Operette
Das Neue Theater Dornach spielt für 2x30 Besucher pro Abend

Georg Darvas inszeniert mit «Die Fledermaus» jene Operette im Neuen Theater Dornach, mit der er vor bald 20 Jahren ebendort einen Erfolg feierte.

Reinmar Wagner
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«Die Fledermaus»
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«Die Fledermaus» von Johann Strauss ist die erfolgreichste Operette aller Zeiten
Gesellschaftskritik ist ein grosses Thema im Stück.
Das Moto der Operette lautet «Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist».
Am 10. Dezember ist die Premiere der «Fledermaus» in Dornach.

«Die Fledermaus»

zvg/Lucia Hunziker

Der Schauspieler und Regisseur Georg Darvas leitete zusammen mit Johanna Schwarz zwanzig Jahre lang das Neue Theater in Dornach. Zum Jubiläum gibt es eine Neuinszenierung der «Fledermaus» von Johann Strauss, jener Operette, mit der die damals junge Bühne ihren ersten grossen Erfolg im Musiktheater feierte.

Sie stehen in den letzten Zügen der Proben für Ihre Jubiläumsproduktion, der Operette «Die Fledermaus» von Johann Strauss. Sie haben sich entschieden, trotz der Beschränkung auf 30 Me nschen im Publikum zu spielen. Ist Ihnen dieser Entscheid schwer gefallen?

Georg Darvas: Es gab viele Diskussionen zwischen Produktionsteam und Theaterleitung. Wir haben lange abgewogen und gerechnet. Aber die Theater sind ja nicht geschlossen, sondern bloss reduziert auf eine unglaublich kleine Zahl an Zuschauern. Wir haben mit der ­Regierung in Solothurn versucht zu verhandeln, ob wir uns wenigstens an Basel­land anpassen könnten, wo eine Obergrenze von 50 Zuschauern gilt. Aber es liess sich leider nichts machen. So war für uns die Situation klar: Wir müssen sparen. Wir können nicht den Apparat aufbauen, den wir eigentlich vorgesehen hatten.

Statt vom Orchester kommt die Begleitung jetzt nur vom Klavier.

Ja, wir starten mit einer Klavierfassung, einer sehr gut gemachten allerdings. Wenn sich die Situation ändert, könnten wir schnell auch wieder Instrumente hinzu nehmen, die Arrangements sind gemacht. Den kleinen Chor, den wir auf der Bühne gehabt hätten, mussten wir leider auch ausladen. Und dann habe ich angefangen, zu kürzen, die Dialoge umzuschreiben – mit dem Ziel, auf eine pausenlose Spieldauer von ­eineinhalb Stunden zu kommen. So können wir zweimal pro Abend für 30 Besucher spielen.

Wie sieht es mit der vorgesehenen Solisten-Besetzung aus? Bleibt die bestehen?

Wir haben eine tolle Besetzung zusammen, angeführt von Rolf Romei und Solenn’ Lavanant Linke, die am Theater Basel, respektive in Mainz und Luzern singen. Wir haben sie alle angefragt, ob sie auch unter diesen Umständen mit dabei sind, und sie haben alle zugesagt. Ich brauchte diese Bestärkung, damit wir das zusammen durchtragen können. Denn Kultur ist wirklich einfach wichtig. Es wird enorm unterschätzt, was Kultur mit der menschlichen Seele macht. Wenn man glaubt, man könne das einfach durch digitale Inhalte ersetzen, macht mir das Angst.

Georg Darvas Schauspieler und Regisseur  

Georg Darvas Schauspieler und Regisseur  

zvg

Wie probt man unter solchen ­Umständen mit den geltenden Abstandsregeln?

Die Schweizerischen Bühnen-Verbände haben die Richtlinien erarbeitet, und daran halten wir uns. Ein zentrales ­Element dabei ist die Teambildung. Wir sind acht Leute und der Pianist, das ist ja keine grosse Gruppe. Das Regie-­Team sitzt weit weg im Raum, ich springe nicht wie früher auf die Bühne sondern halte mich von den Darstellern fern. Wir haben mit Maske geprobt, später mit speziellen Schutzschilden, die sich zum Singen eignen. In den Endproben und Vorstellungen singen wir natürlich ohne Masken. Wenn das vorgeschrieben wäre, hätten wir alles abgesagt.

Die «Fledermaus» ist ja ein Stück, in dem man aktuelle Themen einbringen kann. Nutzen Sie diese Möglichkeit, um auch die aktuelle Situation anzusprechen?

Ich bin in Wien aufgewachsen, meine Eltern waren Opernfans, Theater, Oper und Ballett gehörten zu meiner Kindheit. Wenn in Wien die «Fledermaus» auf dem Programm steht, dann fragen die Leute nicht als erstes, wer singt oder dirigiert, sondern sie fragen: Wer gibt den Frosch? So heisst der Gefängniswärter, der im dritten Akt einen grossen kabarettistischen Auftritt hat. Dafür hat man immer Superstars engagiert, ­Komiker, Kabarettisten, die in der Tradition von Nestroy manchmal sehr scharf das aktuelle Geschehen aufs Korn nehmen. Wir haben mit Urs Bihler einen Frosch, der auch kein Blatt vor den Mund nimmt, aber auf sehr liebenswürdige Weise.

Es gibt sehr viele lustige Szenen in dieser Operette, aber man kann auch hinter die Fassade dieser Figuren blicken und findet dort nachdenkliche und melancholische Facetten. Welches ist Ihr Konzept für dieses Stück?

