Rutschmadame
DDR-Feeling am Basler Rheinbord

Die Rutschmadame schaut Woche für Woche argwöhnisch-liebevoll aus dem Elsass rüber zu uns. In dieser Woche dreht sich ihre Kolumne um einen neuen Lieblingsort im Kleinbasel.

Martina Rutschmann
Martina Rutschmann
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Das Kleinbasler Rheinufer ist ein beliebter Treff- und Entspannungsort. Martina Rutschmann ist unterwegs auf einen Geheimtipp gestossen.

Das Kleinbasler Rheinufer ist ein beliebter Treff- und Entspannungsort. Martina Rutschmann ist unterwegs auf einen Geheimtipp gestossen.

Bild: Nicole Nars-Zimmer

Ich habe einen einzigartigen Ort am Rheinbord entdeckt und muss mein Glück mit Euch teilen. Wir sitzen ja alle im selben Boot. Und bald wieder dicht aneinander. Stimmen, Gelächter, hallo, sali, wie läufts, gut, schlecht, das Wetter, tja. Wir werden wieder zum Rudel, vorbei die Einsiedelei, zurück das kollektive Kuscheln in der Gartenbeiz. Aus Panik vor diesem Wettkampf der Zwischenmenschlichkeit habe ich beschlossen, mich dem Menschen in freier Wildbahn anzunähern. Ich fuhr ans Kleinbasler Rheinufer, wo sich unsere Artgenossen ungeachtet von Viren und Frost aneinander kuscheln. Oberhalb der Dreirosenbrücke und unterhalb des Bläsirings gibt es doch diese Parkplätze, rief ich mir in Erinnerung, dort wollte ich parkieren und dann, zunächst vom Auto aus, das Treiben beobachten. Testen, ob allein der Anblick von Menschen in Gruppen Panik in mir auslöst.

Doch dann sah ich es: Wo einst die Parkplätze waren, ist jetzt eine graue Fläche – umrahmt von Steinzäunen und ausgestattet mit nackten Bank-Tisch-Kombinationen. Plattenbausiedlungen in der DDR waren das reinste Disneyland dagegen. Ich war begeistert. Dafür zahle ich gern Steuern. Nach allem, was Basel punkto Begegnungszonen erreicht hat, ist dieser lauschige Ort der grösste Coup! Mittendrin – und trotzdem allein. Grau ist das neue Grün. Hier muss man keine Angst haben, einem Artgenossen zu nah zu kommen, denn die halten sich links und rechts von der Fläche im Grünen oder am Wasser auf.

Ich zwängte mich in eine Möbelkombination – und atmete durch. Begeistert studierte ich das in Grautönen gehaltene kreisförmige Muster am Boden. Wenn ich gewusst hätte, wie einfach es ist, nach einem Jahr Isolation in die Urbanität einzutauchen, hätte ich es vorher getan. Ich machte mich auf in Richtung Mittlere Brücke. Es wurde immer lauter, enger, sie sprachen Englisch und Berndeutsch, rauchten, lachten, küssten sich. Ich bekam Panik, als mir klar wurde, dass diese Leute echt sind und nicht auf Netflix und rannte zu meinem Auto, das ich am anderen Ende der Stadt parkiert hatte. Zuhause beschloss ich, den grauen Fleck bald wieder aufzusuchen, um nicht zum Corona-Zombie zu werden. Dann realisierte ich, dass das ja gar nicht geht, weil Ihr jetzt alle dort seid nach meiner Lobeshymne. Was bin ich für ein Idiot!