Forderung
Kamerapflicht für die Studierenden an der Uni Basel

Dozierende der Uni Basel wollen die Zuhörerinnen und Zuhörer bei den Vorlesungen sehen. Das wirft datenschutzrechtliche Fragen auf.

Leif Simonsen
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Sehen und gesehen werden: Die Kamerapflicht bei den Vorlesungen gefällt nicht allen.

Sehen und gesehen werden: Die Kamerapflicht bei den Vorlesungen gefällt nicht allen.

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Einige Dozenten haben vom digitalen Unterricht die Nase voll. «Wenn ich momentan eine Vorlesung halte, dann sind die meisten Kameras ausgeschaltet. Und wenn ich die Studierenden mal aufrufe, sich zu zeigen, schalten vielleicht drei von fünfzig die Kamera ein», sagt ein Dozent.

Viele Lehrbeauftragte haben genug vom Gefühl, in einen schwarzen Bildschirm hineinzudozieren. Nun hat die Uni-Regenz beschlossen, dass sie die Studierenden auffordern können, die Kamera einzuschalten. Dies, weil die «aktive Beteiligung Bedingung zur Teilnahme an interaktiven Veranstaltungen ist und als Teil eines Leistungsnachweises Voraussetzung für eine Bewertung sein kann», wie dem Protokoll entnommen werden kann. Letztlich geht es also auch um Kontrolle: Gerade bei Vorlesungen, in denen die Studierenden alleine durch ihre digitale Anwesenheit zu ihren Credit Points kommen, sind neue Schlupflöcher entstanden. Der Uni-Sprecher Matthias Geering sagt, die Kamerapflicht sei nur zur Begrüssungsrunde vorgesehen; danach dürften die Studierenden die Kamera wieder ausschalten.

Nach der Begrüssungsrunde darf die Kamera wieder ausgeschaltet werden.

(Quelle: Matthias Geering, Sprecher Uni Basel)

Die Regenz kommt zum Schluss, dass es auch bei den Vorlesungen sinnvoll sein könne, bei den Zoom-Veranstaltungen die Kamera einzuschalten. Verpflichten werde man die Studierenden allerdings nicht. Ob die Kamera bei den Vorlesungen eingeschaltet sein muss, müsse zwischen Dozierenden und Studenten verhandelt werden.

Änderung in der Studienordnung erforderlich

Einige Studierende bekunden mit den neuen Bestimmungen Mühe. Die Studentische Körperschaft der Uni Basel (Skuba) wird nächsten Montag eine Medienmitteilung verschicken, in der auf die Kamerapflicht sowie die Registrierungspflicht eingegangen wird, welche in der Studienordnung verankert werden soll. Fortan müssen sich die Studierenden mit Legi und korrektem Namen bei den Online-Veranstaltungen anmelden: Dafür braucht es gar eine Änderung der Studienordnung, weil es nach Datenschutzgesetz eine «entsprechende Grundlage» benötige, wie es im Protokoll heisst. Inhaltlich will Skuba-Chefin Mélanie Schmutz noch nicht Stellung beziehen. Man wolle zuerst das Rektorat ins Bild setzen.

Auch in der Arbeitswelt tauchen Fragen auf

Die Bedenken dürften datenschutzrechtlicher Natur sein. Manch ein Student will nicht, dass man bei ihm in die WG sieht und erkennt, wie unaufgeräumt das Wohnzimmer ist oder dass die Poster seiner Teenie-Idole immer noch an seiner Wand hängen. Tatsächlich wirft die Kamerapflicht in den digitalen Veranstaltungen Fragen auf.

Abgeklärt wurden diese vom Basler Datenschutzbeauftragten Beat Rudin: Er, der an der Uni Basel Datenschutzrecht lehrt, hält die neue Verordnung vor allem aus einem Grund für unbedenklich – die Studierenden hätten die Möglichkeit, auf Zoom das Hintergrundbild auszutauschen. Statt der unaufgeräumten Wohngemeinschaft sei dann beispielsweise ein Strand am Mittelmeer oder ein See in Kanada zu sehen. Diese Möglichkeit hätten mehrere Studierende gewählt, als im vergangenen Sommer die Prüfungen abgenommen wurden.

Anzunehmen ist gleichwohl, dass die Datenschützer angesichts der Homeoffice-Bestimmungen mehr zu tun bekommen. Auch in der Arbeitswelt wünschen sich die Vorgesetzten vermehrt, dass bei den digitalen Sitzungen die Kamera eingeschaltet wird. Beim Verband Angestellte Schweiz heisst es, dies würde mehrheitlich pragmatisch gehandhabt. Es gäbe aber auch Arbeitgeber, die ihre Kompetenzen überschritten. Angestellte-Schweiz-Sprecher Hansjörg Schmid berichtet beispielsweise von einem Arbeitnehmer, der gezwungen wurde, die Kamera den ganzen Arbeitstag laufen zu lassen. Das sei nicht erlaubt. Die neuen «Überwachungs»-Regeln an der Uni Basel hingegen dürften gesetzeskonform sein.