Portrait

Urs Nigglis Karriere nach der Karriere: Vom biologischen Landbau zur Beratungsfirma

Urs Niggli kann bei der Forschungsanstalt eine reiche Ernte einfahren.

Urs Niggli

Urs Niggli kann bei der Forschungsanstalt eine reiche Ernte einfahren.

Der frisch pensionierte Direktor des Fricktaler Forschungsinstituts für biologischen Landbau gründet eine Beratungsfirma.

Mit 66 Jahren, so hatte Udo Jürgens einst besungen, fängt das Leben erst an. Urs Niggli, seit diesem Monat nicht mehr Direktor des FiBL, des Fricktaler Forschungsinstituts für biologischen Landbau, startet in diesem Alter sein Leben als Unternehmer. Er gründete in Basel die agroecology.science, ein Beratungsunternehmen mit Ambitionen im Bereich Nachhaltigkeit und ökologische Landwirtschaft.

Niggli hält es allerdings auch mit dem Film «Lola rennt», der erzählt, wie das Leben auch anders verlaufen könnte. Niggli sagt, er hätte vor 30 Jahren auch Abteilungsleiter in der Bundesverwaltung bleiben können, statt sich um das Direktorenamt beim FiBL zu bewerben. Oder er hätte schon damals Unternehmer werden können; das habe er nicht getan, das hole er nun nach.

Als Pensionär hätte er sich auch zur Ruhe setzen können. Seine Verdienste um den biologischen Landbau sind ihm nicht zu nehmen. Unter seiner Führung hat sich eine kleine Forschungseinrichtung in Oberwil zu einem internationalen Forschungs- und Wissenszentrum im Fricktal mit rund 200 Mitarbeitern entwickelt. Mit einem Umsatz von knapp 30 Millionen Franken gehört die Gruppe mit selbstständigen Niederlassungen in Deutschland, Österreich, Frankreich und Ungarn in ihrem Bereich zu den führenden europäischen Institutionen.

Niggli hätte sich mit Genugtuung in den Ruhestand verabschieden können. Er übergibt der dreiköpfigen Führung, die ihn ablöst, eine stabile Institution. Die Finanzierung ist gesichert; der Bund hat seinen Beitrag auf jährlich 15 Millionen Franken verdoppelt. Und der Grundstein für den Ausbau ist gelegt; für 25 Millionen Franken wird gebaut, wovon der Aargau für das Prestige-Institut 11 Millionen Franken beisteuert.

Von den täglichen Sorgen befreit

Doch Niggli kann nicht aufhören. In seinem Abschiedsinterview mit «Der Zeit» sagte er, «der FiBL-Stiftungsrat würde mich gerne beim Gärtnern würdevoll altern lassen, aber darauf habe ich keinen Bock». Schliesslich sei dies nun «der spannendste Moment meines Lebens». Nachdem er über 30 Jahre in tägliche Sorgen involviert gewesen sei, habe er nun «eine breite Palette von Möglichkeiten, um die grossen Netzwerke und die strategische Erfahrung einzusetzen».

Die agroecology.science sei nicht seine «Seniorenbeschäftigung», sagt Niggli im Gespräch. Er wolle ein modernes und grosses Beratungsunternehmen aufbauen, das Expertise und Kompetenzentwicklung im Nachhaltigkeitsbereich anbiete. Nur die besten Fachleute weltweit möchte er für die Projekte engagieren. Darunter auch seine Kollegen vom FiBL. Mit vier möglichen Auftraggebern sei er bereits im Gespräch; zwei seien private Investoren, zwei seien öffentliche Körperschaften.

Niggli hat sich als Person schon beim FiBL nicht zurückgenommen, bei der agroecology.science steht seine Person im Vordergrund. Er werde viel unterwegs sein, um mit seinem guten Namen das neue Unternehmen zu beflügeln.

FiBL international bleibt in seiner Hand

Vom FiBL wird Niggli aber nicht lassen. Bei FiBL Deutschland und bei FiBL Österreich wird er Präsident der dortigen, unabhängig organisierten Niederlassungen bleiben. Österreich, so sagt er, «wird massiv von meinem Renommee profitieren». Schliesslich habe er exzellente Beziehungen zur Landwirtschaftsministerin.

Wichtig ist ihm auch die vor drei Jahren gegründete FiBL Europe, in Brüssel eine der unzähligen Lobbyorganisationen. In der belgischen Hauptstadt fühlt sich Niggli besonders wohl. Er habe eben «keine Hemmungen», sich in diesem Biotop von Interessensvertretern, Parlamentariern und EU-Verwaltung zu bewegen. Niggli schwärmt von der Lebendigkeit der Stadt, in der er auch künftig um Aufträge weibeln wird. Die FiBL erbringe heute schon Dienstleistungen für die Europäische Union, die EU-Kommission habe er persönlich beraten. Nun könnte der eine oder andere Auftrag auch für die agroecology.science abfallen.

Nur in der FiBL-Zentrale in Frick wird Niggli nicht mehr anzutreffen sein. Die dortigen Verpflichtungen gibt er alle auf. Den Sitz im Stiftungsrat hat er schon seit dem Herbst 2018 nicht mehr. Eine Rückkehr ist nicht vorgesehen.

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