Während Coronakrise

Katja Reichenstein wagt den Wechsel aus der Kultur zurück in den Pflegeberuf

Seit zwei Wochen arbeitet Katja Reichenstein wieder im Universitätsspital Basel als Pflegefachfrau.

Katja Reichenstein

Seit zwei Wochen arbeitet Katja Reichenstein wieder im Universitätsspital Basel als Pflegefachfrau.

Sie ist Journalistin, Moderatorin, Kulturschaffende und diplomierte Pflegefachfrau: Seit zwei Wochen arbeitet Katja Reichenstein wieder auf ihrem ursprünglichen Beruf im Universitätsspital Basel.

«Ich will keinen Heldinnen-Status», mahnt sie eindringlich. «Es geht hier überhaupt nicht um mich, es geht um die Arbeit, die es nun braucht.» Katja Reichenstein hat sich mitten in der Coronakrise dazu entschieden, ihren ursprünglichen Beruf der diplomierten Pflegefachfrau wiederaufzunehmen. Seit zwei Wochen arbeitet sie im Universitätsspital Basel.

Katja Reichenstein ist in Basel keine Unbekannte. Schon als sie noch in der Pflege arbeitete, moderierte sie nebenbei Veranstaltungen. «Irgendwann gingen mir die Geschichten der Menschen, die ich im Spital pflegte, zu nahe. Ich konnte mich nicht genug schützen», erzählt sie. Als sie ein Angebot eines Radios erhielt, nahm sie dieses an und schaffte den Einstieg in den Journalismus. Mehr als fünf Jahre lang begleitete sie die Baslerinnen und Basler als Stimme des Radio Basilisk durch den Alltag. Daneben bildete sie sich als Rhetorik- und Mediencoach weiter.

Der Medizin kehrte sie nie ganz den Rücken

Vor sechs Jahren wurde der Hafen ihr Herzensprojekt: Gemeinsam mit ihrem Mann Tom Brunner und dem Verein Shift Mode sind sie Zwischennutzer des ehemaligen Migrol-Areals. Erst 2019 verlängerte die Basler Regierung den Zwischennutzungsvertrag bis 2024. Im selben Jahr fand das alte Leuchtturmschiff «Gannet 1954» den Weg ins Hafenareal. Der Verein will es zum Kulturraum umfunktionieren und noch in diesem Jahr eröffnen. Reichenstein wird anschliessend Programmverantwortliche des neuen Radiosenders, der darin einziehen wird.

Aus der kreativen Kulturbranche zurück in den strukturierten Pflegeberuf: «Es war ein Kaltstart», sagt die 46-Jährige ehrlich und meint: Nach 17 Jahren in Journalismus und Kultur kehrt sie ausgerechnet in der aktuellen, besonderen Situation zurück in ihren ersten Beruf. Dieser Wechsel kam aber nicht von ungefähr. Reichenstein erzählt, der Wiedereinstieg gehe ihr bereits seit drei oder vier Jahren durch den Kopf. «Ich habe der Medizin nie ganz den Rücken gekehrt.» So habe sie sich im Journalismus stark mit Gesundheitspolitik auseinandergesetzt und vor einigen Jahren absolvierte sie zudem eine Ausbildung zur Shiatsu-Therapeutin, eine Druckmassage mit Ursprung in Japan.

«Jetzt muss ich wieder jeden Morgen vor sechs Uhr aufstehen»

Als eine der ersten Freiwilligen, noch bevor das Unispital den Aufruf startete, meldete sich Reichenstein also bei der Personalabteilung des Unispitals. «Meine Berufsehre liess es nicht zu, dass ich mich gerade jetzt nicht einsetze», sagt sie. Mittlerweile arbeitet sie in einem 80-Prozent-Pensum auf der Station der Herz-Gefäss-Thorax-Chirurgie.

Während ihr der Menschenkontakt und die pflegenden Arbeiten wieder leicht fielen, gebe es auch Herausforderungen: «Die digitale Dokumentation ist völlig neu für mich. Ich musste lernen, wie ich die Programme bedienen muss», erzählt Reichenstein. Und: «Jetzt muss ich wieder jeden Morgen vor sechs Uhr aufstehen. Das war in der Kulturbranche definitiv anders», sagt sie und lacht. «Zum Glück» seien sie beim Verein Shift Mode mittlerweile so gut aufgestellt, dass Reichenstein es sich erlauben kann, weniger Zeit in die Zwischennutzung und das Projekt zu investieren.

Langfristiges Engagement statt kurzer Ausflug

Aber ist es nicht besonders schwierig, in einer Ausnahmesituation einen neuen Job anzutreten? Reichenstein winkt ab: «Das Coronavirus spielt auf der Station nur am Rand eine Rolle. Hier vergesse ich den Coronawahnsinn, der draussen herrscht. Ich wünschte mir, die Stimmung wäre überall so ruhig und fokussiert.» Die Pflegenden würden gerade jetzt einen Ruhepol bilden. Auch für die Patienten. «Wir sind hier besonders als Menschen gefragt, da wir für unsere Patientinnen und Patienten die persönlichen Kontakte ersetzen», sagt Reichenstein.

Der Wechsel in den Pflegeberuf ist für sie aber nicht etwa ein kurzer Ausflug in abenteuerliche Gewässer. «Ich will auch nach der Krise weiterhin in einem Teilzeitpensum in der Pflege arbeiten.» Reichenstein ist überzeugt, dass beide Jobs nebeneinander gehen. «Mein Herz schlägt schliesslich für die Kultur und für den Pflegeberuf.»

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