank.

Die Bank Sarasin verwaltet auch heute noch Geld aus dem Daig, doch die Abnabelung von der Basler Gesellschaft ist geschehen. Bei der Kundschaft scheinen die aktuellen Übernahmegerüchte wenig auszulösen. Man erhalte kaum zusätzliche Anfragen, berichten die Konkurrenten am Platz Basel.

Würde die Bank Julius Bär zum Handkuss kommen, wäre die Bank Sarasin wohl schnell integriert. Den Namen könnte sie vielleicht behalten. Zu gut ist dieser verankert, zu wertvoll ist sein Ruf. Doch zahlreiche Büros in der Elisabethen würden nicht mehr benötigt. Denn die beiden Banken sind sich derart ähnlich, dass viele Stellen am Basler Konzernsitz überflüssig würden. In der Branche wird vom drohenden «Blutbad» gesprochen. Von den 566 Vollzeitstellen in Basel wäre die Mehrheit gefährdet, die meisten Leute arbeiten hier in der Verwaltung des Konzerns.

Den Zugang zur Basler Gesellschaft haben die «Bären» auch so schon lange. 2005 übernahm die Zürcher Bank von der UBS die Privatbankengruppe, zu der auch die frühere Ehinger & Cie gehörte. Seither prangt an der Freien Strasse das Logo von Julius Bär. In dem Haus, in dem Sarasin während neunzig Jahren den Hauptsitz hatte. Und an dem Haus, von dem Bank Sarasin ihr Logo hat: den Eichbaum.

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