Pflegefachfrau im Porträt

Grenzenlos mit Grenzen: Marjon Donselaar hat ihren Ausgleich gefunden

Wenn Marjon Donselaar von ihren Erlebnissen erzählt wirkt sie arriviert und zugänglich.

Wenn Marjon Donselaar von ihren Erlebnissen erzählt wirkt sie arriviert und zugänglich.

Marjon Donselaar hat als Pflegefachfrau schon vieles gesehen und erlebt - für sich hielt sie stets den nötigen Abstand.

Sie nehmen in Marjon Donselaars Leben einen besonders grossen Stellenwert ein, die Grenzen - im konkreten wie im übertragenen Sinn. Einerseits ist sie in ihrer Arbeit als Pflegefachfrau im Asylbereich in Basel tagtäglich mit Menschen konfrontiert, die etliche Grenzen überquert haben in der Hoffnung, auf ein besseres Leben zusteuern zu können. Andererseits muss sie sich bei ihren Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen immer wieder selbst Grenzen setzen, um wieder in den eigenen Alltag zurückkehren zu können.

Mit Bildern und Geschichten konfrontiert

Marjon Donselaar ist 56 Jahre alt, ursprünglich Holländerin und lebt in Basel. Aufgewachsen in Holland in einer sehr religiösen Familie, lernte sie schon früh die Missionarsarbeit kennen und wurde mit Bildern, Geschichten und Erfahrungsberichten aus der ganzen Welt konfrontiert. Der Drang, all die Orte irgendwann selbst zu erkunden und vor Ort aktiv tätig zu sein, der ist geblieben. Der religiöse Aspekt eher weniger. Während ihre Eltern kaum reisten und im Umgang mit Neuem eher zögerlich waren, zog es Donselaar mit 27 Jahren in die Schweiz.

Sie arbeitete als Pflegefachfrau in Bern und Interlaken, bis sie 2008 den Schritt wagte, die Weiterbildung vom Tropeninstitut (TPH) zu absolvieren, die Voraussetzung ist für eine Bewerbung als Pflegefachfrau für «MSF» (Médecins sans Frontières). Schon im darauffolgenden Jahr hatte sie ihren ersten Auslandeinsatz in Adré im Tschad. Sechs Monate verbrachte sie mit einem Team vor Ort.

Eine Holländerin trifft einen Basler im Tschad

Ihr erster Auslandeinsatz vor elf Jahren bestätigte nicht nur ihr Bedürfnis, aktiv zu helfen, sie lernte auch ihren Lebenspartner kennen, der damals selbst im Einsatz stand. Eine in Bern wohnhafte Holländerin und ein Basler treffen also im Tschad aufeinander und es passt auf Anhieb. Was sie von den anderen Anwesenden unterscheidet? Die guten Deutsch- und eher schlechten Französischkenntnisse. Was weit weg von zu Hause zu fruchten begann, schlug zurück in der Schweiz Wurzeln. Nach zwei Jahren hin und her fahren zog Donselaar vor acht Jahren schliesslich zu ihrem Partner nach Basel.

Seither sind sie immer wieder bei Einsätzen im Ausland tätig. Jetzt gerade arbeitet er im Niger. Im Dezember soll er zurückkommen, sofern alles funktioniert. «Jetzt in dieser Zeit ist es schon schwierig, den Partner nicht bei sich zu haben», sagt Donselaar und man sieht ihr an, dass sie sich nach ihm sehnt, «wir haben aber von Anfang an gewusst, dass es immer wieder solche Situationen geben wird, da wir beide ein ähnliches Leben führen.»

Die Pandemie hat Donselaar auch beruflich stark eingenommen. Den ganzen Juni verbrachte sie im Sudan, um bei einem Covid-19-Projekt von MSF mitzuwirken. Im Alltag muss sie Abstand halten, ob im Beruf im Asylbereich, wo sie seit vergangenem Jahr arbeitet, oder bei ihrem Auslandeinsatz im Sudan. Abstand halten der körperlichen Gesundheit wegen.

