Geistschreiber
Baerbock vor der Kanzlerwahl: Warum «Mutti »keine Beleidigung ist

Willi Näf
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Der Geistschreiber denkt über Annalena Baerbock Rollenfindung nach.

Der Geistschreiber denkt über Annalena Baerbock Rollenfindung nach.

Clemens Bilan / EPA

In zwei Wochen ist Muttitag, und für mich ist klar, wer nach Merkel bundeskanzeln soll: Annalena Baerbock. Sie ist auf dem Land aufgewachsen (wie ich), hat zwei Töchter (wie ich) und keine Regierungserfahrung (wie ich). Und um auf die toxische Frage nach der Vereinbarkeit von Kindern und Kanzlerinnenamt beleidigt zu reagieren, ist die studierte Völkerrechtlerin zu intelligent. Ihre Antwort: «Mutti-Erfahrung ist für eine Landesmutter doch hilfreich, unter 83 Millionen Deutschen gibt’s auch einige Kindsköpfe.»

Gut, womöglich hat’s mir nur geträumt, dass sie das gesagt hat. Es hätte mir halt gefallen. Ich naiver Mitmensch glaubte immer, «Mutti» sei eine Liebeserklärung der Deutschen an Merkels unaufgeregte und pragmatische Landesmütterlichkeit, mit der sie sich so wohltuend von den Protzbuben in anderen Ländern abhob, die während Merkels Regentinnenschaft kamen, lärmten und gegangen wurden. Bis ich lernen musste, dass feministisch engagierte Mitmenschen «Mutti» als Beleidigung lesen, benutzt von rechtsdrehenden Kleingeistern, welche starke Frauen auf Weiblichkeit und Mutterschaft reduzieren, gerne auch mit dem Diminutiv, weil sie zu blöd sind, um zu merken, dass sie damit ihre Unterlegenheitsgefühle zur Schau tragen. Die Mutti-Empörten heulten dann auch noch, Politiker würden schliesslich auch nie als Vati bezeichnet. Stimmt. Hab ich auch noch nie gehört. Schade. Landesväter anstelle von Protzbuben fände ich fein. Aber wer würde sich das Gütesiegel Vati mit jener natürlichen Autorität verdienen, mit welcher Dr. Angela Merkel sich das Prädikat Mutti verdiente?

Armin Laschet von der CDU mit der randlosen Brille bräuchte mindestens drei souveräne Amtsperioden. Der aus dem Wahlkampf gekippte Bayer Söder wäre gar kein Vati geworden, sondern ein Franz Josef Strauß 2.0, und das ist was anderes. Item, was ich meine: Wer immer Merkel einst mit «Mutti» verspotten wollte, hat sich ins eigene Knie geschossen. Hängen bleibt nämlich stattdessen «Landesmutter». Framing nennt man das. Und in zwanzig Jahren wird man sagen: Die Mutti hat gut zum Land g’schaut, damals. Vielleicht ist Laschet bis dann wirklich zum Vati gereift. Oder Baerbock zur Mutti. Ich bin gespannt.