Basler Volksbühne

Die Suche nach neuen Weiblichkeitsbildern

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Das neue Stück der Basler Volksbühne handelt von Kriegsverbrechen und dem Versuch, daraus Hoffnung zu schöpfen.

Auf der Bühne stehen Leinwände, Fotos von zerstörten Häusern sind darauf projiziert. Es sind schreckliche Bilder, von welchen das neue Stück der Volksbühne erzählt, Bilder des Krieges. «Shengal – die Kraft der Frauen» handelt vom nordirakischen Gebiet Shengal und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern, den Jesiden. Es erzählt, wie das Volk 2014 vom «Islamischen Staat» («IS») angegriffen wurde und wie nun versucht wird, wieder Strukturen aufzubauen.

Regisseurin Anina Jendreyko betont, dass es ihr wichtig sei, kein «Betroffenheitstheater» zu machen, die Abstraktion sei ihr wichtig. So werden auf der Bühne stets wieder dokumentarische Bilder und Videos gezeigt, die Menschen und Landschaft des Shengals zeigen. Die Lebensgeschichten werden jedoch live erzählt – von Schauspielerinnen und Schauspielern.

Eine junge Frau führt aus, wie sie und ihre Familie mit dem Auto zu fliehen versuchte. Dies klappte jedoch nicht, da der «IS» die Strassen gesprengt ­hatte. So musste man sich in verlassenen Häusern verstecken – in der eingekesselten Stadt. «Nun hatten wir verstanden, es ging um Tod oder Leben.» Zum ersten Mal kommt das Hauptmotiv des Stückes zum Vorschein: Das Selbstbewusstsein der jesidischen Frauen. Eher würden sie sich selbst umbringen, sie und ihre Schwestern, ­erzählt die Frau, als dem «IS» in die Hände zu fallen.

Etwa ein Jahr nach dem Einfall wurde der «IS» jedoch vertrieben. Die Jesidinnen und Jesiden konnten wieder in ihrer Region leben – deren Infrastruktur durch die Kämpfe jedoch zerstört war.

Die Suche nach neuen Weiblichkeitsbildern

Von nun an erzählt das Stück, wie sich Frauen daran machten, ihre Stellung innerhalb der jesidischen Gemeinschaft zu hinterfragen und diese neu aufzubauen. Diese Suche nach neuen Weiblichkeitsbildern kann als eine Antwort auf die brutalen Kriegsverbrechen des «IS» gelesen werden, unter denen jesidische Frauen zu leiden hatten. Es ist ein Versuch, aus erlebtem Elend Hoffnung zu schöpfen.

In diesem Vorhaben prallen Welten aufeinander, die sich in der Person einer portraitierten Kämpferin verbinden. Sie ist Jesidin, hatte sich jedoch kurdischen Milizen angeschlossen – und befreit nun ihr eigenes Volk vom «IS». Von den eigenen Leuten wird sie jedoch mit Fragen eingedeckt: «Wieso hast du als Frau eine Waffe in der Hand?», oder «Warum heiratest du nicht?». Es sind die Denkweisen einer traditionelleren und einer jungen, weiblichen Generation, die hier aufeinandertreffen.

Das Stück lässt keinen Zweifel daran, in welche Richtung von nun an gedacht werden soll. So unterhalten sich die jungen Jesidinnen mit zwei älteren, schnurrbärtigen Jesiden, die auf der Leinwand zu sehen sind. Die Alten werden herausfordernd gefragt: «Wie ist es für euch, nicht mehr immer das letzte Wort zu haben?»

Weitere Aufführungen:
www.volksbuehne-basel.ch

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