Coronakrise

Das Helfer-Fieber und seine Schattenseiten: In Basel explodieren die Angebote

Schnell wachsende Facebook-Gruppen, rege genutzte Hotlines und überwältigte Spitäler: Baslerinnen und Basler wollen sich engagieren. Immer mehr Freiwillige bieten ihre Hilfe an. Noch fehlen aber die Aufträge.

Man stelle sich vor: Eine ganze Agglomerationsgemeinde bietet ihre Hilfe beim gewöhnlichen Einkaufen, bei besonderen Besorgungen oder bei Auslieferungen an. Tausende Menschen, die sich engagieren wollen. Verrückt.

Genau dies geschieht nun in Basel: Fast 15'000 Menschen sind Teil der Facebook-Gruppe «Gärn gschee – Basel hilft». Das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Pratteln. Der Auslöser: Das Coronavirus, die Krise und der «Bleib zuhause»-Aufruf der Landesregierung. Das Online-Magazin Bajour hat die noch junge Gruppe ins Leben gerufen. Auf die Frage «Wer kann am Samstag für eine 82-jährige Frau einkaufen gehen?» haben sich innert nur zehn Minuten bereits zwei Freiwillige gemeldet. Unter älteren Posts stellen sich motivierte Helfer sogar in Warteschlange: «Falls es noch jemanden braucht, ich habe Zeit», steht dort. Es scheint, es hat deutlich mehr Helfende als Personen, die Hilfe suchen.

Zu viele Freiwillige, zu wenige Einsätze

Diese Erfahrung hat auch eine Studentin aus Basel gemacht. «Vor der Coronakrise besuchte ich jede Woche ein Altersheim, diese Freiwilligeneinsätze fallen nun weg», erzählt sie, die lieber anonym bleiben möchte. Darum habe sie sich nun im Internet nach anderen Möglichkeiten umgesehen. In der Facebook-Gruppe wurde sie angesichts der grossen Anzahl Beiträge nicht fündig.

So meldete sie sich bei Amigos an: Die App ist eine Aktion der Migros und Pro Senectute Schweiz. Sie konzentriert sich auf Nachbarschaftshilfe und Einkaufsdienste für Personen der Risikogruppe. Durch die App wollen sie Besteller und Bringer vernetzen – alles auf Freiwilligenbasis. Über Push-Meldungen auf dem Smartphone werden potenzielle Helfer über neue Aufträge informiert. «Doch sobald ich die Meldung geöffnet hatte, war der Auftrag schon vergeben», erzählt die Studentin. Da ihr Amigos aber nur zwei bis drei Mal pro Tag eine Bestellung in ihrem Liefergebiet schickte, suchte sie nach einer weiteren Option, um sich freiwillig engagieren zu können.

«Überschneidungen sind das kleinste Problem»

Dabei gelangte die junge Baslerin an Benevol. Die Fachstelle vermittelt seit Jahren Freiwillige. Benevol antwortete auf ihre Anfrage: «Wir sind momentan daran, einen Pool mit Freiwilligen aufzubauen, die hilfesuchende Seniorinnen und Senioren schnell und unkompliziert unterstützen können.» Bisher hätten sich aber nur wenige Hilfesuchende und dafür viele Freiwillige gemeldet. Benevol plant deshalb eine Flyeraktion, um die Zielgruppe der freiwilligen Dienstleistung erreichen zu können.

Es stellt sich die Frage: Macht es Sinn, dass sich neben bestehenden Organisationen nun auch Facebook-Gruppen und Detailhändler in die Soforthilfe durch freiwillige Einsätze einmischen? «In einer solch speziellen Situation, ja, in einer Notsituation ist es wichtig, dass viele Angebote entstehen. Überschneidungen sind das kleinste Problem», sagt Michael Harr. Er ist Geschäftsleiter der Pro Senectute beider Basel, die ebenfalls eine Hotline für Hilfesuchende betreibt. Seine Erfahrung zeige: «Jeder Mensch hilft gerne, ist aber meist zu stark eingebunden oder nicht erreichbar. Das hat sich durch die Coronakrise geändert.» Harr ist sich sicher, dass sich die verschiedenen Angebote nicht konkurrenzieren, sondern ergänzen.

Unispital wird von Angeboten überschwemmt

Auch die Spitäler in beiden Basel erleben dieser Tage eine Solidaritätswelle. So gingen beim Universitätsspital Basel etwa rund 900 Freiwilligenmeldungen ein. «Der Zulauf ist wirklich überwältigend und wir sind sehr dankbar», sagt Sprecher Nicolas Drechsler. Dazu kämen rund 150 Ärztinnen und Ärzte, ebenso viele Pflegende, knapp 100 Freiwillige aus anderen Berufen und über 500 Medizinstudierende. In einem Pool würden die Personen nun gesammelt, um «im Fall einer weiteren Eskalation darauf zurückgreifen» zu können. Deshalb würden nicht alle Freiwilligen per sofort eingesetzt werden. Gesucht seien aber weiterhin Intensivpflegende, so Drechsler.

Beim Kantonsspital Baselland meldeten sich über 74 Freiwillige. Das Spital sucht aber nicht aktiv. Bisher werden laut Sprecherin Anita Kuoni fünf Personen eingesetzt, die in der jetzigen Situation einen Wiedereinstieg in den Pflegeberuf wagen.

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