Kunst
Wie der Doppeldecker kopfüber ins Museum Tinguely kam

Aktuell reist eine Skulptur von Jean Tinguely auf dem Wasserweg den Stationen ihres Erschaffers nach. Doch auch die Luftfahrt interessierte den Künstler. Sein berühmtes rot-graues Flugzeug an der Decke des Museums Tinguely wurde vor 25 Jahren vom Basler Flugzeugpionier Werner von Arx renoviert.

Alexandra von Ascheraden
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Der spanische Lizenzbau einer Bücker-Jungmann, die Jean Tinguely kopfüber in seinem Atelier hängen hatte und die nun seit 25 Jahren in der Eingangshalle des Museums Tinguely zu sehen ist.

Der spanische Lizenzbau einer Bücker-Jungmann, die Jean Tinguely kopfüber in seinem Atelier hängen hatte und die nun seit 25 Jahren in der Eingangshalle des Museums Tinguely zu sehen ist.

Daniel Spehr / Museum Tinguely

Als das Museum Tinguely vor 25 Jahren eröffnet wurde, war das erste Ausstellungsstück, das die Besucherinnen und Besucher erblickten, ein hoch über ihren Köpfen in der Eingangshalle montiertes Flugzeug in Rückenlage. Der grau-rot lackierte Doppeldecker hängt bis heute dort.

Mario Botta wollte es unbedingt genau dort haben. Der Architekt hatte als langjähriger Freund Jean Tinguelys wenige Jahre nach dessen Tod eingewilligt, den Museumsbau zu entwerfen. Drei Jahre lang formte er ihn aus Beton, Stahl, Glas und rosafarbenem Sandstein aus dem Elsass. Für die Eingangshalle hatte er ein besonderes Werk Tinguelys vorgesehen: das «Avion Espagnol».

Vom Atelier ins Museum

Das Flugzeug war ursprünglich unter der Decke von Tinguelys Atelier in La Verrerie montiert. Dort hatte Tinguely 1988 begonnen, in einer ehemaligen Glasfabrik ein Atelier und Antimuseum einzurichten. Er nannte das dort ebenfalls in Rückenlage montierte Flugzeug «l'avion espagnol», weil es sich um einen spanischen Lizenzbau einer Bücker-Jungmann handelte, die dem spanischen Militär für Schulungszwecke gedient hatte.

Botta hatte sich nun also in den Kopf gesetzt, das Flugzeug in Basel zu zeigen. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass es dringend restauriert werden musste. Bloss, wer konnte das? Bald stiess man auf den Basler Flugpionier und Feinmechaniker Werner von Arx.

Der 98-jährige Basler Flugpionier und Feinmechaniker Werner von Arx.

Der 98-jährige Basler Flugpionier und Feinmechaniker Werner von Arx.

Alexandra Von Ascheraden

Der heute 98-Jährige erinnert sich noch bestens, wie das kam: «Ich war ja seit Jahrzehnten weit herum als leidenschaftlicher Fan von Bücker-Flugzeugen bekannt. Ich hatte bereits mehrere davon restauriert. Nicht umsonst hatte ich im Krieg eine Ausbildung als Flugzeugmechaniker erhalten.»

Von Arx erinnert sich an den lamentablen Zustand des Doppeldeckers, als er ihn das erste Mal sah: «Das Atelier war mehr eine Gerümpelkammer. Durch das undichte Dach war mit der Zeit viel Feuchtigkeit in den Flugzeugflügel eingedrungen. Die hölzernen Flügelrippen und vor allem das Tuch, das darüber gespannt war, waren verfault.»

Monatelange Renovationsarbeiten

Verschmitzt merkt er an, das sei gerade die Art Herausforderung gewesen, die ihm besonders liebgewesen sei. Bereitwillig sagte er zu, die Restaurierung zu übernehmen. Mit einem klimatisierten Gemäldewagen wurde die Flugzeugruine ins Museum transportiert. Von Arx verbrachte dort tatkräftig von seiner Frau unterstützt viele Nächte und Wochenenden damit, verrotteten Stoff vom Flügel abzunehmen, neuen zu verspannen und alle Leimstellen zu erneuern.

Werner von Arx bei den Renovationsarbeiten am Flügel.

Werner von Arx bei den Renovationsarbeiten am Flügel.

Archiv Werner von Arx

«Es hat ein Vierteljahr gedauert, bis alles neueingetucht war», erinnert er sich. Als alles fertig war, stellte sich schnell das nächste Problem: Das Flugzeug sollte ja auf Wunsch des Architekten in Rückenlage mit exakt zehn Grad Neigung hängen. All das war fein säuberlich auf Bottas Plänen vermerkt.

«Aber wie man es aufhängen sollte, das hatte er da nicht aufgezeichnet», erzählt von Arx. «Man durfte nichts an der Decke festschweissen. Also mussten wir mit Klammern arbeiten und die Bücker aufwendig mit einem Autokran unter die Decke bringen.» Auch das wäre fast gescheitert, hätte von Arx nicht abermals seine Findigkeit gezeigt. Als gelernter Feinmechaniker liebte er das Tüfteln und entwickelte ein spezielles Werkzeug, mit dessen Hilfe die Hängung doch noch gelang. Die Konstruktionspläne dafür hat er noch heute in seinem umfangreichen Archiv.

Die Angst vor der tropfenden Ölwanne

«Als der Doppeldecker endlich in der vorgesehenen Position montiert war, war meine grösste Sorge, dass es aus der Ölwanne auf die Besucher tropfen könnte. Die Bücker hing schliesslich verkehrt herum. Vorsorglich hatte ich saugendes Material eingebaut. Aber ich war nicht sicher, ob das genügen würde.» So fragte von Arx noch wochenlang nach der Hängung regelmässig beim Museum nach, ob es tropfe. Das tut es bis heute nicht.

Architekt Botta war übrigens mit der Arbeit mehr als zufrieden: «Bei der Eröffnung des Museums umarmte er mich enthusiastisch und rief ‹Bravo, bravo!›», erinnert sich von Arx schmunzelnd. Auch Bottas begeisterten schriftlichen Dank hat er, natürlich, noch immer in seinem Archiv.

Mario Bottas Dank an Werner von Arx.

Mario Bottas Dank an Werner von Arx.

Archiv Werner Von Arx

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