Die Hexenverfolgung ist ein dunkles Kapital in Europa: In der Zeit von 1400 bis 1750 wurden 50 000 Hexen hingerichtet. In der Schweiz rechnet man mit rund 4000 Hinrichtungen. Diese Zahlen legte der Jurist Harald Maihold, ein Spezialist für Hexenprozesse, kürzlich in einem Vortrag an der Universität Basel vor. Für Basel unterscheidet Maihold zwei Gerichtsorte: Für das Bistum geht er für die Zeit von 1571 bis 1670 von 190 Tötungen von Hexen aus. In der Rechtssprechung des Rates in Basel seien von 1433 bis 1680 nur bis zu 29 Hinrichtungen überliefert.

Auch wenn Basel damals kein grosses Zentrum der Hexenverfolgungen war, hat der Verein Frauenstadtrundgang Basel dem Grossen Rat beantragt, «Personen, die wegen Hexerei verurteilt und hingerichtet wurden, öffentlich für unschuldig zu erklären». Ihnen solle in Form einer Gedenktafel ein Erinnerungsort geschaffen werden. Die Namen Gret Fröhlicherin, Barbel Schinbeinin und Margreth Vögtlin (siehe Kasten) sollten stellvertretend für die vielen Unbekannten stehen, die der Hexenverfolgung zum Opfer fielen.

Nach Meinung des Vereins könnte eine Gedenktafel beim Käppelijoch auf der Mittleren Brücke montiert werden. «Es geht nicht um eine rechtliche, sondern um eine moralische Rehabilitation», sagt Nadja Müller, Koordinatorin des Vereins. Mit einem solchen Schritt könnte der Grosse Rat «auch ein Signal setzen gegen die Ausgrenzung von Minderheiten, Andersdenkenden und Andersgläubigen sowie gegen Gewalt gegen Frauen», sagt Müller.

Mittlerweile zeigt sich: Die Chancen für eine Rehabilitation stehen gut. Der Grosse Rat hat vor einem Jahr einen entsprechenden parlamentarischen Vorstoss der Basta-Grossrätin Brigitta Gerber an die Regierung überwiesen. Gerber, einst Mitbegründerin des Vereins Frauenstadtrundgang, hat als Präsidentin der Petitionskommission ein offenes Ohr für das Anliegen. Aus heutiger Sicht seien die verfolgten Hexen unschuldig. «Aus einer natur- und rechtswissenschaftlichen Perspektive ist es unmöglich, dass ein Mensch auf einem Besenstiel zum Hexensabbat fliegen oder Schadenzauber an Mitmenschen herbeiführen kann», sagt Gerber.

In der Diskussion über den Vorstoss der Basta-Grossrätin im Parlament gab es auch kritische Töne. «Ob es nun für jede finstere Tat – Verfolgung und Unterdrückung von Völkern und Menschen – eine Rehabilitation braucht, ist aus unserer Sicht fraglich», sagte SVP-Grossrat Andreas Ungricht im Namen seiner Fraktion. Thomas Müry, Sprecher der LDP und reformierter Pfarrer, sagte: «Es wäre sinnvoller, wenn sich ein jeder von uns in seiner unmittelbaren Umgebung dafür einsetzen würde, dass in der heutigen Zeit kein Mensch an den Rand gedrängt und gebrandmarkt wird.» Mit grossem Mehr wurde der Vorstoss dennoch überwiesen.

Nächstes Jahr wird sich die Regierung mit dem Thema auseinandersetzen. Leila Straumann, Leiterin der Abteilung Gleichstellung von Frauen und Männern im Präsidialdepartement, bearbeitet den Vorstoss von Gerber. Ihre Abteilung sei daran, Möglichkeiten zu überprüfen: «Mit einer Gedenktafel könnten die Opfer der Verfolgung öffentlich exemplarisch für unschuldig erklärt werden», sagt Straumann. Der Regierungsrat werde Ende 2014 über diverse Möglichkeiten entscheiden.

