Tierschutz

Katzenfreund, der sich unverstanden fühlt: Katzenasyl soll gegen Tierschutzgesetze verstossen

Günther Weber bietet alten oder verhaltensgestörten Katzen ein Asyl.

Seine Leidenschaft und Lebenswerk:

Günther Weber bietet alten oder verhaltensgestörten Katzen ein Asyl.

Das Katzenasyl in Buckten verstosse gegen Tierschutzgesetze, rügt der Kanton. Betreiber Günther Weber sieht sein Lebenswerk bedroht.

Das Katzenasyl Zur letzten Zuflucht liegt in Buckten an einem Hang inmitten lauschiger Einfamilienhäuser. Das grosse Haus ist von einem verwilderten Garten, Auslaufgehegen und einem Platz umgeben, auf dem Baumaterialien lagern. Man kann sich kaum vorstellen, dass hier im vergangenen Sommer die Polizei einmarschiert ist. Einzig das Türschild «Besuch nur nach telefonischer Anmeldung möglich» zeugt von Misstrauen. Es hält, was es verspricht: Ein Anruf später tritt ein Mann in Adiletten und Hosenträger vor die Tür. Seine grauen Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden, ein buschiger Schnauz bedeckt die Oberlippe. Günther Weber, Tierpfleger und Besitzer des 1986 gegründeten Katzenasyls, schaut mit skeptischem Blick auf seinen Besuch.

Zwei Computer und 22 Katzen beschlagnahmt

Kennt man die Vorgeschichte, kann man sein Misstrauen verstehen. «Die Polizisten sagten mir, dass sie wegen Verdachts auf Tierrechtsverstösse, Betrug und Veruntreuung eine Hausdurchsuchung machen müssen», berichtet Weber vom Vorfall im Sommer 2019. Die Polizei beschlagnahmte damals zwei Computer und 22 Katzen. Brisant: Weber wurde nach eigenen Angaben über die Wegnahme der Katzen nicht informiert. Da er zu besagtem Zeitpunkt 63 Katzen beherbergt habe, sei ihm erst am folgenden Morgen aufgefallen, dass einige fehlten.

Die beschlagnahmten Katzen stellen nur die Spitze des Eisbergs dar. An jenem Sommermorgen eskalierte ein langer Rechtsstreit, wie das Urteil des Baselbieter Kantonsgerichts vom 1. April 2020 zeigt. Das Urteil liegt der bz vor. Nachdem im Herbst 2018 eine anonyme Meldung beim kantonalen Amt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (ALV) eingegangen war, wurde wenige Tage später eine unangemeldete Kontrolle im Katzenasyl durchgeführt.

Dabei wurden diverse Mängel hinsichtlich Pflege, medizinischer Betreuung und personeller Ressourcen festgestellt. Das ALV verordnete in der Folge Massnahmen wie allmonatliche Tierarztbesuche vor Ort und eine Reduktion auf maximal 20 Katzen pro Betreuer. Da Weber diesen Massnahmen nur teilweise nachkam, fand im Februar 2019 erneut eine unangemeldete Kontrolle statt. Diese wiederum zog verschärfte Massnahmen nach sich. Nun forderte das ALV eine regelmässige Dokumentation über Gesundheitszustand, medizinische Behandlungen und Sozialverhalten der Katzen. Auch wurden die Beseitigung von Infektionsquellen bei der Futterzubereitung und die Einrichtung eines Quarantäneraums verlangt. Das Wichtigste aber: Da Weber bislang keine Bewilligung zur gewerbsmässigen Katzenhaltung besass, wurde er verpflichtet, eine solche bis Ende Mai 2019 einzureichen. Gegen diese Verfügung reichte Weber Beschwerde ein.

Einsatz als «Kater Zorro» für verwahrloste Katzen

Webers Erzählungen sind detailliert und springen in der Chronologie vor und zurück. Über das Urteil des Kantonsgerichts hingegen verliert er kein Wort. Manchmal fällt es schwer, ihm zu folgen; die Ereignisse sind verstrickt. Und sie scheinen nach ähnlichem Muster abzulaufen: Es treten Personen in Webers Leben, denen er vertraut.

Dann tauchen Konflikte auf, es kommt zum Zerwürfnis und Weber fühlt sich hintergangen. «Ich bin halt einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt», sagt er. Und einer, der sich gegen Ungerechtigkeiten zur Wehr setze. Von diesem Selbstbild zeugt sein Lebenswerk. Das Asyl wurde für Katzen eröffnet, die «alt, verhaltensgestört, invalid oder anderweitig problembehaftet» sind. Sein Engagement reicht so weit, dass er als Kater Zorro Rettungsaktionen forciert. So etwa 2010, als eine 48-Jährige in Emmetten NW zu Tode kam und ihre 80 Katzen verwaisten. Weber nahm 33 bei sich auf. «Wenn andere noch am Überlegen sind, ob sie überhaupt helfen wollen, hat Kater Zorro bereits geholfen», lautet Webers Credo.

