Herzstück
Weihnachtsbrief an meine Enkelin (3)

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft beider Basel.

Martin Dürr
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Weihnachten wird dieses Jahr stiller sein als sonst. Aber wir werden feiern, diesen neuen Anfang, der mit dem Kind in der Krippe in die Welt kam. Die Freiheit wird zurückkommen – und fröhlich sein können wir auch jetzt.

Weihnachten wird dieses Jahr stiller sein als sonst. Aber wir werden feiern, diesen neuen Anfang, der mit dem Kind in der Krippe in die Welt kam. Die Freiheit wird zurückkommen – und fröhlich sein können wir auch jetzt.

Roland Schmid

Meine liebe Enkeltochter, bald ist Weihnachten. Für Dich war dieses Jahr wohl das einschneidendste Erlebnis, dass Dein kleiner Bruder auf die Welt kam. Du hast schon einen grossen Sprachschatz, singst Lieder, kannst mit dem Trottinett um den Park rasen wie Lewis Hamilton. Der kleine Bruder ist zwar ganz süss, aber so richtig zum Spielen taugt er noch nicht. Und dann ist er so unselbstständig! Und braucht darum so viel Aufmerksamkeit von seinen Eltern. Das findest Du verständlicherweise nicht immer gleich lustig.

Als Jesus vor über 2000 Jahren zur Welt kam, musste seine Mutter auch alles geben, damit er satt und gesund war. Ob Josef da so involviert war wie Dein Vater, bezweifle ich. Aber genau so, wie Deine Eltern sich jetzt um den Kleinen kümmern, haben sie auch Dich umsorgt. Sie tun es immer noch. Einfach anders, und nicht mehr ganz ungeteilt. Ich kenne das, schliesslich habe ich auch einen kleinen Bruder! Heute haben wir’s ja gut zusammen, aber am Anfang fand ich ihn sehr anstrengend. Dazu kommt, dass Du etwas durchlebst, das Erwachsene «Trotzphase» nennen. Das findet die Umgebung nicht immer ganz einfach, aber Du und wir alle lernen dadurch wichtige Dinge.

Ich frage mich manchmal, ob der kleine Jesus immer ein braves Engelein war. Ich vermute stark: nein. So, wie er von Maria nicht nur in Windeln gewickelt wurde, sondern diese auch gefüllt hat, so hat er auch seine Erfahrungen gemacht beim Grösserwerden wie alle Menschen. Das Leben ist spannend, anstrengend, schön und heiter. Manchmal fällt man um oder schlägt sich den Kopf an. Da nützt es wenig, jemand anderen zu beschuldigen oder zu beschimpfen. Das ist eine der Lektionen, die wir Menschen lernen beim Aufwachsen. Nicht alle lernen das gleich gut, habe ich den Eindruck, wenn ich in die Welt schaue.

Dieses Jahr ist für viele eine Zeit mit Unsicherheit, grossen Sorgen, Krankheit und Trauer, wie wir es noch gar nicht kannten. Mir kommt es vor, als würde ein Teil der Welt durch eine neue Trotzphase gehen. Wir wollen unseren Spass und unsere Freiheit, wie wir’s kennen – und da kommen Leute aus Regierung und Wissenschaft und sagen: «Halt, nein, das geht jetzt grade nicht.» Da gibt’s lautes Geschrei und Gejammer: «Ich will aber!» Oder wir sind wie Teenager, die Hausarrest haben. Dabei waren wir «es» gar nicht, die anderen waren’s! Jetzt verbieten die uns einfach jeden Spass und machen extra alles kaputt, diese gemeine, böse Elternregierung!

Als Teenager habe ich manchmal denen geglaubt, die sagten, sie wüssten immer alles genau und ich sollte nur auf sie hören. Gute Eltern sind manchmal unsicher. Sie wissen, dass sie auch mal Fehler machen. Später sind dann alle gescheiter. Weihnachten wird dieses Jahr stiller sein als sonst. Aber wir werden feiern, diesen neuen Anfang, der mit dem Kind in der Krippe in die Welt kam. Die Freiheit wird zurückkommen – und fröhlich sein können wir auch jetzt. Versprochen! Ich bin gespannt, wie unsere Geschichte weitergeht.