Doch auch die psychische Gesundheit verlangt ein konstantes Bewusstsein für den nötigen Abstand. Sterbende Mütter und Kinder, Waisen, die an Orten untergebracht werden, hinter welchen Donselaar nicht stehen kann – Erlebnisse, die einen stark prägen und an denen manch einer auch zerbrechen würde. Umso wichtiger ist der bewusste Abstand nach einem Auslandeinsatz: «Ich brauche dann immer etwas Zeit für mich, um wieder in meinem persönlichen Alltag anzukommen und mich zu sammeln», sagt Donselaar mit einer Mischung aus Bern- und Baseldeutsch und einem leichten holländischen Einschlag.

Der Mix zwischen Beruflichem und Privatem

Ob es bei ihren Auslandeinsätzen Frust gebe, Ohnmacht? «Auf jeden Fall. Aber da kommt dann eben der Pragmatismus ins Spiel», sagt sie und liefert gleich selbst ein Beispiel, das kaum passender sein könnte: In gewissen Teilen Afrikas sei der Aberglaube sehr gross.

So existiere beispielsweise der Mythos, dass Kinder unter sechs Jahren keine Eier essen sollten, weil sie sonst taub würden. «Es bringt nichts, zu versuchen, den Menschen vor Ort diesen Glauben auszutreiben, da hilft nur ein gesunder Pragmatismus.» Gleiches gilt auch für ihre tägliche Arbeit. Selbstverständlich baue man Beziehungen zu Asylantinnen und Asylanten auf. Entsprechend schwierig werde es auch, wenn man sich von den meisten dann wieder ins Ungewisse hinaus verabschieden müsse.

Die Maske hat sie immer dabei, bei der Arbeit und in der Freizeit. Fotografiert zu werden, ist für sie ausserdem kein Problem: «Mein Mann fotografiert viel, ich habe mich deshalb ans Posen gewöhnt», sagt Marjon Donselaar und lacht.

Die Maske hat sie immer dabei, bei der Arbeit und in der Freizeit. Fotografiert zu werden, ist für sie ausserdem kein Problem: «Mein Mann fotografiert viel, ich habe mich deshalb ans Posen gewöhnt», sagt Marjon Donselaar und lacht.

Den richtigen und wichtigen Ausgleich zwischen humanitären Einsätzen, dem täglichen Berufsleben und dem Privatleben zu finden, klingt nach einer Herkulesaufgabe. Marjon Donselaar hat für sich den Mix gefunden, den es braucht, um sich selbst und ihren Anspruchsgruppen gerecht zu werden.

Nicht verbittert, sondern unverändert neugierig

Ein Wort, das im Zusammenhang mit humanitärer Hilfe immer wieder aufkommt, ist der Egoismus. Helfen Menschen anderen Menschen in Not, um ihr Gewissen zu beruhigen? Vielleicht. Die viel wichtigere Frage ist aber: Tut es etwas zur Sache, wenn ja Gutes dabei entsteht? «Schwierig finde ich es nur dann, wenn NGOs viel Zeit und Wissen investieren, um jemanden in die Arbeit einzuführen, der ein Projekt nur für seinen Lebenslauf begleitet und danach nie wieder im Einsatz steht», sagt Donselaar. Aber auch hier bleibt ihre Kritik zurückhaltend, «es wird ja im Endeffekt vor Ort dann trotzdem Gutes getan.»

Gutes tun. Ein weiter Begriff. Für Marjon Donselaar ist es ein «Gerechtigkeitsausgleich». Die Gesundheitsversorgung weltweit sei so derart unausgeglichen, dass sie mithelfen wolle, etwas mehr Gerechtigkeit zu schaffen. Selbstverständlich in ihren Möglichkeiten begrenzt und mit dem Bewusstsein dafür, niemals jedem helfen zu können.

Ein grosses Ziel, das sie beruflich noch erreichen möchte, gibt es nicht. Nur auf der Notfallstation würde sie gerne nochmals arbeiten. «Ich weiss aber nicht, ob das gesundheitlich und in meinem Alter noch geht, wir werden sehen, was das Leben noch für mich bereithält», sagt Donselaar, wirkt dabei nicht verbittert, sondern unverändert neugierig.

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