Nähkästchen

Helen Liebendörfer über die Zeitmaschine: «Ich würde ins 16. Jahrhundert reisen»

Helen Liebendörfer hat den Begriff Zeitmaschine aus dem Nähkästchen gefischt.

Helen Liebendörfer hat den Begriff Zeitmaschine aus dem Nähkästchen gefischt.

Die Basler Schriftstellerin Helen Liebendörfer plaudert aus dem Nähkästchen. Übers Schreiben, Basels Zukunft – und Mozarts Hintern.

Frau Liebendörfer, worüber reden wir?

Helen Liebendörfer: Über die Zeitmaschine. Bevor wir loslegen, würde ich aber noch gerne eine Frage stellen: Wissen Sie, warum es «aus dem Nähkästchen plaudern» heisst?

Erzählen Sie’s mir.

Vor dem Interview hab' ich gegoogelt: Früher sei das Nähkästchen ein Ort für die Frau gewesen, um ihre geheimen Sachen zu verstecken, etwa Liebesbriefe. Denn dem Mann kam es nicht in den Sinn, im Nähkästchen zu suchen. Hie und da wurde das Geheimnis beim Nähen mit anderen Frauen hervorgekramt und darüber geplaudert...

...das ergibt einen Sinn! Und nun setzen wir uns in die Zeitmaschine. In welches Jahr möchten Sie reisen?

Ins 16. Jahrhundert. Damals haben in Basel interessante Leute gelebt, die hätte ich gerne kennen gelernt. Etwa Erasmus von Rotterdam, Hans Holbein oder auch Wibrandis Rosenblatt, die erste evangelische Pfarrfrau Basels. Bei den Recherchen zu meinen Romanen halte ich mich oft in dieser Zeit auf. Es wäre schön, herauszufinden, ob das, was ich in den Büchern schildere, auch stimmt (lacht). Mir stehen zwar Fakten zur Verfügung, aber wie das Lebensgefühl damals tatsächlich gewesen ist, kann man sich nur ausmalen.

Zeitmaschinen sind pure Fiktion – und trotzdem fasziniert der Gedanke viele Menschen. Woher rührt die Sehnsucht, aus der eigenen Zeit auszubrechen und in eine andere einzutauchen?

Wohl aus dem Bedürfnis heraus, etwas ganz anderes zu erleben. Man kann die Vorstellungen darüber, wie es in vergangenen Zeiten war oder in zukünftigen sein wird, mit viel Fantasie füllen. Und Platz für Fantasie gibt es in der heutigen Zeit mit der Informationsflut, die uns täglich umspült, ja fast nicht mehr.

Ende Oktober kommt Ihr siebter historischer Roman in die Buchläden, «Nun erst recht – Matthäus Merian und seine Familie». Was reizt Sie an der Vergangenheit?

Auf der Vergangenheit ist unsere Stadt gebaut, ohne sie wäre hier gar nichts! Ich habe lange als Stadtführerin gearbeitet, und es war mir immer eine Freude, den Menschen vergessene Zeiten näher zu bringen, dass sie entdecken und erfahren. Etwa, dass Matthäus Merian, dieser berühmte Verleger, im Kleinbasel aufgewachsen ist. Mir ist es auch ein Anliegen, dass die Leser, wenn sie mein Buch weglegen, froh sind, in der heutigen Zeit leben zu dürfen, und den Komfort schätzen. Etwa die Sauberkeit, dass wir hier an der Wärme sitzen können, dass wir reisen können. Und so weiter.

Früher ist man auch gereist.

Ja, aber wie! Das war meistens sehr beschwerlich. Und es dauerte lange, auch für die Gutbetuchten. Mozart beklagte sich nach langen Kutschenfahrten oft über seinen schmerzenden Hintern.

Sie wissen so gut Bescheid über die Vergangenheit... Ihre Bücher sind auch eine Art Zeitmaschine.

Das kann man so sagen... Man liest ein Buch von mir und taucht in eine andere Zeit ein.

Mit welcher historischen Figur sympathisieren Sie eigentlich am meisten?

Am ehesten mit Angela Böcklin, der Frau von Arnold Böcklin. Ihr Tagebuch hat mich berührt, wie sie das ewige Hin- und Herzügeln gemeistert hat. Ein Mann kommt als Sympathieträger derweil nicht infrage.

Warum?

Die Frauen sind mir näher, ich konnte mich in deren Probleme hineinfühlen. Gewiss, die Männer waren allesamt faszinierende Figuren, sogar General Sutter. Aber ist ja klar, dass ich nicht mit einem Sklavenhändler sympathisiere, obschon das damals im 19. Jahrhundert als normal galt. Viele konnten nicht verstehen, warum ich ein Buch über ihn schreibe. Aber auch die dunklen Seiten der Geschichte müssen gezeigt werden.

Sie sind jetzt 77 Jahre alt, haben eine Wahnsinns- Energie. Wie viele Romane schreiben Sie noch?

Keine Ahnung, so schnell lässt es mich aber nicht los! Und es fehlt ja nicht an spannenden Persönlichkeiten in Basels Geschichte, die ist wahrhaftig sehr ergiebig.

Wenn Sie selber lesen, tun Sie das mit richtigen Büchern oder greifen Sie zu E-Books?

Ach, ich habe es mit E-Books versucht, es ist einfach nicht dasselbe. Das Haptische gehört für mich zum Leseerlebnis dazu. Bücher, ich bin sicher, werden auch in Zukunft Bestand haben.

Setzen wir uns nochmals in die Zeitmaschine und reisen in die Zukunft. In das Jahr 2120, okay?

Dann wird es in Basel sicher ein paar Hochhäuser mehr geben. Das Münster wird noch stehen, hoffentlich auch der grösste Teil der Altstadt. Aber es ist müssig zu versuchen, sich das vorzustellen, wenn man bedenkt, was für Riesenschritte die Menschheit in den vergangenen 100 Jahren gemacht hat. In dem Tempo wird es wohl weiter gehen.

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