Herzstück
Die Roboter sind unter uns

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft beider Basel.

Martin Dürr
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«‹Er› kam in einer unscheinbaren Kartonschachtel und erinnerte mich sofort an unsere Erde: eine flache Scheibe (ein kleiner Scherz für meine Flat-Earther-Freunde)»

«‹Er› kam in einer unscheinbaren Kartonschachtel und erinnerte mich sofort an unsere Erde: eine flache Scheibe (ein kleiner Scherz für meine Flat-Earther-Freunde)»

Nadia Schärli (neue Lz)

Wir haben jetzt einen Roboter im Haus. Während sonst eher ich für die Anschaffung neuer Technik verantwortlich bin, kam meine Frau nach Hause und sprach: «Du kannst Nein sagen, dann bringe ich ihn zurück, aber er war Aktion.» Mit dem Zauberwort «Aktion» kann man uns alles andrehen, liebe Detailhändler, da werden wir schwach. Wir sparen eben gerne, auch wenn wir etwas nicht brauchen. Aber ihn brauchen wir, brauchten ihn im Grunde schon immer, wir haben es einfach nicht gewusst.

«Er» kam in einer unscheinbaren Kartonschachtel und erinnerte mich sofort an unsere Erde: eine flache Scheibe (ein kleiner Scherz für meine Flat-Earther-Freunde). Wie ein Diskus, der im Lockdown zu viel Schokolade gegessen hat. Johnny, wie meine Frau ihn nennt, musste zuerst für ein paar Stunden an die Steckdose. Das gab mir Gelegenheit, etwas zu tun, das ich noch nie getan habe vor der Inbetriebnahme eines Geräts: Ich las die Gebrauchsanweisung. Aha, wir haben jetzt einen Reinigungsroboter. Während ich las, was man alles auf keinen Fall tun soll (am besten packt man das Gerät gar nicht aus und stellt es nie an), hörte ich plötzlich eine Stimme. Zu meinem Erstaunen kam es aus dem Schrank mit unserem herkömmlichen Putzmaterial. Der Staubsauger summte leise schmollend: «Ich weiss schon, ich bin jetzt Altmetall. Da tut man jahrelang klaglos seinen Dienst, schluckt allen Dreck hinunter und das ist dann der Dank.»

«Du gehörst doch praktisch zur Familie»

«Nein, nein!», sagte ich, «Dich brauchen wir weiterhin. Du gehörst doch praktisch zur Familie.» Das ist wie mit der Mikrowelle: Für richtiges Kochen braucht es einen anständigen Herd und einen Backofen – nur wenn man mal was schnell wärmen will, lassen wir die Mikrowellen los. Der Staubsauger schien mir nicht überzeugt zu sein, aber ich ignorierte ihn einfach. Nachdem ich die Bedienungsanleitung auch in sieben anderen Sprachen gelesen hatte, drückte ich Johnnys Knopf. Er strahlte kurz grün, surrte und setzte sich in Bewegung. Als Erstes knallte er in ein Tischbein, drehte sich um und rotierte auf die Küchentür zu. Ich konnte sie geistesgegenwärtig grade noch aufreissen, da kletterte er schon über die Schwelle und machte sich davon in Richtung Wohnzimmer.

«Johnny B. Goode!», rief ich ihm noch nach, als wäre ich Chuck Berry. «Achtung, der Teppich!», rief meine Frau, aber Johnny nahm auch diese Hürde. Vor der Wand bremste er ein wenig ab, drehte sich um und fuhr diagonal durch den Raum. Wir rannten vor ihm her, stellten Stühle auf den Tisch, entfernten Vorhänge und Kabel und Spielzeug unserer Grosskinder, Johnny hätte alles gefressen. Er ist wie ein Hund, der gleich an allem knabbert. Immerhin scheint er stubenrein zu sein.

Nach etwa zwei Stunden waren wir schweissgebadet. Aber das Wohnzimmer ist deutlich sauberer. Nur wenn ich sage, ich stelle ihn mal ab, blinkt er böse rot. Wie HAL 9'000 in «Odyssey 2001» von Stanley Kubrick. Ich hoffe, dass er die drei asimovschen Gesetze kennt. Und nicht den Staubsauger und die Mikrowelle gegen mich aufhetzt. Sonst war das meine letzte Kolumne.