Theater online
Dan Wiener inszeniert Urvater Noah als Live-Moderator

Der Basler Theatermann zeigt eine Aufzeichnung seines literarisch-dokumentarischen Theaterstückes «Noahs neue Arche» jetzt auch online.

Christoph Dieffenbacher
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Dan Wiener möchte mit seinem Stück eine Brücke zur ganzen Gesellschaft schlagen.

Dan Wiener möchte mit seinem Stück eine Brücke zur ganzen Gesellschaft schlagen.

bz

Die Geschichte zählt zu den ­bekanntesten biblischen Überlieferungen: Wegen seiner starken Gläubigkeit wurde Noah von Gott auserwählt, mit seiner Familie und vielen Tieren die Sintflut zu überleben. Er baute darauf sein berühmtes Schiff, die Arche, für deren Konstruktion er vom Schöpfer genaue Angaben erhielt. Mit seinem Schiffsbau soll Noah das Weiterleben der ganzen Menschheit und aller Tiere auf der Erde gesichert ­haben.

«Heute machen wir viel, um die Welt zu zerstören», sagt der Basler Theatermann Dan Wiener. Wenn es so weitergeht mit der Menschheit, sei es vielleicht gut, wenn wieder eine Arche ­bereit stehe, schreibt er im ­Prolog seines neuen Stücks: «Allerdings weiss ich nicht, welche Art von Sintflut uns erwartet – Wasser, Trockenheit, eine Seuche, eine Atomkatastrophe, ein Krieg.»

Das Theaterstück «Noahs neue Arche» schlägt einen sehr grossen Bogen von den dringlichen Umwelt- und Lebens­fragen bis zu den einfacheren menschlichen Dingen. Was würde ich heute auf eine Arche ­mitnehmen? Was bedeutet für mich Heimat? Welche Werte habe ich? Was ist mir wichtig im ­Leben?

Literarisch verdichtete «Oral History»

Solche und ähnliche Fragen hat der Autor in Interviews anonym 25 Basler Juden und Jüdinnen gestellt. Die Befragten waren zwischen 18 und 80 Jahre alt, ­religiös oder nicht religiös. Ihre teils sehr persönlichen Statements verdichtete Wiener zu zwölf Figuren und nahm die Texte mit Schauspielerinnen und Schauspielern in einem ­Video auf. Dieses wird nun im Stück abgespielt, unterbrochen von Fragen und Kommentaren des Live-Moderators Noah, gespielt vom Autor selbst.

Da erzählen während gut einer Stunde Menschen von sich, Gott und der Welt. Das ist weder reine «Oral History», noch dokumentarisches Theater, sondern eher eine literarisch verdichtete Form davon. Wichtig sei ihm der künstlerische ­Ansatz seines Experiments, sagt Wiener im Gespräch.

Was sein Stück besonders macht: Urvater Noah schaut die Zuschauerinnen und Zuschauer beim Moderieren direkt an – und lädt sie ­damit ein, ebenfalls über die Fragen nachzudenken. Damit das Publikum etwas Luft holen kann, spielen Musiker dazwischen traditionelle jüdische Lieder und Stücke in modernen ­Varianten.

Unfreiwillige Aufbrüche und Veränderungen

Wieso hat der Autor Stimmen von Jüdinnen und Juden eingeholt? Zum Beispiel, weil es für diese gesellschaftliche Gruppe als Minderheit einfach wäre, sich anzupassen, lautet eine Antwort. Eine weitere Rolle spielen in vielen jüdischen ­Biografien Aufbrüche und Veränderungen, meist unfreiwillige und schmerzliche. So hat Wiener, der in Bern geboren wurde und aus einer jüdischen Familie stammt, selbst «Vorfahren aus sieben verschiedenen Ländern».

In seinem Stück verstehe er die Juden und Jüdinnen als Beispiel einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe – es könnten andere an ihre Stelle treten. Wichtiger seien ihm die aufgeworfenen Fragen, die nach dem Stück in einem Podium von Fachleuten aus Religion, Medien und Kultur weiter diskutiert wurden.

Der Autor möchte mit «Noahs neue Arche» eine Brücke zur ganzen Gesellschaft schlagen. Denn «trotz ver­schiedener Religionen geht es immer um die ähnlichen Geschichten». Verantwortung für sein eigenes Leben und für die Zukunft der Welt zu übernehmen – das gelte doch für alle.

Das Stück online:
www.wiener.ch/noah

15-Zuschauer-Grenze: Video im Netz

Nach den aktuellen Corona-Einschränkungen ist das neue Stück von und mit Dan Wiener am Wochenende in der Druckereihalle im Ackermannshof vor nur jeweils 15 Zuschauern dreimal aufgeführt worden.

Diese vom Kanton Basel-­Stadt verordnete Einschränkung war zunächst ein «Tiefschlag», sagt Wiener. Trotzdem habe er sich entschieden, mit dem Stück an die Öffentlichkeit zu gehen und auf einen Grossteil der Einnahmen zu verzichten – nach über zwei Jahren Vorarbeit und einer ersten, Corona-bedingten Verschiebung im März 2020. Eine weitere bittere Pille dabei: «Wir mussten vielen Leuten absagen, die schon reserviert hatten», sagt Wiener, der im Ganzen Verständnis für Pandemie-Massnahmen aufbringt.

Für alle, die nicht dabei sein konnten, gibt es nun aber online das Video mit der Premiere und den drei folgenden Podien zu ­sehen. Das Stück wird möglicherweise in einem Jahr wieder vor realem Publikum aufgeführt.