Kommentar

Was heisst schon bürgerlich? – Warum sich das Basler Bürgertum aus den Augen verloren hat

Ein Bild von traditioneller Bürgerlichkeit: Eine Basler Familie an der Hardstrasse, aufgenommen von Carl Hoffmann im Jahr 1923.

Ein Bild von traditioneller Bürgerlichkeit: Eine Basler Familie an der Hardstrasse, aufgenommen von Carl Hoffmann im Jahr 1923.

Es hat den Blues, das bürgerliche Basel. Nicht erst seit den reihenweise verlorenen Abstimmungen und Referenden der vergangenen Monate. Auch nach den Wahlen im kommenden Herbst werden die Parteien, die sich als bürgerlich bezeichnen, wieder in ein grosses Lamento verfallen: Man wird in sich gehen, nach Schuldigen suchen, die Sieger von Rot-Grün kritisieren, vielleicht Personal auswechseln und mit neuen (oder halbneuen) Köpfe versprechen, dass alles besser wird. Doch das wird nichts am grundsätzlichen Problem ändern. Nämlich: Das bürgerliche Basel befindet sich in einer tiefen Krise. Vielleicht in der tiefsten Krise seiner Geschichte.

Es handelt sich nämlich nicht nur um eine Krise der bürgerlichen Parteien. Diese liesse sich mit gutem Personal beseitigen. Die Krise ist vielmehr ein Symptom dafür, wie sehr sich das traditionelle bürgerliche Basel aus den eigenen Augen verloren hat.

Die alternativlose Sozialdemokratie

Die Verbürgerlichung der gesamten Gesellschaft ist ein vielfach und weltweit beschriebenes historisches Phänomen. Das hat in erster Linie mit dem Verschwinden der grossen Ideologien und des Klassenkampfes zu tun. Es fehlt sozusagen das Bild der Gegenseite. Niemand auf der linken Seite spricht heute mehr von der «Bourgeoisie» als revolutionärem Kampfbegriff für «die da oben». Man hat längst keine Angst mehr vor dem Patriziat des Münsterhügels, will längst keinen Umsturz mehr. In der Stadt Basel ist die Verbürgerlichung in besonderem Masse fortgeschritten. Sie hat sich in den vergangenen Jahren bis weit ins ursprünglich linke und grüne Milieu ausgedehnt.

Die Sozialdemokratie kann in dieser Stadt mittlerweile für sich beanspruchen, alternativlos zu sein. Ihre Exponenten - ein Blick auf die aktuellen Regierungsräte oder das führende Parteipersonal genügt - sind in ihrer Lebensweise, ihrem Habitus, ihrem Denken das, was man gemeinhin unter bürgerlich versteht. Sie leben im Wettstein-Quartier, im Hirzbrunnen, Neubad und im Bachletten. Vielleicht sind sie ausgestattet mit einer grösseren Prise Staatsgläubigkeit und Solidaritätsdenken und freuen sich etwas weniger über Autos als die traditionellen Bürgerlichen. Aber eigentlich sind sie durch und durch bürgerlich.

Die Stadt, die seit mehr als zehn Jahren ökonomisch blüht und gedeiht, kann sich eine solch gänzlich verbürgerlichte Sozialdemokratie seit Jahren prima leisten. Umgekehrt können die Sozialdemokraten (und die Grünen) mit und in einem solchen Gemeinwesen prima leben - in ihren Häuschen mit Gärtchen an den verkehrsberuhigten Rändern der Stadt, mit den breiter gewordenen Velospuren auf den Strassen, dem vorzüglichen Gesundheitswesen, den vielen gut bezahlten Arbeitsplätzen beim Staat oder an den Rändern der Kultur- und Sozialindustrie. Allfällige gesellschaftliche Utopien oder Veränderungen in der wirtschaftlichen Ordnung, vorgedacht in imaginären linken Denklabors, sind kein Thema. Rot (und auch Grün) steht für ein investitionsfreundliches Klima, für moderate Steuern (so lange Basel sie sich leisten kann), für die Unterstützung der sozial Schwächeren, für ein blühendes Kulturleben und eine möglichst gut funktionierende Zusammenarbeit mit dem Landkanton. Eine gewisse Sättigung ist festzustellen, aber auch mit dieser lässt es sich ja prima leben.

