Verbot
Der Trüffel steht in Deutschland auf der Roten Liste: Wer danach sucht, wird kriminalisiert

Deutschland ist das einzige Land in Europa, in dem es untersagt ist, nach Trüffel zu suchen. Angeblich stecken die Nationalsozialisten hinter dem Verbot, um die Juden am Handel zu hindern.

Peter Schenk
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Keystone

Während in der Schweiz seit etlichen Jahren ein Hype auf Trüffel und das Sammeln der edlen und teuren Pilze im Wald im Gang ist, geht es in Deutschland diskreter zu. Auf einem Foto, das einen Vortrag zu Naturschutz und Trüffelnutzung abschliesst, werden Menschen beim Degustieren der Knolle im Wald mit schwarzen Balken über den Augen abgelichtet.

Die Einladung zur Besichtigung eines Trüffelfelds wird mit den Aufforderungen begleitet: «Keine Berichterstattung. Wir sind dort ganz privat.» Auch Hannes Schmidt, der für die Herstellung von Gin Trüffel von Plantagen aus dem Schwarzwald kauft, bestätigt, dass er beim Besuch einer derartigen Plantage um Diskretion gebeten worden sei. Burgundertrüffel, die im Schwarzwald wachsen, können um die 550 Euro pro Kilo kosten. Das macht sie auch für Diebe interessant.

Dass es überhaupt Trüffel im Schwarzwald gibt, ist relativ unbekannt. Auf der Internetseite von Schmidts Boar Gin wird dies auf das Reichsnaturschutzgesetz der Nationalsozialisten vom 26. Juni 1935 zurückgeführt. Demnach sei das Sammeln von Trüffeln verboten worden, weil die Nazis so die Juden, die den Trüffelhandel damals dominiert haben sollen, aus diesem Geschäft drängen wollten.

Trüffel auf der Roten Liste

Markus Mayer, Leiter der Geschäftsstelle des deutschen Trüffelverbands, bestätigt, dass wilde Trüffel heute in Deutschland nicht gesammelt werden dürfen. «Warum das so ist, wissen wir aber nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg rutschte der Trüffel auf die Rote Liste.» Die Nazi-These will er nicht bestätigen.

Laut Reinhold Schaal vom baden-württembergischen Umweltministerium wurden die in Deutschland heimischen Trüffelarten sogar erst 1984 als gefährdet eingestuft. Zudem würden in dem erwähnten Reichsnaturschutzgesetz Trüffel nicht aufgelistet. «Dem Ministerium liegen keine Informationen darüber vor, «ob zwischen 1933 und 1945 andere – nicht naturschutzrechtliche – Regelungen zum Schutz von Trüffeln erlassen wurden». Schmidt räumt ein, dass er einen explizit antisemitischen Hintergrund des Trüffelsammelverbots nicht beweisen könne. «Fakt ist aber, dass der Handel wohl vornehmlich von Juden betrieben wurde.» Ähnlich äusserten sich im Rahmen der Recherchen mehrere Gesprächspartner.

So ganz egal scheint den Nazis das Thema Trüffel nicht gewesen zu sein. Das beweist auch ein Beitrag des niederländischen Historikers Rengenier C. Rittersma im Magazin Humboldt Kosmos, auf den der deutsche Trüffelverband hinwies. Demnach habe es in den 1930er-Jahren einen abrupten Abschwung in Hinblick auf die Bedeutung der Trüffel gegeben. «Auf einmal gab es viel weniger Dokumentationen, und die wenigen Unterlagen, die es aus dieser Zeit gibt, lassen auf eine eher trüffelfeindliche Ernährungspolitik seitens der Nationalsozialisten schliessen.»

Von Abstinenz weiter geprägt

Von dieser neuen Abstinenz und Entfremdung sei Deutschland weiter geprägt. «Denn obwohl die Trüffel wirtschaftlich eine lukrative Ressource hätten sein können, hat das Land sich in der Nachkriegszeit nie mehr als Trüffelnation behauptet.» Stattdessen habe man die Trüffel unter Naturschutz gestellt. «So ist Deutschland gegenwärtig das einzige Land in Europa, in dem ein allgemeines Trüffelsuchverbot gilt.»

Ein Hinweis, dass sich jetzt auch dort etwas tut, ist die Aktivität des deutschen Trüffelverbands. Er setzt sich für eine Ausbildung beziehungsweise Zertifizierung von Trüffelsammlern ein. Wie es sonst Jagdpachten gebe, sei es zudem auch vorstellbar und wünschbar, Trüffelpachten einzurichten.

Symbiose

Unterirdisch wachsende Knolle

Trüffel leben in enger Symbiose mit den Feinwurzeln von Laubbäumen und Sträuchern wie Eichen, Buchen und Haseln. Die Knollen wachsen unterirdisch und vermehren sich wie Pilze durch Sporen. Es ist möglich, die Wurzeln der Bäume zu impfen. Bis die Bäume einer Plantage Früchte tragen, vergehen in der Regel sechs bis acht Jahre. In der Schweiz und auch im Schwarzwald gibt es Burgundertrüffel. Als sehr aromastark gilt der Perigord-Trüffel aus der gleichnamigen französischen Region. Am wertvollsten ist der Alba-Trüffel aus dem italienischen Piemont. Ende 2014 wurde in New York ein 1,89 Kilo schwerer Alba-Trüffel für stolze 61'250 Dollar versteigert. (psc)

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