Nähkästchen

Stadionsprecher Michael Köhn über pandemiebedingte Pausen: «Ein Geisterspiel ist wie ein Stummfilm»

Michael Köhn auf der Terrasse des Zunfthauses in der Freien Strasse. Er ist im Vorstand der Zunft zu Rebleuten und geniesst den sozialen Austausch sehr.

Michael Köhn auf der Terrasse des Zunfthauses in der Freien Strasse. Er ist im Vorstand der Zunft zu Rebleuten und geniesst den sozialen Austausch sehr.

Michael Köhn (52) ist seit zwanzig Jahren leidenschaftlicher Stadionsprecher des FC Basel und arbeitet bei der Wirtschaftskammer Baselland. Im Nähkästchen spricht er über Pausen, die er zwar so gar nicht mag, aber für wichtig befindet.

Herr Köhn, worüber reden wir heute?

Michael Köhn: Über Pausen. Ich habe überhaupt nicht mit diesem Wort gerechnet (lacht). Grundsätzlich ist es sicher so, dass Pausieren etwas ist, was ich lernen musste. Pausen haben ja nicht nur Nachteile, zwischendurch einmal inne zu halten kann sehr wichtig sein. Ich bin ein Mensch, der sehr gerne in Bewegung ist. Früher habe ich Duathlon gemacht, ich bin sehr viel in den Bergen, war mit 9 auf meinem ersten 4’000er. Wo Bewegung ist, braucht es aber trotzdem immer wieder eine Pause, ein Innehalten. So ist es auch im Leben, man muss sich in regelmässigen Abständen immer wieder orientieren und hinterfragen. Dafür braucht man einen Moment der Ruhe. Das in der vollen Bewegung zu machen, ist relativ schwierig. Für mich ist Pausieren auf alle Fälle nicht immer sehr einfach.

Geht die Gesellschaft falsch mit Pausen um? Sind wir da zu streng?

Ich glaube das Problem ist, dass man sehr schnell Rückschritte meint, wenn man von Pausen redet. Es muss in allen Bereichen immer vorwärts gehen, bei der Arbeit, privat, beim Fussballspiel… In unserem Gefühl ist das Wort näher am Rückschritt als am Fortschritt. Streng genommen ist es aber eigentlich die Balance. Die negative Prägung ist aber schade, denn die Natur braucht diese Pause auch. Im Winter atmet sie durch, damit es nachher wieder weitergehen kann. Um 100% leisten zu können, muss man ab und an einfach Ruhe finden, dann kann es wieder weitergehen.

Jetzt ist dieses Jahr geprägt von Pausen...

Absolut. Und man sieht, wie viele Menschen Mühe damit haben, sich der Situation anzupassen.

Sie auch?

Ich vermisse die Zuschauer im Stadion extrem. Es ist gut, dass es weitergeht, dass im Fussball kein Unterbruch herrscht. Aber wenn wir ehrlich sind: Geisterspiele sind nicht das, was wir wollen. Das Teilen der Emotionen fehlt wahnsinnig, egal ob im Sport oder in der Kultur. Wir können aber froh sein, dass wir in der Schweiz versuchen, eine Balance zu finden ohne allzu grosse Einschränkungen. Klar, niemand möchte wirklich eingeschränkt werden, aber das müssen wir jetzt eben lernen und hoffen, dass es irgendwann wieder anders wird.

Kommt man sich als Stadionspeaker im Moment auch etwas blöd vor?

Ich habe früher schon ein, zwei Geisterspiele erlebt. Dort ging ich ins Stadion und wusste, dass es keine Zuschauer haben würde. Ich wusste aber auch, dass die Welt in zwei Wochen wieder ganz anders aussehen und das Haus wieder voll sein wird. Das ist der Unterschied zu jetzt. Ich meine, am Samstag spielt die Nati in Basel gegen Spanien. Das ist nicht wie...

Luxemburg?

