Klassengrössen
Zu viele Schüler in acht Baselbieter Sekklassen

Laut dem Baselbieter Bildungsgesetz darf keine Sekklasse im Niveau E und P mehr als 24 Schüler aufweisen. Im neuen Schuljahr wird diese Grenze von acht Klassen überschritten – mindestens. Politiker aller Couleur werfen daher Bildungsdirektorin Monica Gschwind Gesetzesbruch vor.

Michael Nittnaus
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Laut Studien leiden die Leistungen in Grossklassen zwar nicht, aber die Lehrer haben weniger Zeit für jeden. (Symbolbild)

Laut Studien leiden die Leistungen in Grossklassen zwar nicht, aber die Lehrer haben weniger Zeit für jeden. (Symbolbild)

KEYSTONE

Der Vorwurf wiegt schwer: Bildungspolitiker von links bis rechts halten das Vorgehen der freisinnigen Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind und dem ihr unterstellten Amt für Volksschulen (AVS) bei der Klassenbildung auf der Sekundarstufe I für widerrechtlich. Das AVS bewilligte auf das soeben gestartete Schuljahr hin die Bildung von insgesamt acht Sekklassen mit 25 oder 26 Schülern. Konkret sind dies an der Sekundarschule Laufen drei 3. und eine 4. Klasse (Niveau P), in Oberwil zwei 3. Klassen (P), in Reigoldswil eine 1. Klasse (E) und in Oberdorf ebenfalls eine 1. Klasse (P). Diese Liste war Teil von Gschwinds Antworten in der landrätlichen Fragestunde vom Donnerstag.

Noch 5 Klassen mehr betroffen

Auf Anfrage der bz bestätigt aber auch die Sek Allschwil, dass sie ganze fünf Klassen führt, die zumindest zeitweise mehr als 24 Schüler umfassen. Dies weil die Schüler der Fremdsprachenklasse auch einige Fächer mit den Regelklassen belegen, dort aber statistisch nicht erfasst werden. Es darf davon ausgegangen werden, dass Allschwil damit nicht alleine dasteht. Im Kanton werden schliesslich noch acht weitere Fremdsprachenklassen geführt. Die Bildungsdirektion erfasst hierzu aber keine Zahlen, wie sie mitteilt.

Für Florence Brenzikofer (Grüne), Caroline Mall (SVP), Andrea Heger (EVP) und Jürg Wiedemann (Grüne-Unabhängige) kein Zustand. Sie sagen unisono: «Wir haben eine im Gesetz festgeschriebene Höchstzahl auf dieser Stufe von 24 Schülerinnen und Schülern pro Klasse – und die gilt es einzuhalten.» Sie sehen keinen Deutungsspielraum und werfen der Bildungsdirektion Gesetzesbruch vor.

Schon in der Fragestunde rechtfertigte sich Gschwind, konnte damit die Gemüter aber nicht beruhigen. Sie schob die Verantwortung an die Schulleitungen ab, die gemäss der Verordnung für die Sekundarschulen im Einzelfall Güterabwägungen vornehmen könnten: entweder die Maximalzahl überschreiten oder die überzähligen Schüler einem anderen Sekundarschulstandort zuweisen. Im Falle einer Überschreitung könnten Zusatzlektionen zur Entlastung beantragt werden.

«Eine Verordnung kann ein Gesetz nicht aushebeln», sagt Brenzikofer trocken. Und Mall ergänzt: «Im Gesetz müsste zumindest ausdrücklich stehen, dass die Verordnung mögliche Ausnahmen regelt, doch das steht nirgends.» Tatsächlich steht unter Absatz 5 bloss schwammig «das Nähere regelt die Verordnung». Mall dazu: «Es kann nicht sein, dass wir hier im Graubereich arbeiten. Es braucht Klarheit.»

Darauf angesprochen, weist Gschwind auf etwas anderes hin: «Im Bildungsgesetz steht, dass die Klassengrösse ‹bei der Klassenbildung› die Höchstzahl einzuhalten hat. Und die fand im März statt. Dort wurde keine Klasse mit mehr als 24 Schülern gebildet.» Zwischen März und August könne hingegen immer viel passieren. Dann komme es zu Einzelfallabwägungen gemäss der Verordnung.

Auch das lassen die Landräte nicht gelten. «Es steht nirgends im Gesetz, dass man nach der Klassenbildung vom März die Höchstzahl überschreiten darf», sagt Mall. Und Brenzikofer sagt: «Man wusste schon da, dass es dieses Schuljahr viele Schüler geben wird, schliesslich wollten die Schulleitungen von Oberdorf und Reigoldswil ja eigentlich eine Klasse mehr bilden, durften aber nicht.» Auch mit dem Thema beschäftigt sich der Lehrerverein Baselland (LVB). Für Geschäftsführer Michael Weiss ist klar: «Mit ‹bei der Klassenbildung› kann nur der Zeitpunkt des Schulanfangs gemeint sein. Dafür sind Höchstzahlen ja da.»

Klagen von Eltern möglich

Doch was geschieht nun mit dem potenziellen Gesetzesverstoss? Alle befragten Landräte sind sich einig, dass es keinen Sinn macht, die Klassen noch für das laufende Schuljahr wieder zu verkleinern, zumal die Alternative Zwangsverschiebungen an andere Schulen wären und ein Planungschaos kaum zu vermeiden wäre. Brenzikofer plant für die nächste Landrats-Sitzung einen Vorstoss. Und Weiss vom LVB könnte sich eine Resolution vorstellen. Definitiv Juristenfutter würde das Ganze, wenn betroffene Eltern klagen würden. Der wahrscheinlichste Weg ist aber, dass eine Landratsmehrheit die Revision des Bildungsgesetzes, die zurzeit in der Vernehmlassung ist, dazu nutzt, die Ausnahmen zu den Höchstzahlen noch präziser einzugrenzen. Der Plan von Gschwind, dank der Revision die Höchstzahlen künftig noch besser ausreizen zu können, um zu sparen, dürfte hingegen einen schweren Stand haben.

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