Musik

Nähkästchen: Nortasha Dayang versucht sich auf der grossen Bühne

«Sie haben das Weinen gekürzt»: Die Sängerin Nortasha Dayang über ihre Tränen bei «Voice of Switzerland», Bruno Manser und Rugby.

Nortasha Dayang, worüber sprechen wir?

Nortasha Dayang: Ich habe «Scrum» gezogen, yeah! Ein Glückslos! Das kommt aus dem Rugby, meinem Lieblingssport.

Den Ausdruck «Scrum», auf Deutsch in etwa «Gedränge», muss man in der Rugby-Szene niemandem erklären. Es ist die wohl bekannteste Spielsituation der Sportart. Aber was genau passiert in diesem Tumult?

Ein Scrum geht so: Die beiden Teams stehen in zwei Reihen, Kopf an Kopf, Schulter an Schulter, und versuchen, die anderen zurückzudrängen. Der Ball liegt in der Mitte auf dem Boden. Beide Teams versuchen, den Ball mit den Füssen nach hinten zu befördern, aus dem Gedränge heraus, wo jeweils jemand parat steht. Diese Person darf dann den Ball mit der Hand aufnehmen. Danach geht das Spiel normal weiter.

Sie spielten bei den Basel Birds, wo Sie 2010 zum Player of the Year gekürt wurden, und im malaysischen Frauen-Nationalteam. Rugby ist wohl nicht gerade ein typischer Sport in Malaysia. Wie kamen Sie dazu?

Ich bin schon immer gerne gerannt und dachte, mich könnte man gut gebrauchen: Sobald ich den Ball habe, renne ich einfach – wie Forrest Gump. Rugby ist unglaublich intensiv, man spürt den ganzen Körper, und es braucht Überwindung: Du darfst keine Angst haben. Ich habe mich 2009 einfach mal angemeldet bei den Basel Birds. Ein paar Wochen später war schon das erste Spiel in Nyon. Ich erinnere mich genau. Ich stand zu weit vorne. Da rief der Trainer: «Tasha, komm zurück! Beweg Deinen Arsch!»

Sie sind Hochzeitssängerin und traten schon einmal bei «Voice of Germany» an. Runde eins haben Sie am Montag überstanden, mit «I Have Nothing» von Whitney Houston. Konnten Sie sich nicht entscheiden, wo Sie Karriere machen wollen, im Sport oder im Showbusiness?

Das mit dem Rugby hat sich leider erledigt. 2012 hatte ich einen Kreuzbandriss, da geht nichts mehr. Und das mit dem Singen ist keine bewusste Entscheidung. Meine Mutter ist heute mein grösster Fan. Aber das war nicht immer so. Sie erzählt immer, dass ich als Zweijährige «We Will Rock You» von Queen geträllert habe, ohne Unterbruch. Sie habe mich sogar manchmal stoppen müssen: «Tasha sings all the time!», habe sie anderen Leuten erzählt. Mit 15 machte ich bei einem Talentwettbewerb für RTM, Radio Television Malaysia, mit. Ich kam auf den 5. Platz, das war meine erste Bühnenerfahrung. Einen Vocal Coach habe ich aber erst jetzt engagiert, für den Auftritt bei «Voice of Switzerland».

Sie singen auf Englisch, sprechen aber auch exzellent Deutsch. Wo haben Sie Deutsch gelernt?

Die Liebe brachte mich nach Deutschland. Das war 2004, drei Jahre, bevor wir in die Schweiz kamen. Damals machte ich zwei Monate lang einen Sprachkurs in Bamberg. Ich steigerte mein Niveau von A1 auf B2.

Das ist ein unglaublicher Sprung! Sie konnten vorher kein Wort Deutsch?

Nein. Ich bin bilingual aufgewachsen, in der Stadt Miri auf der Insel Borneo. Zu Hause sprachen wir Sarawakisch und Englisch. Deutsch kannte ich zuvor nicht. Die Sprache kam mir vor wie Mathematik. Deutsch ist kompliziert, aber logisch. Ich sagte mir: Du musst einfach die Regeln lernen, dann geht’s.

Es braucht auch Disziplin!

Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, verfolge ich das Ziel. Es ist wie im Rugby: Wenn du den Ball hast, heisst es: Kopf runter und rennen, bis zur rettenden Linie. Kommt dazu: Ich bin stur. Wie sagt man auf Deutsch? Ein Streber! Dialekt spreche ich erst ein bisschen, im Gegensatz zu meinen Kindern. Mit ihnen spreche ich Sarawakisch, doch sie sprechen auch perfekt Baseldeutsch, wegen der Freunde und der Schule.

Sie wohnen in Bottmingen, arbeiten aber als pädagogische Mitarbeiterin in einer bilingualen Kinderkrippe in Riehen. Sie sagten einmal in einem Interview, wenn Sie keine Kinder um sich hätten, würden sie nervös.

Ich habe selber schon drei Kinder. Nervös werde ich also nicht so schnell. Aber ich habe in Malaysia zuerst etwas ganz anderes studiert. Es hat nichts mit Sport und nichts mit Musik zu tun, aber auch nichts mit Kindern.

Was denn?

Es tönt fast ein wenig surreal. Ich studierte Landschaftsbau und Parkplanung. Ich liebe es, zu zeichnen, zu entwerfen. Ich wollte auch in den Tourismus. Auf Borneo haben wir grosse Wälder. Das ist auch ein Bezug zu Basel: Bruno Manser war ja viel auf Borneo.

Kennt man Bruno Manser gut auf Borneo?

Es ist schon bekannt, wer er war und was er für die indigene Bevölkerung geleistet hat.

Apropos Basler: Am Montag haben Sie die ganze Jury überzeugt: Sie hätten zum Duo Gölä/Trauffer gehen können, aber auch zu DJ Antoine oder zu Pegasus-Frontmann Noah Veraguth. Sie wählten aber «unsere» Baslerin, nämlich Anna Rossinelli. Kannten Sie sie schon?

Nicht persönlich, aber ihre Musik fasziniert mich, «Hold Your Head Up», dieses Lied ist unglaublich. Ich dachte einfach: Anna, das passt!

Ihr Lied sangen Sie für Ihren Bruder. Er starb im Sommer 2018 an Leberversagen. Sie sagten auf der Bühne, sein letzter Wunsch war es, dass Sie für ihn singen.

Mein Bruder war mein Baby Brother. Ich war sechs, als er geboren wurde. Ich habe viel auf ihn aufgepasst. Jetzt sorge ich für seine Familie in Malaysia, wie ich es ihm versprochen habe. Er wollte mich immer singen hören. Bei meinem Auftritt dachte ich immer an ihn – vielleicht ist es deshalb so gut gegangen.

Trotzdem haben Sie danach geweint.

Ja. Es hat mich überwältigt. Ich musste an meinen Bruder denken. Daran, dass er mich vielleicht hören kann. Ich habe noch viel länger geweint auf der Bühne. Aber das sieht man nicht alles. Für die Sendung haben sie es etwas gekürzt.

Sie sind 39, es ist noch alles möglich. Wie geht’s mit Ihrer Gesangskarriere weiter?

Mein Ziel ist es, Lieder zu schreiben. Wenn ich «Voice of Switzerland» gewinne, ist das sicher einfacher. Aber als Musikerin will man einfach gehört werden. Das ist alles, was zählt.

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Voice of Switzerland Die nächsten Battles werden am 16. und 23. März ausgetragen. An welchem Datum Tasha Jay zu sehen ist, steht noch nicht fest. Das Livefinale auf 3+ ist am Montag, 30. März.

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