Fasnacht

Der Waggis mit den schönen Augen – Liebschaften, die im Räppliregen entstehen, können ein Leben lang halten

Liebe kann auch an der Fasnacht gefunden werden – und sehr, sehr lange halten. (Symbolbild)

Liebe kann auch an der Fasnacht gefunden werden – und sehr, sehr lange halten. (Symbolbild)

Wer an der Fasnacht seine grosse Liebe fand, trägt sie für immer im Herzen – besonders an dieser herben Ausfall-Fasnacht 2020.

Tambour Kevin (Name geändert) steht vor einer Herausforderung. Er hatte für den heutigen Fasnachtsmittwoch geplant, seiner Freundin einen Heiratsantrag zu machen. Die Cliquenkollegen waren vorinformiert und wären für ein kurzes Ständchen bereitgestanden. Doch nun fehlt ausgerechnet die Fasnacht.

«Wir haben uns via Cliquenkollegen kennen gelernt», erzählt der 27-Jährige und schaut verträumt in den Himmel. Die Liebe scheint noch frisch zu sein. Kevin wollte Frau Fasnacht als «Antragszeugin» dabei haben, doch nun muss er seinen ursprünglichen Plan begraben. Ärgerlich, da er die Clique seiner Zukünftigen überredet hat, die Route leicht zu ändern. «Keine Angst, er findet eine neue Idee!», ist sein Freund Robin überzeugt. Die Fasnacht wird sicher eine Rolle spielen.

Diese Liebe hält schon mehr als 50 Jahre

Der Fasnachtsmittwoch spielt auch im Leben von Alex, 77, und Lotti, 74, eine grosse Rolle. Am 6. März vor 57 Jahren fanden die Herzen der beiden zueinander. «Ich kannte sie schon seit der Kindheit, aber wir haben uns aus den Augen verloren», berichtet Alex. Er kam zu jener Zeit gerade aus der Winter-Rekrutenschule zurück. Am Morgenstraich 1963 traf er Lotti wieder, im Restaurant Cockpit an der Hammerstrasse. Beide waren in Begleitung eines Elternteils. «Ich habe ihren Vater gefragt, ob sie am Abend noch in die Stadt kommen darf», erzählt er und fügt mit einem Schmunzeln an: «So war das damals noch!». Der Vater aber sagte «Nein!». Da Lotti bereits am Morgestraich gewesen war, durfte sie abends nicht mehr aus dem Haus. Doch Alex überredete den Vater, seine Tochter am Mittwoch an den Cortège gehen zu lassen. «Am Abend gingen wir dann noch gemeinsam etwas trinken», beginnt Alex zu erzählen, lacht und ergänzt: «Noch im selben Jahr haben wir uns verlobt und 1967 geheiratet.»

1970 kam die gemeinsame Tochter zur Welt – exakt am Hochzeitstag. Dass die Fasnacht 2020 abgesagt wurde, findet er für die Aktiven zwar schade, ist für seine Frau und ihn aber nicht schlimm. «Am Freitag werden wir 57 Jahre zusammen sein», fasst er das, was für seine Familie zählt, zusammen. Eine Fasnachtsliebe kann also ein ganzes Leben halten.

Die grosse Überraschung: «Ich kannte den Mann!»

Ob die Liebe von Tina (Name geändert) auch so lange halten wird, wissen wir noch nicht. Die 31-Jährige hat sich an der letzten Fasnacht in einen Waggis verliebt. Durch die grosse Larve blitzten zwei schöne, wache Augen hervor. Das Kostüm wies ihn nicht gerade als Gentleman aus, aber er schenkte ihr einen ganzen Bund Rosen. Dazu drangen trotz intensiver Trommel- und Piccolo-Klänge nette Komplimente an ihre Ohren. «Da war es um mich geschehen», sagt die Passiv-Fasnächtlerin.

Sie schaute dem Wagen lange nach und als sie sah, dass er an der nächsten Kurve aus dem Cortège scherte und eine Pause einlegte, nahm sie ihren Mut zusammen: Tina ging zur Wagen-Clique und suchte «ihren» Waggis. Umgeben von irrationalen Gefühlen erlebte sie eine grosse Überraschung: «Ich kannte den Mann! Ich habe ihn ein knappes Jahr vorher an einer Weiterbildung kennen gelernt», erzählt Tina und gesteht: «Ich war damals so konzentriert auf den neuen Stoff, dass ich keine Augen für ihn hatte. Ich habe ihm scheinbar auch gefallen, aber er schaffte es damals nicht, auf sich aufmerksam zu machen.»

Doch an der Fasnacht hat er es schliesslich geschafft – und wie! «Er war ebenfalls einen Moment sprachlos, als ich plötzlich vor ihm stand und er gerade seine Larve verstaute», schmunzelt sie. Aber dann ging es schnell. Die beiden nutzten die Gelegenheit, sich näher kennen und lieben zu lernen. Ohne Weiterbildung und dieses Jahr auch ohne Fasnacht.

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