Eine rechtliche Rehabilitation der Hexen ist jedoch nicht so einfach. Jurist Maihold, akademischer Rat an der Universität Regensburg, betont, dass man für eine offizielle Rehabilitation der Opfer die Prozesse neu aufrollen müsste: «Ob sich da hinreichende Details finden liessen, ist fraglich», sagt er. Es fehlten viele Dokumente aus jenen Jahren. So seien zum Beispiel in den Gerichtsfällen von Schinbeinin, Fröhlicherin und Vögtlin die Urteile nicht mehr vorhanden. Eine Gedenktafel hält Maihold für sinnvoll. Auf die Tafel könnte man seiner Meinung nach auch auf die Rolle des Basler Konzils «als Drehscheibe» für die Verbreitung der Hexenlehre hinweisen. Gleichzeitig sei aber deutlich zu machen, dass die Basler Obrigkeit in den Hexereiverfahren nicht so willkürlich wie in anderen Territorien vorgegangen sei, betont Maihold. Zahlreiche Freilassungen seien möglich gewesen.

Nebst der Rückschau auf die damalige Hexenverfolgung ist es für den deutschen Juristen ebenso wichtig, dass daraus Lehren für heute gezogen würden. So habe sich der Strafprozess in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu einem eigentlichen Hexenprozessrecht ohne übliche Verfahrensbeschränkungen entwickelt. Eine Lehre sei darum, heute zu analysieren, ob und wo Straftatbestände bereits in das Vorfeld eines Schadeneintritts verlegt werden. So sei teilweise schon strafbar, wenn jemand in verbrecherischen Organisationen Mitglied sei oder an Ausbildungslagern von Terroristen teilnehme.

Als «dunkles Kapitel» bezeichnet auch Grossrätin und Historikerin Gerber die Hexenprozesse, die zu achtzig Prozent Frauen betrafen. «Ihnen wurde vorgeworfen, von Gott abgefallen zu sein und sich der Hexensekte, einer geheimen Vereinigung von Satans-Anhängern und -Anhängerinnen, angeschlossen zu haben.» Oft habe eine Denunziation genügt, um jemanden vor ein Hexengericht zu stellen: Wer angeklagt war, hatte kaum eine Chance zu überleben. Als Mittel zur Wahrheitsfindung habe die Folter gegolten, weil für eine Verurteilung zwingend ein Geständnis nötig war: «Viele gestanden aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbare Taten, um die Tortur zu beenden», sagt Gerber.

Aus heutiger Sicht sind Zauberaberglaube und die Angst vor Hexerei im Mittelalter und in der frühen Neuzeit schwer zu verstehen. Eine These besagt, dass die Menschen wegen Pest, Wirtschaftskrisen und Hungersnöten nach Sündenböcken Ausschau hielten. So wurde etwa wettermachenden Hexen die Schuld für schlechte Ernten zugeschoben. Eine andere These sagt laut Maihold, dass in der Reformationszeit gesteigerte moralische Anforderungen zu Schuldgefühlen in der Bevölkerung führten, die auf Hexen projiziert wurden. Kommt hinzu, dass auch Reformer wie Calvin und Luther vom bösen Treiben des Teufels überzeugt waren.

Mit ihrem Stadtrundgang «Hexenwerk und Teufelspakt» zeigt der Verein Frauenstadtrundgang Interessierten während eineinhalb Stunden die Orte der Hexenverfolgung in Basel. Der Verein hofft, dass sich die Rheinstadt bald auch in die Reihe der Städte einbringt, die ihre Hexen rehabilitiert haben. Der deutsche Pfarrer Hartmut Hegeler (67), ein engagierter Kämpfer für die Rehabilitation von Opfern der Hexenprozesse, listet auf seiner Website mit dem Namen Anton Praetorius (1560–1613), einem Kämpfer gegen Hexenhatz, alle Orte in Europa auf, die die Opfer der Hexenverfolgung rehabilitierten: Von Wittenberg, Idstein, Osnabrück, Düsseldorf oder Köln in Deutschland bis zu Avers, Fribourg und Glarus in der Schweiz.

Literatur: Dietegen Guggenbühl. «Mit Tieren und Teufeln», 2002, Verlag Kanton Basel-Landschaft.