Wohnüberbauung

Gutachterin rät von Chilchacher-Überbauung ab

Der Chilchacher ist heute auf drei Seiten umbaut (Bildmitte), unmittelbar davor die Kirche.

Der Chilchacher ist heute auf drei Seiten umbaut (Bildmitte), unmittelbar davor die Kirche.

Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz taxiert Tenniker Pfarrmatte als Teil eines identitätsstiftenden Kulturguts.

Die Gegner einer Überbauung des 11000 Quadratmeter grossen Chilchachers in Tenniken geben weiter den Takt vor. Nach der Einreichung einer Petition, die fast ein Drittel der Tenniker Bevölkerung unterschrieben hat, legen sie nun mit einem bei der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz eingeholten Gutachten nach. Verfasserin Franziska Grossenbacher, Geografin und stellvertretende Leiterin der Stiftung, stellte es am Dienstagabend im vollen Tenniker Gemeindesaal vor.

Das Resultat stützt die Gegner respektive schwächt die Befürworter einer Wohnüberbauung, allen voran die Stiftung Kirchengut als Landeigentümerin und den Tenniker Gemeinderat. Denn das ausführliche Gutachten beantwortet die beiden Leitfragen klar im Sinne der Auftraggeber. Dazu Grossenbacher: «Eine Überbauung ist keine hochwertige Siedlungsentwicklung nach innen. Wir empfehlen der Gemeinde, den Chilchacher vor einer Überbauung zu schützen, ihn einer Denkmalschutzzone zuzuweisen und stattdessen im bereits überbauten Gebiet zu verdichten.»

Um zu diesem Schluss zu kommen, befasste sich Grossenbacher mit der Dorfentwicklung, kämpfte sich durch rechtliche und planerische Vorgaben von Gemeinde und Kanton und beurteilte Qualitäten und Atmosphäre des Chilchachers.

Behörden wird Ausflug nach Fläsch empfohlen

Dabei stiess die Gutachterin auf diverse kommunale Zielsetzungen, die einer Überbauung widersprechen. So etwa, dass das Ortsbild um die Kirche zu erhalten ist – das Ensemble Kirche, Pfarrhaus, Friedhof und Chilchacher ist eine der letzten intakten Einheiten im nach dem Autobahnbau stark gewachsenen Dorf. Oder dass das Siedlungsgebiet nicht ausgedehnt werden soll. Oder dass Natur und Landschaft zu erhalten sind. Oder das Ziel, dass die Umgebung von geschützten Kulturdenkmälern, zu denen Kirche, Pfarrhaus und Pfarrscheune zählen, nicht beeinträchtigt werden soll. Daraus folgert Grossenbacher: «Aus planungsrechtlicher Sicht ist eine Überbauung des Chilchachers eine schwere Beeinträchtigung der Schutz- und Entwicklungsziele.»

Daneben qualifiziert sie das Kirchen-Ensemble inklusive Chilchacher als «ortsbildprägend und identitätsstiftend» für Tenniken und die Matte für sich betrachtet als schön gefassten Raum (s. auch Bild) im Sinne eines mittelalterlichen «Hortus conclusus», eine Art Paradiesgarten. Die ehemalige Pfarrmatte wird übrigens, um wieder den Bezug zur Gegenwart zu schaffen, von einem Bauern bewirtschaftet.

Grossenbacher empfahl auch den Blick über den Gartenhag. So habe zum Beispiel die Nachbargemeinde Zunzgen eine Parzelle im Ortskern gekauft, um sie vor einer Überbauung zu schützen. Und das bündnerische Fläsch, das vor zehn Jahren vom Heimatschutz den Wakkerpreis erhielt, habe Obst- und Weingärten innerhalb des Siedlungsgebiets ausgezont, um sie zu erhalten.

Genau hier hakte Hansjörg Stalder, Vorstandsmitglied des Baselbieter Heimatschutzes, als zweiter Referent ein. Fläsch habe die charakteristischen Landwirtschaftsflächen im Dorf mithilfe einer Landumlegung erhalten können und den betroffenen Landeigentümern Realersatz geboten. Stalder: «Eine Überbauung von Landwirtschaftsflächen ist keine innere Verdichtung. Leerräume sind mehr als noch nicht realisierte Rendite, sie sind Teil der gestalteten Dorfstruktur.»

Und dann zielte Stalder auch noch auf den Wert von Kirchengütern. Diese seien nicht einfach Immobilien, sondern Baukulturgut mit immateriellen Werten, die wie in Tenniken eingebettet ins Ortsbild seien. Gerade die Tatsache, dass der Chilchacher bis heute erhalten geblieben sei, zeige, dass er Teil des Kirchenensembles sei.

Den Wert dieses Ensembles zu bestimmen, könne man nicht der Stiftung Kirchengut überlassen, das sei eine gesellschaftliche Aufgabe. Fläsch habe eine Abwägung vorgenommen, die zeige, dass es Lösungsmöglichkeiten gebe. Tenniken müsse das Rad also nicht neu erfinden, ein Gang nach Fläsch könne sich lohnen, so Stalder. Vielleicht brauche die Gemeinde auch Unterstützung durch den Kanton.

Anton Lauber gibt Ball an Gemeinde weiter

Dass sich dieser in Tenniken aber nicht die Finger verbrennen will, zeigte ein Statement des im Publikum sitzenden Finanz- und Kirchendirektors Anton Lauber. Er meinte, es herrsche ein Zielkonflikt zwischen der Aufgabe der Stiftung Kirchengut, die Kirchen im Kanton zu unterhalten und dafür die nötigen Mittel zu generieren, und dem Schutz des Lebensraums. Und Lauber weiter: «Es ist Aufgabe der Gemeinde und nicht des Kantons, hierauf eine Antwort zu finden.»

Klare Unterstützung erhielten die Überbauungsgegner von Vera Weber, Präsidentin der Fondation Franz Weber. Sie rief in den Saal: «Sie haben hier eine Oase, die wirtschaftlichen Interessen dürfen nicht Vorrang haben. Gehen Sie auf die Barrikaden, sagen Sie entschieden Stopp. Wir unterstützen Sie dabei.» Wenig ergiebig, dafür ein Stück weit charakteristisch für die Stimmung im Dorf war die abschliessende Diskussion. Sie bestand zu einem Teil im Austausch von Gehässigkeiten und Vorwürfen zwischen Gegnern und Befürwortern einer Überbauung des Chilchachers.

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Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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