Schnee in der Kultur
Requisiteurin am Theater Basel: «Unser Schnee darf nicht brennbar sein»

Winterlandschaften im Theater sehen oft berauschend aus. Dahinter steckt viel Know-how und noch mehr Aufwand.

Stefan Strittmatter
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"Borkman" im Theater Basel

"Borkman" im Theater Basel

bz Basel

Kerstin Anders arbeitet seit 30 Jahren als Requisiteurin am Theater Basel. Sie war auch an den Aufführungen von ­Henrik Ibsens Komödie «John Gabriel Borkman» beteiligt, die 2016 von ­Regisseur Simon Stone komplett in den Schnee verfrachtet wurde.

Frau Anders, bereitet Ihnen Schnee Kopfschmerzen?

Kerstin Anders: Das vielleicht nicht ­gerade, aber es ist immer mit einigem Aufwand verbunden. Der Schnee muss bestellt und rechtzeitig geliefert, ins Lager gebracht und wieder geholt, in die Schneetücher eingefüllt und nach dem Einsatz wieder weggeputzt werden.

Ihre Freude hält sich also in Grenzen, wenn ein Regisseur oder eine Bühnenbildnerin nach einem weissen Bühnenbild verlangt?

Schön aussehen tut es ja immer mit Schnee – auf der Bühne wie auch in der Wirklichkeit. Und darüber freut man sich dann ­natürlich.

Welche Möglichkeiten gibt es für Theaterschnee?

Die beiden Sorten, die bei uns im ­Theater Basel überwiegend zum Einsatz kommen, sind weisse Konfetti und sogenannter Hollywoodschnee. Letzterer ist fein gerissener Kunststoff. Welcher von beiden benutzt wird, entscheidet in der Regel der Bühnenbildner oder die Regisseurin.

Was sind die Unterschiede?

Konfetti sieht in meinen Augen ein ­wenig märchenhafter aus und kommt deshalb oft bei Kinderstücken wie dem «kleinen Nussknacker» von der Ballettschule oder den Weihnachtsmärchen auf der Kleinen Bühne zum Einsatz. Der Hollywoodschnee wiederum, der auch bei «John Gabriel Borkman» ­gewünscht wurde, sieht deutlich ­rea­listischer aus. Er ist aber auch viel teurer in der Anschaffung und in der Handhabung komplizierter, da er sich elektrisch aufladen kann und dann überall «klebt» – an Soffitten, Kostümteilen, Händen und so weiter.

Was sind sonst die Schwierigkeiten? Der Schnee darf ja zum Beispiel nicht im Theaterlicht schmelzen.

Schmelzen wie echter Schnee tun beide Sorten nicht. Im Gegenteil, sie müssen sogenannte B1-Produkte sein. Das ist eine pyrotechnische Klassifizierung – diese Produkte brennen nicht. Das ­entspricht der Brandschutzverordnung im ­Theater.

Ist ein Stück wie «Borkman», das ausschliesslich im Schnee spielt, eine besondere Herausforderung?

Ja, das Bühnenbild von «Borkman» war schon sehr speziell, allein durch die grosse Menge an Schnee. Es lag ein ­riesiger Haufen auf der Bühne als ­Bodenbelag, und zusätzlich hat es fast das ganze Stück lang von oben herab weitergeschneit. Die Requisiten und die Schauspieler sind vor Stückbeginn im Schnee versteckt ­worden. Und dort die Markierungen für die genaue Position zu finden, war schwierig. Man musste also vorher ­genau die Stellen ausmessen, um sie dann wieder­zufinden. Der Schnee, unter dem die Schauspieler lagen, war zudem auch jedes Mal neu ausgepackter Schnee – wegen der Hygiene und wegen der Staubbelastung des alten Schnees, der bereits zusammengefegt und gesaugt worden war.

Das heisst, Theaterschnee wird in der Regel mehrfach verwendet?

Ja, der meiste Schnee ist bei diesem Stück wiederverwendet worden, ­anders wäre das finanziell nicht zu stemmen gewesen. Das musste aber sehr sorgfältig gemacht werden, damit bei der nächsten Vorstellung kein Aschen­becher oder eine Flasche aus dem Schnürboden mit herunterfällt. Wir haben also immer erst die Requisiten eingesammelt und durchgezählt, und dann den oberen Schnee vorsichtig mit Laubsaugern eingesaugt und in ­spezielle Säcke abgefüllt. Dieser Schnee fiel dann bei der nächsten ­Aufführung wieder von oben. Der ­untere, eher verschmutzte Schnee ­wurde in grosse Holzkisten gefegt und beim nächsten Mal nur als Bodenbelag benutzt.

Das klingt, als seien beim Theaterschnee insbesondere die «Räumarbeiten» jeweils aufwendig.

Ja, insgesamt waren die Aufräumarbeiten bei «Borkman» doch sehr, sehr aufwendig. Teilweise haben wir auch ­kleine elektrische Schläge bekommen beim Ein­saugen des Plastikschnees in Zusammenhang mit den Laubsaugern – nicht gefährlich, aber doch unangenehm.

Das Wichtigste zum Schluss: Liesse sich mit Theaterschnee eine Schneeballschlacht durchführen oder ein Schneemann bauen?

Nein, das geht nicht, da beide Schneesorten nicht kleben. Dafür werden speziell hergestellte Requisiten benutzt, etwa Stopfwatte oder Ähnliches für Schneebälle, mit weisser Schnur umwickelt, damit sie die Form behalten. Schneemänner werden meist kaschiert aus Styropor und mit schneeähnlichen Materialien oder Stoffen überzogen.

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