Makabere Schaukästen

Der Dolch im Rücken der Idylle

20200610RS_112521

20200610RS_112521

Grünes Gras, rotes Blut, schwarzer Humor – mit viel Liebe zum Detail erstellt Christoph Moor seine «Dioramen des unfreiwilligen Heimgangs».

Die Blumenkistchen stehen in Reih und Glied neben dem Kugelgrill, eine Sitzbank wartet auf die Erwachsenen und ein kleiner Spielplatz auf die Kinder, und die Hausfrau ist mit dem Rasenmäher im Garten des Einfamilienhäuschens zugange. Ein perfektes Idyll, das nur vom zweigeteilten Gatten gestört wird, der auf dem sattgrünen Gras in einer Blutlache liegt.

Es sei nicht anzunehmen, dass es sich hierbei um einen Unfall handle, kommentiert Christoph Moor das Geschehen sachlich. Als Indiz für seine Interpretation führt er die Frau des Hauses an, die scheinbar unbeeindruckt weiter der Gartenarbeit nachgeht. Und Moor muss es wissen – schliesslich hat sich der 48-Jährige sechs Abende lang intensiv mit dem Tatort befasst.

Christoph Moor baut Dioramen mit makaberen Szenen.

Christoph Moor baut Dioramen mit makaberen Szenen.

So lange dauert es im Schnitt, bis ein Schaukasten fertig ist. Ausgangspunkt seiner Arbeiten, die Moor ­«Dioramen des unfreiwilligen Heimgangs» nennt, sei jeweils ein kurioser Tod. Ob Unfall oder Mord, das spiele keine Rolle: «Ich bin noch am Experimentieren, was das Kopfkino in Gang bringt», sagt Moor, der dieses Hobby vor einem halben Jahr für sich entdeckt und seither bereits 20 Dioramen an­gefertigt hat.

Schweissgerät, Säurefass und hungrige Wildschweine

Seine geglückteren Modelle seien jene, in welchen der «Heimgang» nicht allzu offensichtlich sei, oder eben gerade extra plakativ, sagt der promovierte Musikwissenschaftler, der mittlerweile im Forschungsmanagement arbeitet. «Ich mag auch, wenn nicht ganz klar wird, wie es im einzelnen Fall zum Ableben kam.» Wichtig sei ihm ein gewisser Clash zwischen der Szenerie und dem makabren Vorfall. Alles Weitere sei dann eine Frage der Fantasie. Und die reicht bei ihm vom zweckent­fremdeten Schweissgerät über das Säure­fass bis zur hungrigen Wildschweinherde.

Während Christoph Moor den Kaffee eingiesst und Gipfeli anbietet, kann man sich eine Frage nicht verkneifen: «Aber es geht Ihnen gut, Herr Moor?» Der Angesprochene lächelt, lehnt sich auf der Sitzgruppe zurück und erklärt, wie er schon immer gerne «gechrümschelet» habe. Das kleinteilige Basteln reize und entspanne ihn, aber die üblichen Resultate – Modelleisenbahnen, Setzkästen oder Zinnsoldaten – erschienen ihm sinnlos: «Da baut man ja bloss die Realität nach.»

Christoph Moor bei der Arbeit.

Christoph Moor bei der Arbeit.

Dann beantwortet er die eigentliche Frage: «Mir geht es bestens, ich habe weder Mordfantasien noch Rache­gelüste.» Seine Arbeiten seien in keiner Weise autobiografisch, sagt der Vater einer sechsjährigen Tochter. Wobei er sich durchaus vorstellen könne, auch mal eine Auftragsarbeit anzunehmen – «Falls jemand eine konkrete Idee umgesetzt sehen möchte.»