Ja. Also nichts gegen Luxemburg (lacht). Das Spiel ist in Basel, weil man damit gerechnet hat, dass viele Zuschauer kommen würden. Jetzt steht uns ein Geisterspiel bevor. Da fehlt ein ganz grosser Teil des Erlebnisses Fussball. Als Speaker fühle ich mich dann wie in einem Aquarium, in einem Stummfilm. Ich sehe alles, aber höre nichts.

«Ich habe Bewegung in mir», sagt Köhn und gibt zu, dass Zwangspausen für ihn und sein Umfeld nicht immer einfach sind.

«Ich habe Bewegung in mir», sagt Köhn und gibt zu, dass Zwangspausen für ihn und sein Umfeld nicht immer einfach sind.

Ist die Speakerbox auch ein Aquarium?

Im Moment auf jeden Fall. Du sitzt hinter Glas und siehst, wie sich die Spieler bewegen, hörst aber nichts und hast keine Zuschauer, mit denen du interagieren kannst.

Wie hat die Pandemie den nichtfussballerischen Teil Ihres Alltags verändert?

Der gesellschaftliche Aspekt ist in den vergangenen Monaten stark verloren gegangen, im Privaten wie auch bei der Arbeit. Beruflich bin ich bei der Wirtschaftskammer Baselland tätig. Die Pandemie hat den beruflichen Alltag aller KMU auf den Kopf gestellt und damit auch unseren. Wir engagieren uns noch mehr als sonst für unsere Mitglieder. Es ist eine intensive, aber auch tolle Zeit, weil eine grosse Solidarität spürbar ist. Ich hoffe sehr, dass diese Solidaritätswelle anhält.

Was war speziell schwierig für Sie?

Meine Eltern kaum mehr richtig sehen zu können. Mein Vater ist im Sommer verstorben und ich konnte ihn zuvor nicht mehr richtig besuchen. Das ist mir schon sehr nahe gegangen. Die Besuche mit Maske und die massive Begrenzung der Anzahl Besucher, das war fürchterlich.

Das tut mir sehr Leid. Viele ältere Menschen versuchen jetzt, auszubrechen und pochen dabei auf Eigenverantwortung, das ist aber nicht zu Ende gedacht, oder?

Nein. Klar, kann jeder für sich sagen, dass er das Risiko einer Ansteckung in Kauf nehmen will. Aber da hört es eben nicht auf, denn nicht jeder sieht das so. Alle können ihre Mitmenschen im Altersheim anstecken und genau dann sind wir bei der Solidarität. Das ist der Punkt, den viele leider nicht verstehen. Solange direkte Kontakte bestehen, ist das nicht zu Ende gedacht. Ich will beispielsweise nicht derjenige sein, der meine Mutter mit Corona ansteckt.

Welche Pause würden Sie so gar nicht ertragen können?

Da ich ein Bewegungsmensch bin wäre das, wenn mein Körper in die Unbeweglichkeit fallen und mein Geist noch funktionieren würde. Diesbezüglich stark eingeschränkt zu sein wäre schlimm für mich.

In welchem wirtschaftlichen Zustand kommt die Region aus der Krise, aus der Pause?

Eine verlässliche Prognose kann verständlicherweise niemand abgeben. Aber ich bin überzeugt, dass unsere Region im Vergleich mit der Restschweiz besser wegkommt. Das liegt auch an der Wirtschaftsstruktur im Raum Nordwestschweiz, wobei auch hier der Kanton Baselland sich mit seiner vielfältigen KMU-Wirtschaft nochmals von der Stadt Basel mit der starken Pharma und Dienstleistungsunternehmen unterscheidet. Die vergangenen Monate haben schon gezeigt, dass wir hier besser aufgestellt sind. Pausen bedeuten, einen Moment lang anzuhalten oder anhalten zu müssen. Es geht dann aber weiter, vielleicht in eine andere Richtung, vielleicht mit neuem Inhalt im Rucksack. Das werden wir sehen. Sicher ist: Der Schaden ist da, aber Bilanz ziehen können wir frühestens ein Jahr nach der Pandemie.

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