Da sprechen Sie etwas sehr Zentrales an: In meinem ursprünglichen Entwurf wollte ich grundsätzlich schon zeigen, dass die Amüsierlust und Unterhaltungssucht im 19. Jahrhundert genauso wie heute auch eine Flucht vor der Wirklichkeit waren. Und dass wir immer noch solche Neigungen haben, uns zu Tode zu amüsieren. Im neuen Konzept aber ging das nicht mehr so gut. Wir haben quasi einen Neustart gemacht und uns gefragt, was entsteht, wenn acht Darsteller und ein Pianist in diesen ausserordentlichen und schwierigen Zeiten zusammen kommen und versuchen, eine «Fledermaus» auf die Bühne zu bringen. Im ersten und dritten Akt funktioniert die Geschichte auch so im Grunde ganz natürlich. Der zweite Akt aber ist eine grosse Fest-­Szene, für die ein grosses Opernhaus Ballett, Statisten, Pracht und Glamour aufbietet. Wenn hingegen acht Menschen versuchen, ein Fest zu feiern, dann kommt von selbst Melancholie auf. So entstand eine Stimmung, die wir alle gerade nur zu gut kennen, eine Art Depressionsglocke: Man soll sich nicht sehen und keine Freunde treffen. So hat der zweite Akt eine Stimmung bekommen, die in diesem Stück sonst nicht zu finden ist.

Das war in der Vergangenheit ja eine Ihrer Stärken, dass Sie mit den Möglichkeiten, die sie in einem kleinen Haus haben, doch immer wieder mit sehr ambitionierte Stücken überzeugen konnten.

Das habe ich mir zum Metier gemacht in den letzten 20 Jahren. Die «Fledermaus» war 2003 unsere erste Musiktheater-Produktion – mit Hubert Kronlachner als Frosch. Das war ein derart riesiger Erfolg, dass wir uns weitere Opern zutrauten, im Jahr darauf erst Mozarts «Entführung aus dem Serail» produzierten, und danach mindestens jedes zweite Jahr eine Musiktheater-Produktion auf die Bühne brachten.

Wenn Sie auf die 20 Jahre Theaterschaffen in Dornach zurück blicken, welches sind die schönsten Erinnerungen?

Wir hatten ja drei verschiedenen Spielstätten, erst ein altes Kino mit 160 Plätzen, dann eine provisorische Bühne in einer Fabrikhalle, bevor wir 2015 unseren Neubau beim Bahnhof Dornach einweihen konnten. Das war natürlich ein Meilenstein. Sonst bleiben vor allem Erinnerungen an Weggefährten und Schauspieler-Persönlichkeiten. Wir sind 2001 gestartet mit «Was ihr wollt» von Shakespeare, mit einer Gruppe von Schauspielern, die ich kannte, und die sich begeistern liessen für dieses neue Theater. Urs Bihler war schon damals dabei, Miriam Goldschmidt hat mitgespielt. Ich habe oft das Glück gehabt, mit ganz grossen Schauspielern arbeiten zu dürfen, die wie Hubert Kronlachner oder Nikola Weisse oder Jörg Schröder eine grosse Karriere hinter sich hatten, aber mit ihrer Erfahrung und ihrem Können gerne bei uns mitmachten und auch immer wieder neues Publikum von weit her mitgebracht haben. Da sind sehr viele warme Erinnerungen damit verbunden. Dreimal war auch der Dramatiker Joshua Sobol bei uns, das waren auch Sternstunden. Ich hätte ihn eigentlich gerne gebeten zu unserem 20-jährigen Jubiläum etwas zu schreiben, aber das ist in diesen Zeiten leider nicht mehr möglich gewesen.

Sie haben angekündigt, dass Sie das Haus in jüngere Hände übergeben werden. Verabschieden Sie sich mit dieser «Fledermaus»?

Ja, inszenatorisch verabschiede ich mich mit diesem «Fledermäuschen». Ich muss aber nach dem ersten Probedurchlauf sagen: Das kann man zeigen! Ich bin sehr dankbar, was da in konzentrierter Proben-Arbeit in kurzer Zeit entstanden ist. Es ist nicht, was wir ­geplant hatten, aber welche Pläne gehen denn schon auf in diesen verrückten Zeiten?

«Die Fledermaus» von Johann Strauss.

Neues Theater Dornach. Inszenierung: Georg Darvas. Musi­kalische Leitung: Bruno Leuschner. Premiere am 10. Dezember, weitere Vorstellungen bis 24. Januar 2021. www.neuestheater.ch

Rausch, Reichtum und Rache

«Die Fledermaus» von Johann Strauss, 1874 in Wien uraufgeführt, ist die erfolgreichste Operette aller Zeiten. Die ­Geschichte um Sein und Schein, um Rausch und Vergessen, um Reichtum und gesellschaftlichen Glanz ist im Grunde ein recht bösartiges Intrigenspiel, die Rache eines Gekränkten.

Es ist einige Gesellschaftskritik in diesem Stück, tiefenpsychologische Abgründe tun sich auf, auch durchaus philo­so­phische Dialektik lässt sich finden, aber so wirklich zählt das alles nicht. Hauptsache, es gibt Champagner, der «an allem schuld» ist. Und das walzerselige Motto dieses Meisterwerks – «Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist» – kann uns in Corona-Zeiten doch auch ganz wunderbar als Überlebenshilfe dienen.