Binningen
«Zue’enand luege» statt Bürgerwehr – und damit Überfällen vorbeugen

Gewerbler ermuntern mit neuem Slogan dazu auf, Verdächtiges schneller der Polizei zu melden. Der Inhaber eines Schmuckladens in Binningen fürchtet um die Sicherheit im Dorf. Zweimal wurde er bereits überfallen.

Michel Ecklin
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Blick auf Binningen. (Archiv)

Blick auf Binningen. (Archiv)

Martin Töngi

Wer schon mal durch die USA gefahren ist, kennt die Schilder an fast allen Ortseingängen, auf denen «Neighbourhood Watch» steht. Damit warnen die Gemeinden potenzielle Kriminelle: Hier ist die Bevölkerung gegenüber Verbrechen sensibilisiert, bei jedem Verdacht wird sofort die Polizei gerufen.

Ähnliches schwebt jetzt Christian Kainz in Binningen vor. Seit Herbst wurde sein Schmuckladen an der Hauptstrasse zwei Mal überfallen. Das will er nicht tatenlos hinnehmen. «Es herrscht in Sachen Sicherheit eine schlechte Stimmung in Binningen», findet er. «Wegschauen öffnet Einbrechern alle Türen.»

Deshalb hat er, zusammen mit anderen Binninger Gewerblern, die Aktion «Mir luege zue’enand» ins Leben gerufen. Den Slogan hat er auf Stickern, Plakaten und Ansteckern drucken lassen. Wer sie zur Schau trägt, verkündet eine Botschaft, die lautet: Mir ist es nicht egal, wenn Kriminelle in Binningen ihr Unwesen treiben. «Wir bringen damit zum Ausdruck, dass wir aufmerksam sind und Verdächtiges sofort der Polizei melden», erklärt Kainz.

Keine Illusion über Abschreckung

Man wolle eine Stimmung schaffen, in der man zueinander schaue, etwa wenn ferienhalber das Haus des Nachbarn leerstehe. «Dass die Bürger in Binningen aufmerksam sind, kriegen die Leute, die etwas Böses beabsichtigen, mit», sagt Kainz. «Das ist unangenehm für sie.»

Die Grenzwacht begrüsst die Aktion. «Es ist sicher sinnvoll, wenn Bürgerinnen und Bürger aufmerksam sind und Feststellungen sofort den zuständigen Behörden melden», sagt Mediensprecher Patrick Gantenbein.

Auch Meinrad Stöcklin, Sprecher der Baselbieter Polizei, sagt: «Es ist seit Jahren eine Grundbotschaft von uns, dass die Bevölkerung verdächtige Wahrnehmungen bitte stets umgehend, also so rasch wie möglich, melden soll.»

Ob eine Aktion wie «Mir luege zue’enand» potenzielle Kriminelle abschrecken kann, ist eine andere Frage. Kainz macht sich darüber keine Illusionen: «Wenn schon nur ein Einbrecher weniger zu uns kommt, haben wir unser Ziel erreicht.»

Vermutlich wäre die Binninger Aktion erfolgsversprechender, wenn die Bürger in nächtlichen Patrouillen Präsenz markieren und Verdächtiges melden würden. Solche Bürgerpatrouillen gibt es seit Jahren in Giebenach. Die Baselbieter Polizei hat nichts dagegen – im Gegenteil. Sprecher Stöcklin: «Die Polizei Basel-Landschaft hat mit solchen Patrouillen grundsätzlich kein Problem und hat gerade in Giebenach sehr gute Erfahrungen gemacht.» Schlechte Erfahrungen mit Patrouillen machte hingegen vor fünf Jahren Birsfelden, wo Jugendliche die wachsamen Bürger als Provokation empfanden und verprügelten – vor den laufenden Kameras des Schweizer Fernsehens. Das von der lokalen SVP ins Leben gerufene Experiment wurde abgeblasen.

Aktion einigt Parteien

Doch Bürgerpatrouillen sind für die Binninger Gewerbler sowieso kein Thema. «Patrouillen sind Aufgabe der Polizei», stellt Kainz klar. «Wir sind keine Bürgerwehr und wollen nicht Selbstjustiz ausüben.» Doch wenn jemand nachts mit dem Hund spazieren gehen wolle, könne man das natürlich nicht verbieten. Hauptziel von «Mir luege zue’enand» sei aber, den Leuten die Angst zu nehmen, sich bei der Polizei zu melden.

Auch Gemeindepräsident Mike Keller, der als Präsident des Gewerbevereins KMU Binningen-Bottmingen «Mir luege zue’enand» unterstützt, hat Bedenken gegenüber Bürgerpatrouillen: «Ich hätte Angst um die Leute, die sich daran beteiligen.»

Das sagt Keller, obwohl er nicht so recht an die abschreckende Wirkung von «Mir luege zue’enand» auf potenzielle Missetäter glaubt. «Auf Amateur-Kriminelle mag die Aktion Eindruck machen», sagte er. «Profis entlockt sie nur ein Lächeln.» Und in Binningen habe man es mit organisierten Banden zu tun, die über Monate hinweg systematisch wüten würden.

Wenigstens eine Wirkung hat «Mir luege zue’enand» sicher schon erzielt: Sie einigt die ansonsten so zerstrittenen Binninger Parteien. Denn die Aktion wird von Lokalpolitikern von links bis rechts unterstützt. Das Interesse an Stickern und weiterem Material komme sogar aus angrenzenden Gemeinden, so Kainz.

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