Kirchenaustritte

Heiliger Bimbam! Da hilft nur noch Beten

Verliert in der Nordwestschweiz immer mehr Anhänger: Papst Benedikt XVI.

Verliert in der Nordwestschweiz immer mehr Anhänger: Papst Benedikt XVI.

Auch im Jahr 2010 musste die katholische Kirche in den beiden Basel eine grosse Austrittswelle zur Kenntnis nehmen. Noch stärker als in den Jahren zuvor. Die Gründe sind vielfältig.

Heiliger Bimbam. Noch liegen der Römisch-katholischen Kirche Baselland nicht aus allen Kirchgemeinden konkrete Zahlen vor. «Schon jetzt aber ist klar, dass wir fürs 2010 nochmals eine starke Zunahme an Austritten verzeichnen müssen», sagt Verwalter Philip Staub. Dabei sind schon 2009 kantonsweit 734 Katholiken aus der Kirche ausgetreten. «Und wir haben auch immer wieder Anfragen von Leuten, die sich erst mal erkundigen, wie man aus der Kirche austritt», führt Staub aus. Ein ähnliches Bild zeigt sich in Basel-Stadt. Hier sind im vergangenen Jahr 751 Katholiken ausgetreten. Schon 2009 waren es 716. Und eine Besserung ist nicht in Sicht: Diesen Januar haben bereits wieder 50 Katholiken ihren Austritt erklärt - nochmals 27 mehr als in der Vorjahresperiode.

Die beiden Basel bilden keine Ausnahme. Die Römisch-katholische Zentralkonferenz schätzt, dass 2010 in der ganzen Schweiz total 25000 bis 30000 Personen ausgetreten sind - so viele wie noch nie. Zwar erhebt die Kirche die Motive der Austretenden nicht systematisch. Dennoch: Die Begründungen für den Anstieg klingen überall gleich. Genannt werden die Missbrauchs-Skandale oder die umstrittene Rehabilitierung der Pius-Brüder. Für das Pastoralsoziologische Institut in St.Gallen spielt auch die Finanzkrise eine Rolle. Leute würden austreten, um die Kirchensteuer zu sparen. Tatsächlich: «Wird die Steuerrechnung verschickt, steigen die Austrittszahlen immer an», bestätigt Xaver Pfister von der katholischen Kirche Basel-Stadt.

Keine nationale Statistik

Und der Rückgang geht weiter. Eine nationale Austritts-Statistik wird in der Schweiz aber nicht geführt. Die letzte gesamtschweizerische Zahl zur Kirchenmitgliedschaft stammt aus der Volkszählung im Jahr 2000. Damals waren knapp 42 Prozent der Bevölkerung Katholiken. Seither dürfte die Zahl um rund 4 Prozentpunkte zurückgegangen sein, schätzt das Pastoralsoziologische Institut. «Die Katholiken werden in Baselland sicher nicht aussterben», ist Staub überzeugt. «Dafür hat es mit rund 78000 noch immer genügend.» Auch Xaver Pfister befürchtet nicht, dass es in Basel-Stadt dereinst keine Katholiken mehr geben könnte. Dennoch sind die Zahlen eindrücklich: 1979 gab es im Stadtkanton noch rund 68000 Katholiken. Heute sind es noch etwa 29000. Und die Entwicklung hält an. Pfister: «Das Statistische Amt hat ausgerechnet, dass es sich dereinst bei etwa 20000 Katholiken einpendeln dürfte.»
Innerkirchlich wird der Anstieg an

Austritten unterschiedlich interpretiert. Konservative Kreise, die für eine Trennung von Kirche und Staat eintreten, sind der Meinung, man solle «diese Leute einfach gehen lassen». Xaver Pfister dagegen hält eine solche «Gesundschrumpfung» für gefährliche: «Je kleiner eine Religionsgemeinschaft wird, desto sektenartigere Züge nimmt sie an», begründet er. Für den zahlenmässig grösseren Teil der Katholiken ist die Austrittswelle denn auch dramatisch und ein Auftrag, Bemühungen «um eine menschennahe Kirche» zu verstärken. Pfister stellt sich denn auch nicht immer hinter den Vatikan, der seine Schäfchen doch zuweilen mit umstrittenen Entscheiden irritiert. «Wir versuchen immer wieder aktiv zu kommunizieren, dass die Kirche in Basel und im Vatikan eben nicht dasselbe ist», sagt er. Unter dem Strich könne es nicht sein, dass Katholiken vor die Wahl gestellt würden, entweder «ein moderner Mensch zu sein oder katholisch zu bleiben».

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