Besitzer des Katzenasyl «Zur letzten Zuflucht»

Günther Weber

Besitzer des Katzenasyl «Zur letzten Zuflucht»

Während der Hausführung offenbart sich, wie gross Webers Katzenliebe ist. Sein ganzes Eigenheim hat er für seine 35 Katzen eingerichtet. Zu Spitzenzeiten lebten hier bis zu 160 Tieren. Von den sechs Zimmern im Erdgeschoss werden vier von Katzen bewohnt. In den übrigen beiden befinden sich Futterausgabe und Nasszelle. Im Obergeschoss zeigt sich ein ähnliches Bild. Nur Webers Schlafzimmer ist vorübergehend einem einzigen Kater vorbehalten: Zorro.

Im ersten Katzenzimmer treffen wir auf eine Angestellte, die gerade den Novilonboden reinigt. Ein säuerlicher Geruch liegt in der Luft, auf dem Boden befindet sich da und dort ein Haufen Erbrochenes. «Am Tag der polizeilichen Hausdurchsuchung wurde dies alles als Beweismaterial für eine schlechte Tierhaltung gesammelt», empört sich Weber. Als Beweis, dass dem nicht so ist, präsentiert er Katzenküche, Katzenstreu und Novilonrollen, die im Keller darauf warten, alle Fussböden und Wände zu versiegeln. Die Vorwürfe bezüglich Betrugs und Veruntreuung erklärt sich Weber als Racheakt eines ehemaligen Angestelltenpaars. «Weil sie so unzuverlässig arbeiteten, habe ich sie fristlos entlassen.»

Aller Beteuerungen Webers zum Trotz lässt das Urteil vom 1. April keine Zweifel zu. Webers Beschwerde wurde in allen Punkten abgewiesen: «Sämtliche vom ALV verfügten Massnahmen erweisen sich als rechtmässig und gerechtfertigt», heisst es darin. Das Gericht bezieht sich auf Tierschutzgesetz und -verordnung, die eine angemessene Fütterung, Pflege, Beschäftigung, Bewegungsfreiheit und Unterkunft für Tiere verlangen. Daher seien die geforderten Massnahmen im Sinne des Tierwohls. Dass Weber die Auflagen des ALV nachträglich berücksichtigt hat, bewertet das Gericht als indirekte Bestätigung, dass die Massnahmen notwendig gewesen seien. Zudem bemängelte es, dass Weber keine Alternativmassnahmen vorschlagen könne. Webers Argument, wonach er im Unterschied zu einem Tierheim für einen Gnadenhof keine Bewilligung benötige, «da es sich um ein privates Engagement handle», weist das Gericht zurück. Eine Bewilligung benötige gemäss Tierschutzverordnung jeder, der ein Tierheim mit mehr als fünf Pflegeplätzen betreibt.

Weber zieht das Gerichtsurteil weiter

Der 70-Jährige fühlt sich ungerecht behandelt. Er hat sein halbes Leben dem Kampf für benachteiligte Tiere gewidmet. Als er im Frühling erfahren habe, dass 10 der 22 beschlagnahmten Katzen eingeschläfert wurden, sei er wie vom Blitz getroffen gewesen. Er wittert einen weiteren Schritt der Strategie, ihn in den finanziellen Ruin zu treiben. In seinem Arbeitszimmer gibt er Einblick in seine Gönnerdokumente. Seit der Hausdurchsuchung sind die Spenden um 40 Prozent eingebrochen.

Kantonstierarzt Thomas Bürge kommentiert Webers Vorwürfe so: «Als Grundlage für die Verfügung von Massnahmen dient immer das Tierwohl, nicht wirtschaftliche Interessen.» Weil es sich bei Webers Katzen vorwiegend um alte, kranke oder verhaltensgestörte Tiere handle, sei deren Haltung besonders ressourcenintensiv. Webers Vorwürfe könne er nicht nachvollziehen. «Wenn jemand für seine Tiere nicht angemessen sorgen kann, dann muss er konsequent genug sein, sie abzugeben.»

Auch das Gericht setzt das Tierwohl an erste Stelle. Selbst wenn Webers «Beweggründe löblich seien». Für Weber steht viel auf dem Spiel: seine Leidenschaft – die Katzen – die gleichzeitig seine Existenz bedeuten. Das ist wohl der Grund, weshalb er sich vom Gerichtsurteil nicht beirren lässt: Er hat dieses ans Bundesgericht weitergezogen. Nun sind zwei Verfahren hängig.

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