DAS WORT ZUM TAG
Wege aus der Pandemie – Trivia, Trampel und Rabatten

Kuriose Feiertage gibt es zuhauf. Am 4. Januar beschäftigen wir uns mit einer vermeintlichen Belanglosigkeit: der Abkürzung.

Hannes Nüsseler
Hannes Nüsseler
Drucken
Ist doch logisch: Jeder Schritt ist zuviel, auch auf diesem Parkplatz an der Grenzacherstrasse.

Ist doch logisch: Jeder Schritt ist zuviel, auch auf diesem Parkplatz an der Grenzacherstrasse.

Hannes Nüsseler

Die Feiertage sind vorbei, die Gesellschaftsspiele verräumt, doch zumindest den Klassiker «Trivial Pursuit» sollten wir noch in Griffweite behalten, wird heute doch der National Trivia Day gefeiert – nur in den USA zwar, aber was wäre eine gepflegte Unterhaltung ohne das luftige Füllmaterial einer soliden, wenn auch nicht immer fokussierten Allgemeinbildung? Denn genau darum handelt es sich beim Trivialen, folgt man dem ursprünglichen Wortsinn.

Drum flugs eine einfache Frage der Kategorie Gelb (Geschichte) gezogen: Wer verbreitete zuerst Triviales? Klar, die Römer. Trivial stammt vom lateinischen Wort für Dreiweg (trivium), und weil an Kreuzungen viele Leute zusammentreffen, hat der Begriff die Bedeutung von «gewöhnlich», «allen zugänglich» und später «belanglos» angenommen. Im Mittelalter nannten die Universitäten ihr Grundstudium in den Fächern Grammatik, Rhetorik und Dialektik Trivium, anspruchsvoller war das Quadrivium mit Rechnen, Geometrie, Musik und Sternguckerei.

Hypotenuse schlägt Katheten

Wie so ein Dreiweg in freier Laufbahn aussieht, hat der deutsche ETH-Physiker und Soziologe Dirk Helbing untersucht. Kurz bevor ein Trampelpfad auf einen anderen trifft, teilt er sich und bildet eine Y-förmige Kreuzung. Das liegt daran, dass Menschen sich ungern in rechten Winkeln fortbewegen: Die Hypotenuse (c) ist immer kürzer als ihre zwei Katheten (a, b) zusammen. Dafür braucht es keine Quadrivium-Kenntnisse, Fussgängerinnen und Fussgänger haben das im Blut: Verlängert sich eine Gesamtstrecke wegen eines Umweges um geschätzte 20 bis 30 Prozent, kürzen wir ab – durch Blumenrabatten, Parks und stadtplanerischen Murks.

Wieso beim Abfalleimer (links) vorbei, wenn es auch durch die Rabatte geht? Bei der Rosentalanlage hat die Stadtgärtnerei einen Trampelpfad mit Geländer veredelt.

Wieso beim Abfalleimer (links) vorbei, wenn es auch durch die Rabatte geht? Bei der Rosentalanlage hat die Stadtgärtnerei einen Trampelpfad mit Geländer veredelt.

Hannes Nüsseler

Manchmal wird deshalb kein fixes Wegesystem vorgegeben, sondern zuerst das Nutzungsverhalten beobachtet – im Fall des Basler Centralbahnplatzes bemerkenswert lang. In Finnland werden Parkanlagen nach dem ersten Schneefall besonders aufmerksam studiert: Sind die Pfade unter dem Weiss verschwunden, suchen sich Passantinnen und Passanten ihren eigenen Weg. Dabei findet eine Rückkoppelung statt: Je mehr Menschen eine Spur im Schnee hinterlassen, desto mehr folgen ihr. Helbing sieht in dem sich selbst organisierenden System kollektive Intelligenz am Werk.

Alle Wege führen nach Rom

Heikler wird es, wenn wir nicht wissen, auf welchen Pfaden wir wandeln. Denn auch in der virtuellen Welt gibt es Spuren, denen wir nur zu bereitwillig folgen, auf Facebook, Twitter oder Telegram. Hashtags, Likes, aber auch auf maximalen Zeitkonsum angelegte Algorithmen führen uns auf schnellstem Weg in eine Richtung, von der wir selber oft keine klare Vorstellung haben – die aber mit jedem Klick eindeutiger wird. Dieser selbstverstärkende Moment, den die Sozialwissenschaften «Pfadabhängigkeit» nennen, wird dann zum Problem, wenn er Optionen ausblendet oder Fehler verfestigt – #Filterblase.

Wird also von Wegen aus der Pandemie gesprochen, lohnt es sich daran zu erinnern, was Helbling auch noch sagt: Dass Pfade, die von verschiedenen Interessengruppen gemeinsam genutzt werden, tendenziell fair sind und allen Trampeln den gleichen relativen Umweg zumuten. Weil, so trivial es auch klingt: Nicht alle Abkürzungen führen zum Ziel – und alle Wege nach Rom.

In der Reihe «Das Wort zum Tag» knöpft sich die bz-Kulturredaktion in loser Folge spezielle Kalendertage vor. Ebenfalls gefeiert wird heute der Welttag der Braille-Schrift und der National Spaghetti Day in den USA.