Serie

Punk, Politik und Performance: «Kunst war bürgerlicher Scheiss»

Juni 1989

Künstler der «Stadtzgi» an der ART Basel 1989 bei der Aktion «Die nackte Wahrheit über die Basler Bewegung». Bild: Keystone

Juni 1989

Ab der zweiten Hälfte der Achtziger hatte die Kunstszene bedeutenden Einfluss auf die Basler Jugendbewegung.

«No Future». So lautete ein Slogan der englischen Punkmusik, der zum Credo der frühen 80er-Jugendbewegung avancierte. Keine Zukunft. Zeitgenossen und Historikerinnen haben das mal als pure Negativität und Hoffnungslosigkeit interpretiert, mal als Kampfansage an die Herrschenden dieser Welt. Auch in Basel hat «No Future» dem Zeitgeist der Achtziger entsprochen, erinnert sich Fränzi Madörin (siehe Box unten). Die Künstlerin und Mitglied der Performancegruppe «Les Reines Prochaines» sieht in der Losung einen kompromisslosen Fokus auf die Gegenwart: «Es ging um das ‹Jetzt›. Wir warten nicht, wir verhandeln nicht. Wir wollen etwas und nehmen es uns, und zwar jetzt.»

Vandal-Ex, Puffmutter und Heilsarmee

Nicht nur die Attitüde, auch die Punkmusik konnte sich in Basel etablieren. Fast zeitgleich mit der Entwicklung des Genres in England entstanden Ende der 70er-Jahre in Basel erste Gruppen mit Namen wie Vandal-Ex, Puffmutter oder Heilsarmee. Auch im Baselbiet nahmen die Dorfpunks von Negativ oder Vorwärts ihre eigenen Platten auf. Punk ist laut, unmittelbar, wütend und seine Exponenten sind in der Regel nicht für ihr virtuoses Spiel bekannt. Autodidaktik war in der Punkszene Programm: Instrumente wurden selbst erlernt – oder auch nicht, Konzerte selbst organisiert, Platten im eigenen Keller aufgenommen und an den Gigs in besetzten Häusern vertrieben

Vorwärts - Boring generation

So weit, so gewöhnlich. Die Etablierung von Punk als Soundtrack der Jugendbewegung lässt sich analog zum Kampf nach autonomen Freiräumen Anfang der 80er-Jahre in allen grösseren Schweizer Städten beobachten. Nach der kurzen Lebensdauer des Basler autonomen Jugendzentrums (AJZ) von 1981 sollte sich die Szene am Rheinknie aber in eine andere Richtung entwickeln als in Bern oder Zürich. In den darauffolgenden fünf Jahren existierte zwar weiterhin eine links-autonome Szene. Sie hatte aber keinen zentralen Ort, der zum Treffpunkt für alle hätte werden können und an dem man sich frei entfalten konnte.

Dies änderte sich 1986, als junge Leute das Areal der Stadtgärtnerei in Beschlag nahmen, die im Vorjahr nach Brüglingen verlegt worden war. Der Freiraum, der sich zum wichtigsten Basler Jugend- und Kulturzentrum entwickeln sollte, wurde von Anfang an nicht nur politisch, sondern auch kulturell besetzt. Schon im Juni 1986 fand in der «Stadtzgi» eine Kunstausstellung unter dem Titel «kunst raum musik» statt. Kunst im Freiraum – das wäre Anfang der 1980er-Jahre von der Mehrheit der Jugendbewegung als bürgerlich abgelehnt worden. In der Stadtgärtnerei aber erreichten die kulturellen Aktivitäten «eine derartige Vielfalt», wie sie die Stadt laut dem Basler Stadtbuch «in einer solchen Form noch nie erlebt hatte.»