Die neue Klientelpolitik

Auf der anderen Seite hat das traditionelle (Gross-)Bürgertum, das sind die alten Eliten vom Münsterhügel und der «Dalbe», dem Gellert und auf dem Bruderholz, mit den Jahren sein Abgrenzungspotenzial preisgegeben, oder auch preisgeben müssen. Das immer wieder beschworene Bild der toleranten und offenen Stadt hat sich in der Realität durchgesetzt. Selbst in den Hochburgen grossbürgerlicher Traditionen, den Service-Clubs oder den Zünften beispielsweise, gibt es mittlerweile viel linksgrüne Bourgeoisie. Die einst bürgerliche Klientelpolitik, also die Aufteilung von Ämtern und Posten unter Gleichgesinnten oder Personen gleicher Herkunft, ist zumindest im Staatsapparat einer rot-grünen Klientelpolitik gewichen. Langzeitmacht, und davon kann man in einer Demokratie nach zehn, zwölf Jahren mit gutem Grund sprechen, bringt dies eben so mit sich. Selbstverständlich sind die alten Stadteliten nicht ganz ohnmächtig und ohne Macht. Selbstverständlich existieren die alten Seilschaften noch, gerade in der Privatwirtschaft. Aber sie wirken von der Tagespolitik und der Verwaltung abgekoppelt und folglich agieren die von ihnen unterstützten Parteien im luftleeren Raum.

Basel bietet enorm viel Chancengleichheit, vielleicht mehr denn je, und ist zum Ort der Aufsteiger, der Fachbegriff dafür heisst «Meritokratie», geworden mit einer gleichzeitigen Verwässerung der alten Standesgrenzen. Dies lässt sich unter anderem bereits an der Sprache festmachen. Wer spricht heute noch ein lupenreines Baseldeutsch?

Die Stabilität des politischen Systems

Über allem steht die erstaunliche (und unbesehen von der politischen Couleur: erfreuliche) Stabilität der politischen Ordnung und des Systems. Die rot-grün gelenkte Basler Politik lässt derzeit keinen Raum für eine grundsätzliche Unzufriedenheit. Kleine Skandälchen oder Aufreger hin oder her. Das Potenzial für fundamentale Opposition und «Alternativen» des rechten Spektrums scheint so klein, dass die SVP zwar längst stärkste Kraft im rechten Lager geworden ist. Doch die Protestpartei stagniert - auch, aber nicht nur wegen ihres begrenzten Personals. Und die anderen Parteien, die sich bürgerlich nennen? Sie traben scheinbar unbeirrt von Niederlage zu Niederlage.

Die Kernfrage, die sie sich stellen sollten, wäre also nicht in erster Linie jene nach neuen Themen. Sondern: Was bedeutet eigentlich der Begriff «bürgerlich» im heutigen Basel ganz genau? Denn eine Rückkehr zu den althergebrachten «Werten» bürgerlicher Politik wie Familie, Religion oder gar Herkunft lässt sich generell, aber vor allem in einem urban-fortschrittlichen Raum wie Basel nicht rechtfertigen. Vielleicht liegt der Schlüssel in der Frage der individuellen Freiheit, dem Kernanliegen des Liberalismus?
In der Medizin ist die Krise der Scheitelpunkt, wo sich entscheidet, in welche Richtung es gehen wird - ob aufwärts oder abwärts. Die Krise der bürgerlichen Parteien wird so lange anhalten, bis sie eine Idee davon bekommen und diese auch vermitteln können, was sie unter «bürgerlich sein» im links-grün-bürgerlichen Basel überhaupt verstehen. Und zwar nicht im parteipolitischen, sondern im soziologischen Sinn. So lange die Wirtschaft brummt und die Sozialdemokratie die Deutungshoheit über das Politische, Gesellschaftliche und Kleinbürgerliche hat, wird dies schwierig bis unmöglich. Allein auf einen wirtschaftlichen Abschwung zu hoffen, wäre absurd und zynisch.

Patrick Marcolli
patrick.marcolli@chmedia.ch

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