Märchenhaft
Ein Basler Kinderbuch entzückt mit einer ungewöhnlichen Walverwandtschaft

Autorin Sabine Rufener macht ein kleines Mädchen mit einem ausgewachsenen Brummkopf bekannt.

Hannes Nüsseler
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Lille hat den Wal geweckt – und der ist nicht glücklich darüber.

Lille hat den Wal geweckt – und der ist nicht glücklich darüber.

Bild: Sabine Rufener

Als Lille frühmorgens aus dem Fenster blickt, sieht sie erst einmal nur Grau. Doch das liegt nicht am Wetter, sondern an dem Pottwal, der wie eine Wolke im Garten liegt und schläft. Wie er dorthin gelangt ist, weiss auch Sabine Rufener nicht. Die Autorin und Illustratorin hat ihr bezaubernd rätselhaftes Bilderbuch «Der Wal im Garten» als Abschlussprojekt an der Schule für Kunst und Design Zürich (SKDZ) gestaltet.

«Ich kann gar nicht genau erklären, wie der Wal in die Geschichte gekommen ist», sagt Rufener, die 1972 in Bern geboren wurde und mit ihrer Familie in Basel lebt. Irgendwann war da das Bild von einem Wal, der sich wie ein Fisch auf dem Trockenen fühlt – eine spannende Ausgangslage, aus der sich alles Mögliche entwickeln konnte. «Was mir klar war: Es sollte kein netter Wal sein, kein bester Freund, mit dem man eine abenteuerliche Reise unternimmt.» Rufener interessierte sich vielmehr für den Konflikt zwischen Lille und diesem «nicht sehr charmanten Eindringling».

Bunte Mischung aus Frottage und Collage

Denn der Wal liegt nicht nur auf Lilles Velo, er drückt auch aufs Gemüt. Nachdem sie ihn mit viel Mühe wachgekriegt hat, nörgelt er herum, macht Lärm und erteilt dem kleinen Mädchen Befehle. Bis Lille realisiert, dass das Tier schrumpft, vielleicht auch aus Heimweh nach dem Meer. Im Nachhinein lasse sich natürlich viel in den Problemwal hineininterpretieren, so Rufener. «Vielleicht steht der Wal am ehesten für die Einsamkeit des Mädchens, das viel Zeit allein in seinem verwunschenen Garten verbringt.»

Surreale Stimmung im verwunschenen Garten.

Surreale Stimmung im verwunschenen Garten.

Bild: Sabine Rufener

Interessanterweise hätten Kinder sowieso ganz andere Fragen an die Geschichte als Erwachsene. «Sie wollen beispielsweise selten wissen, woher der Wal kommt – er ist einfach da», erklärt Rufener. Stattdessen fragen sie, warum er so schlecht gelaunt ist. Und sie wollen wissen, wie es ihm ergeht, wenn er als Zwergwal wieder ins Meer zurückmuss.

Die Geschichte verzichtet auf ein lautes Happy End, der Höhepunkt kommt gar ohne Worte aus. Wichtiger scheint Rufener die surreale Stimmung im verwachsenen Garten, zu dessen filigranen Texturen der Wal einen interessanten Kontrast abgibt. «Meine Bilder sind eine bunte Mischung aus Stempeltechnik, Frottage und Collage», erklärt die Illustratorin dazu. «Ich arbeite gerne mit dem Zufall.» Die einzelnen Elemente des Gartens wurden am Computer zu einer stimmigen Komposition zusammengesetzt.

2019 hatte Rufener ihr Studium an der SKDZ abgeschlossen und sich auf das Coronajahr 2020 hin selbstständig gemacht, «ausgerechnet». Trotzdem konnte sie sich den einen oder anderen Auftrag sichern und arbeitet auch schon an einem neuen Kinderbuch – über einen lebensmüden Hund. Rufener: «Das Geschichtenerzählen liegt mir.»

Sabine Rufer: «Der Wal im Garten», Kunstanstifter 2021, 36 Seiten.

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