Die Alte Stadtgärtnerei wurde zu einem Schmelztiegel, in dem verschiedene Szenen und Menschen zusammenkamen, darunter auch ökologisch Interessierte und feministische Gruppen. Doch die «Stadtzgi» war noch mehr als das: Sie war der Ort, an dem sich Politik und Kunst in Basel versöhnten. Zwar herrschte ein dezidiert linkes, jedoch nicht ein dogmatisch-politisches Klima. Das lag zum einen daran, dass der «bewegten» Jugend die Radikalität ein Stück weit abhandengekommen war. Oder, wie die bereits in den frühen Achtzigern politisierte Fränzi Madörin ihre Stimmung einige Jahre später beschreibt: «Eine direkte politische Message war uns ein Graus. Aber es war natürlich ein Statement, in einer Frauenband zu sein.»

Die Alte Stadtgärtnerei Basel 1988

Während die Bewegung politisch an Radikalität einbüsste, wurde die Kunst selbst politischer, offener und niederschwelliger. Basel wurde zum Schweizer Zentrum für Video- und Performancekunst, die in ihren Anfängen mit einer ähnlichen Do-it-yourself-Manier gepflegt wurde, wie wenige Jahre zuvor die Punkmusik.

Die Kunst in den Achtzigern war politisch

Zu dieser Entwicklung innerhalb der Kunstszene beigetragen haben Institutionen wie die Schule für Gestaltung, an der 1985 die Klasse für audiovisuelle Gestaltung gegründet wurde. Zahlreiche Absolventinnen dieser Klasse wie Pipilotti Rist machten sich Ende der Achtziger einen Namen als Künstlerinnen, die dieses neue Medium nutzten. Auch wenn sie sich nicht explizit politisch äusserten: «Die meisten Künstlerinnen und Künstler in den Achtzigern hatten eine Haltung», so Diego Stampa von der Galerie Stampa. Das galt auch für Personen, die mit traditionelleren Materialien und Ausdrucksformen arbeiteten. Die Bedeutung der Kunst in der linken und alternativen Szene
blieb in Basel in den Folgejahren bestehen. In den Zwischennutzungen, die auf die Alte Stadtgärtnerei folgten, stand das kreative und künstlerische Arbeiten im Fokus. Das manifestierte sich unter anderem in der Einrichtung von Werkstätten und Ateliers. Die Einrichtung persönlicher Arbeitsplätze wäre in manchen autonomen Räumen anderer Städte selbst heute noch ein Tabu.

Nachgefragt bei Fränzi Madörin

Sie kam 1963 zur Welt und machte in den 80er-Jahren in Basel eine Lehre als Schneiderin. Als Teil der Jugendbewegung war sie zuerst in der autonomen, später in der Kunstszene aktiv. 1988 gründete Madörin gemeinsam mit anderen Künstlerinnen, unter anderem der heute für ihre Videoinstallationen bekannten Pipilotti Rist, die Musik- und Performancegruppe Les Reines Prochaines. Die «Königinnen», heute bestehend aus Fränzi Madörin, Muda Mathis und Sus Zwick, stehen immer noch gemeinsam auf der Bühne. In ihrer Arbeit verbinden sie verschiedene Medien und Genres und erhielten 2019 den Schweizer Musikpreis für ihr Werk.

Fränzi Madörin

Sie kam 1963 zur Welt und machte in den 80er-Jahren in Basel eine Lehre als Schneiderin. Als Teil der Jugendbewegung war sie zuerst in der autonomen, später in der Kunstszene aktiv. 1988 gründete Madörin gemeinsam mit anderen Künstlerinnen, unter anderem der heute für ihre Videoinstallationen bekannten Pipilotti Rist, die Musik- und Performancegruppe Les Reines Prochaines. Die «Königinnen», heute bestehend aus Fränzi Madörin, Muda Mathis und Sus Zwick, stehen immer noch gemeinsam auf der Bühne. In ihrer Arbeit verbinden sie verschiedene Medien und Genres und erhielten 2019 den Schweizer Musikpreis für ihr Werk.

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