Trotz Coronapandemie
Basel wächst weiter stark

Im Jahr 2020 hat sich die Einwohnerzahl des Stadtkantons um 1'500 Personen vergrössert. Die Behörden rechnen nicht mit einer Trendumkehr.

Patrick Marcolli
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Beliebtes urbanes Wohnen: ein Blick aus den Wohnateliers auf der Erlenmatt.

Beliebtes urbanes Wohnen: ein Blick aus den Wohnateliers auf der Erlenmatt.

Bild: Roland Schmid (Archiv)

Stadtflucht in Zeiten der Pandemie? Für Basel jedenfalls gilt diese weitverbreitete – oder zumindest prognostizierte – Tendenz nicht. Laut dem Basler Stadtentwickler Lukas Ott ist die Bevölkerung des Stadtkantons im Jahr 2020 um über 1'500 Personen angewachsen. Da nach wie vor ein sogenannter «Sterbeüberschuss» bestehe, könne davon ausgegangen werden, so Ott zu dieser Zeitung, «dass die Zuwanderung trotz Pandemie nicht eingebrochen ist und zum anderen auch die Abwanderung in die Agglomeration oder andere Gebiete der Schweiz nicht – wie verschiedentlich angenommen – zugenommen hat».

Die Behörden im Kanton gehen nicht davon aus, dass wegen Corona noch eine Trendumkehr erfolgen wird. Insbesondere die kurzen Wege zu den Naherholungsgebieten, der Rhein, der stabile Arbeitsmarkt sowie die «lebendige Start-up-Szene» tragen laut Ott zu einem «attraktiven Wohnstandort» bei. Mit den grossen Transformationsarealen wie dem Lysbüchel, dem Klybeck oder dem Dreispitz habe der Kanton die Möglichkeit, «die Stadt in diesem Sinne weiter zu denken, zu bauen und zu entwickeln und auf demografische Trends zu reagieren». Diese Stärken gelte es zu betonen, «um einer potenziellen, nicht nachhaltigen Suburbanisierung entgegenzutreten».

Tendenziell zunehmend sind auch die innerkantonalen Wanderungsbewegungen. Will heissen: Die Basler sind mit ihrem Wohnkanton zufrieden, sie wechseln je nach Lebensumständen einfach das Quartier. «Und das über alle Gesellschaftsgruppen betrachtet», sagt Stadtentwickler Ott. Mit ein Grund sei die hohe Wohnbautätigkeit der vergangenen Jahre. «Wir beobachten, dass die Erstbezüger von neuen Wohnbauarealen wie der Erlenmatt zum grossen Teil bereits zuvor im Kanton gewohnt haben.»

Mehr kleinere Wohnungen – neue grosse sind oft unrentabel

Die Frage bleibt, wie es denn bei grossen, familienfreundlichen Wohnungen aussieht. Am Beispiel des Claraturms zeigt sich ein eindeutiger Trend bei Investoren: Sie setzen stark auf kleinere und mittelgrosse Zwei- oder Dreizimmerwohnungen, also für Alleinmieter oder Pärchen, und weniger auf grössere Wohneinheiten. Nach Gesprächen zwischen einigen Immobilienexperten und der bz verfestigt sich diese Entwicklung. Grosse Wohnungen an guten Lagen werden vorzugsweise verkauft und nicht vermietet. Selbst bei hohen Mieten wäre die Rentabilität nicht gegeben.

Noch vor rund 15 Jahren hatte die damalige Regierung mit ihrem Programm «LogisBâle – 5'000 Wohnungen innert 10 Jahren» unter Baudirektorin Barbara Schneider (SP) auf eine andere Entwicklung gesetzt. Forciert wurde damals insbesondere die Erstellung von grossräumigen Wohnungen, um der Abwanderung von Familien aus der Stadt Einhalt zu gebieten. Dieses Ziel habe man zumindest teilweise erreicht, sagt Lukas Ott. «Bei den zwischen 2000 und 2010 neu geschaffenen Wohnungen ist der Anteil an Wohnungen mit vier und mehr Zimmern deutlich höher als im Gesamtbestand», sagt er rückblickend.

Die Kehrseite der Medaille: Grössere Wohnungen belasten gerade das Budget von Familien zusätzlich oder sind schlicht nicht bezahlbar. Das Problem der hohen Mietzinse wird verschärft durch die gestiegene Attraktivität des urbanen Wohnens sowie den vorherrschenden Anlagedruck bei Investoren. «Auch wenn es im Bestand nach wie vor viele günstige und sehr günstige Wohnungen gibt, ist es für Wohnungssuchende zunehmend schwierig geworden, Wohnungen mit tiefen Mietzinsen zu finden», sagt Lukas Ott.

Die rot-grüne Regierung versucht, insbesondere mit ihrem Fokus auf den genossenschaftlichen Wohnungsbau sowie Familienmietzinsbeiträgen Gegensteuer zu geben. Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass diese Bemühungen 2019 zumindest (für 2020 liegen noch keine Zahlen vor) nicht unbedingt von Erfolg gekrönt waren: Die Abwanderung von Familien aus dem Kanton Basel-Stadt hat im vorletzten Jahr leicht zugenommen. Stadtentwickler Ott möchte aber daraus keinen Trend ableiten. Seit 2013 hätten immer weniger Familien Basel den Rücken gekehrt und auch die Umzugsraten von Familien innerhalb des Kantons seien leicht steigend gewesen.