Basler Asylwesen

Trotz Coronakrise: Bund bringt Asylsuchende in Zivilschutzanlage unter

Eng, unterirdisch und dunkel: Die Asylsuchenden versuchen, sich in der Zivilschutzanlage an die Weisungen des Bundes betreffend der Coronakrise zu halten. Grossrätin Tonja Zürcher kritisiert die Zustände in der Basler Asylunterkunft.

Aram* versucht, so wenig Zeit wie möglich in der Asylunterkunft zu verbringen. «Im Bunker haben wir kein Tageslicht, die Luft ist schlecht.» Er lebt seit einem Monat in der Zivilschutzanlage Werkhof in Kleinhüningen. «Oben IWB, unten Bunker», sagt Aram. Dabei sollten doch gerade alle in diesen Tagen aufgrund des Coronavirus möglichst zuhause bleiben.

Der 30-Jährige kam vor zwei Monaten aus der Türkei in die Schweiz. Als Kurde sei er politisch verfolgt worden, erzählt er. «Viele Probleme mit der Polizei.» Deutsch spricht der junge Mann noch nicht. Darum übersetzt ein Mitglied von Rota, der migrantischen Selbstorganisation, die Erzählungen von Aram. Der Übersetzer kennt die drei älteren Brüder des Geflüchteten: Sie leben seit neun, fünf und zwei Jahren in der Schweiz. Nun will auch Aram hier sein Glück versuchen.

Politikerin will Antworten von der Basler Regierung

Zuerst lebte der Kurde im Bundesasylzentrum Bässlergut in Basel, jetzt in der Zivilschutzanlage. Aram spricht von über 50 männlichen Mitbewohnern. Sie alle wurden in die Anlage verlegt, um mehr Abstand in den Unterkünften möglich zu machen. «Wegen des Virus kommen immer mehr», sagt er.

Das kritisiert Basta-Grossrätin Tonja Zürcher. Sie hat eine Interpellation eingereicht. «Die unterirdische Unterbringung von Menschen über längere Zeit ist nicht menschenwürdig, in der aktuellen Situation sowieso», sagt Zürcher zur bz. Darum verlangt sie Antworten von der Basler Regierung: Wer kontrolliert etwa die Einrichtungen des Bundes? Und welche Lösungen gibt es für Geflüchtete, die einer Risikogruppe angehören?

Zuletzt wurde die Anlage in der Flüchtlingskrise geöffnet

Sowohl das Zentrum Bässlergut als auch die Zivilschutzanlage stehen aber unter der Hoheit des Staatssekretariats für Migration (SEM). Letztere wurde bereits mehrmals für die Unterbringung von Asylsuchenden genutzt. 1998 wurde die unterirdische Anlage wegen der Kosovokrise geöffnet; 2008 und 2009 lebten rund 80 Personen aus Eritrea dort, da in ihrem Heimatland Unruhen herrschten; 2011 war die Anlage voll besetzt. Zum letzten Mal wurde der Bunker 2016 bewohnt: Damals waren rund 80 Personen auf dem IWB-Gelände untergebracht.

Nun ist die Zivilschutzanlage wieder in Betrieb. Sang- und klanglos quartierte das SEM dort Asylsuchende ein. Und zwar schon seit dem 18. November 2019, wie SEM-Sprecher Lukas Rieder auf Anfrage sagt. «Die Inbetriebnahme fand aufgrund des geplanten Neubaus der Unterkunft im Basler Bundesasylzentrum statt.» Da der Betrieb dort während der Bauarbeiten weiterlaufe, könnten weniger Personen im Bässlergut untergebracht werden. Der Bund habe die Öffentlichkeit – die Anwohner –über die Verlegung von Asylsuchenden informierte, sagt Rieder.

Bund und Bewohner widersprechen sich

Rieder sagt: «Dem Umstand, dass die Unterbringung in der Zivilschutzanlage während der Coronakrise nicht optimal ist, wird Rechnung getragen. Die Belegung der Zivilschutzanlage wird sukzessive heruntergefahren, so dass die Unterkunft bis spätestens Ende Monat geschlossen werden kann.» Derzeit seien – entgegen der Schilderungen von Aram – 30 Personen in Kleinhüningen untergebracht. Die meisten stammten aus Afghanistan, Algerien und der Türkei. Damit die empfohlenen Sicherheitsabstände eingehalten werden können, sind laut Rieder nur etwa die Hälfte der Plätze belegt. Die Mahlzeiten würden schichtweise und in kleinen Gruppen eingenommen. Zudem seien die Asylsuchenden über Hygiene- und Verhaltensanweisungen informiert.

Was vernünftig klingt, entspricht laut Aram nicht der Realität. «Wir schlafen zu zehnt im Zimmer, müssen alle zusammen essen und es ist zu eng, um einander aus dem Weg zu gehen.» Er macht sich Sorgen, sich anzustecken. Darum verbringt er so wenig Zeit wie möglich im «Bunker». Er geht in den Wald oder an den Rhein. Am liebsten möchte er bei einem seiner Brüder leben. Doch den Asylsuchenden wurden sämtliche Urlaube gestrichen. Und die Asylverfahren gehen nur noch schleppend voran. Aram sagt resigniert: «Ich glaube, niemand interessiert sich für uns.»

* Name der Redaktion bekannt.

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