Corona-Virus

Wenn alle zu Hause bleiben sollen: «Es kann schnell zu Konflikten kommen», warnt ein Basler Experte

Die Mutter schmeisst den Haushalt, der Vater kann nicht arbeiten, die Kinder müssen zuhause lernen: Besonders für Familien in prekären Verhältnissen kann die aktuelle Ausnahmesituation zu Problemen führen. Basler Experten warnen.

Die Schulen sind geschlossen. Die Kinder sitzen unruhig am Esstisch. Eigentlich sollten sie ihre Schulaufgaben erledigen, doch diese besondere Situation durch die Corona-Krise hat ihnen jegliche Alltagsstruktur geraubt. Gleichzeitig leiden die Eltern unter der ihnen auferlegten Kurzarbeit oder sie müssen ihren Job von zu Hause aus bewältigen.

Dazu kommt: Die Familie lebt auf kleinstem Raum. Sie könnte in Kleinhüningen oder im Klybeck-Quartier wohnen. Dort hat eine Person im Schnitt eine Wohnfläche von etwas mehr als 30 Quadratmetern. Gleichzeitig haben die Bewohner der Grossbasler Altstadt je mehr als 53 Quadratmeter zu Verfügung. Dies zeigen die Zahlen des Kantons Basel-Stadt von 2019.

Neue Probleme für Basler Familien

Kay Biesel, Dozent am Institut für Kinder- und Jugendhilfe der Fachhochschule Nordwestschweiz, beobachtet die aktuelle Lebenssituation vieler Basler Familien mit Sorge: «Dass nun alle, oft auch beide Elternteile, ständig zu Hause sind, birgt Herausforderungen und Probleme bei der Strukturierung des Alltags, mit denen die meisten noch nie konfrontiert waren.» Dazu kämen die Zukunftsängste. Gerade in grossen Überbauungen sei es nur schwierig umsetzbar, Abstand zu den anderen Kindern auf dem Spielplatz oder den Nachbarn zu halten.

Bildungsferne Familien sind laut Biesel besonders vom Schulausfall betroffen. «Wenn Eltern ohne didaktische Ausbildung oder ausreichende sprachliche Kompetenzen die Lehrpersonen quasi ersetzen müssen, kann es schnell zu Konflikten kommen.» Zudem sei unklar, ob Familien in prekären Verhältnissen überhaupt über die technischen Möglichkeiten verfügten, um das Homeschooling wie von den Lehrpersonen geplant umzusetzen.

Schulkinder sollen sich weiterhin als Einheit sehen

Es sei wichtig, auf unterschiedliche Voraussetzungen Rücksicht zu nehmen. «Es braucht darum dringend kreative Lösungen im Klassenverband. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich weiterhin als Einheit verstehen, indem sie sich etwa online begegnen», sagt Biesel.

Weiter fordert er eine Umstellung bei den Beratungsstellen sowie den Kinder- und Jugenddiensten: Dort müsse aufgrund der vorherrschenden Situation und im Hinblick auf eine drohende Ausgangssperre proaktiv der Kontakt zu gefährdeten Familien gesucht werden. «Wir werden wohl leider sehr unangenehme Fälle erleben in der nächsten Zeit», sagt Andrea Lanfranchi zu «NZZ online». Er ist Psychologe und Sonderpädagoge an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik.

«Verhindern, dass Kinder zu Bildungsverlierern werden»

Auch Biesel sagt vorsichtig: «Es könnte sein, dass mehr Gefährdungsmeldungen bei der KESB eingehen und auch Fremdplatzierungen von Kindern stärker in Betracht gezogen oder angefragt werden.» Noch seien aber zu viele Fragen offen, um eine Prognose zu wagen. Im Zentrum soll laut Biesel aber das Ziel stehen, zu verhindern, dass Familien Formen der Entlastung finden. Es müsse verhindert werden, dass Kinder aus prekären Verhältnissen «zu Bildungsverlierern werden». Das Basler Erziehungsdepartement wird heute Donnerstag im Rahmen einer Medienkonferenz über weitere Massnahmen zu Homeschooling informieren.

Neben den gefährdeten Familien geraten auch Opfer von häuslicher Gewalt in Notsituationen. Sie sind ihren Peinigern nun zu Hause ausgeliefert. Zahlen aus China zeigen: Gemäss Medienberichten haben die dortigen Beratungsstellen in den vergangenen Wochen während der Ausgangssperren dreimal so viele Frauen betreut, als zuvor.

Stress kann zu mehr häuslicher Gewalt führen

In Basel-Stadt ist es noch zu früh, um bereits eine Aussage dazu zu machen. Miko Iso, Leiterin der Fachstelle für häusliche Gewalt beim Basler Justiz- und Sicherheitsdepartement, sagt: «Es gab noch nie eine vergleichbare Situation. Darum ist es besonders schwierig, eine Prognose zu erstellen.» Sicher sei hingegen, dass die Verunsicherung in der Bevölkerung gross sei. Das Umstellen auf einen neuen Alltagsrhythmus verbrauche viel Energie. «Das Risiko, jetzt in eine Stresssituation zu geraten, ist natürlich erhöht», so Iso. Dabei könne es dazu kommen, dass man auf Bewältigungsstrategien wie etwa Gewalt zurückgreife.

Iso rät, bei familiärem Stress die bewährten Tipps vermehrt einzusetzen. «Durchatmen, auf zehn zählen oder einen kurzen Spaziergang machen, kann helfen.» Zudem seien die Anlaufstellen – das Frauenhaus, das Männerbüro sowie die Opferhilfe – trotz der aktuellen Lage erreichbar. «Natürlich steht momentan der medizinische Aspekt im Vordergrund. Dennoch dürfen die sozialen Punkte nicht vergessen werden», sagt Iso. So sei etwa «die Solidarität in der Nachbarschaft Gold wert». Denn auch unter normalen Umständen würden 20 bis 25 Prozent aller Fälle häuslicher Gewalt durch Nachbarn gemeldet.

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