Grosse künstlerische Ambitionen verfolge er jedoch nicht, sagt Moor, dem es lieber wäre, der Fotograf würde ihn nur unscharf hinter einer seiner ­Figürchen ablichten. Im Herbst will er eine kleine Vernissage veranstalten – «halböffentlich» im Gemeinschafts­atelier hinter dem Badischen Bahnhof, das er sich mit frisch gebackenen Grafikern, Modedesigerinnen und Künstlern teilt. «Ich habe mir hier ein Stück Kreativität und Jugend mitgemietet», sagt Moor mit Blick auf den Altersunterschied zu seinen Atelierskollegen.

Dann holt er seine von Plexiglashauben geschützten Schaukästen aus dem Regal, wobei er mit Erklärungen an sich hält, bis man ihn explizit darum bittet. «Da gab es wohl Unstimmigkeiten», mutmasst er dann über den verkohlten Leichnam, der sich neben Toitoi und Baugrube auf dem Asphalt aufbäumt. Und der Mann, der auf dem beschaulichen Weglein zwischen Kirche und Friedhof soeben einen Mönch enthauptet? – «Vielleicht ein ehema­liger Ministrant?» Oder die Gliedmassen, die auf dem Gelände einer Chemiefirma aus einem Fass ragen? – «Problem gelöst.»

Winzige Kaffeetassen und die Tragfläche einer FA-18

Eine seiner jüngsten Arbeiten zeigt ein gemischtes Tennisdoppel, bei dem eine Sportlerin gerade noch unter der abgebrochen Tragfläche einer FA-18 zu ­erkennen ist. Moor stellt die schuhschachtelgrosse Szenerie vor die Betrachter und sagt: «Die Kaffeetassen auf dem Tisch neben dem Tennisplatz sind die kleinsten Teile, die ich bislang verbaut habe.» Es ist dieser Blick fürs Detail, die Moors Dioramen davor bewahren, plakative Ulkereien zu sein.

Das Tennisdoppel von oben.

Das Tennisdoppel von oben.

Überhaupt hat sich der gebürtige Aargauer, der seit 30 Jahren in Basel lebt, Gedanken gemacht zu dieser Kunstform. Bewusst setzt er auf Abstraktion, indem er etwa Rasenflächen absichtlich unrealistisch grün und das Blut eine Spur zu grell («Zinnoberrot») darstellt. Auch müsse er zuweilen der Verlockung widerstehen, seine Schaukästen zu überfrachten. Viel effektiver sei nämlich die Verdichtung: ein ­dezentes Jesuskreuz an der Weg­gabelung neben dem zerfleischten Pfadfinder oder eine Schlittelspur auf der falschen Seite eines Hügels, die in die Pranken von Eisbären führt.

Der «gefällte» Bäcker und die fehlende Schafherde

Angst, dass ihm die Ideen für seine Morde ausgehen könnten, hat Moor nicht. Interessehalber habe er schon nach skurrilen Todesarten gegoogelt, aber die meisten davon liessen sich nicht in einem Standbild umsetzen. ­Inspiration findet er vielmehr beim Stöbern im Modellbau-Zubehör: Beim Anblick einer radfahrenden Bäckerfigur habe er sofort die Idee gehabt, diese mit einem ferngesteuerten Modelflugzeug «zu fällen», wie er sagt. Doch ist das betreffende Diorama noch nicht fertig: Es fehlt noch die Schafherde, welche die Szenerie bevölkern soll.

Eine blutige Szenerie: Der geköpfte Mönch.

Eine blutige Szenerie: Der geköpfte Mönch.

Warum er bislang jeweils nur einen Todesfall pro Diorama darstellt, kann Moor nicht erklären. Nach kurzem Überlegen sieht er bereits einen blutbespritzten Orchestergraben vor sich: Er habe in seinen Zeiten als Dirigent durchaus Situationen erlebt, die Ideen für Massenmorde geliefert hätten, sagt er ohne lesbare Mimik. Dann bietet uns Christoph Moor zum Abschied einen Doughnut an und wünscht uns eine ­sichere Heimfahrt.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1