Ormalingen
«Zigeunerin» ist vergänglich – Wieder hitzige Diskussion um Walter-Eglin-Wandschmuck

Einmal mehr tobt ein Streit um ein Werk von Walter Eglin – diesmal geht es um ein Sgraffito an einer Turnhallenwand in Ormalingen. Die «Zigeunerin» hat schlechte Karten.

Andreas Hirsbrunner
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Walter Eglins Sgraffito «Zigeunerin», angereichert mit einer provokativen Sprayerei auf der Turnhallenwand.

Walter Eglins Sgraffito «Zigeunerin», angereichert mit einer provokativen Sprayerei auf der Turnhallenwand.

Martin Toengi

Dass Walter Eglin (1895 – 1966) ein über die Kantonsgrenzen ausstrahlender Künstler war, davon zeugt schon allein der Eintrag über ihn im Standardwerk Lexikon zur Kunst in der Schweiz. Dass der Kunstmaler, Holzschnitt- und Mosaikkünstler auch ein sehr aktiver Künstler war, davon zeugen unter anderem die öffentlichen Diskussionen in den letzten Jahren, die jeweils aufbrandeten, wenn Werke von ihm bedroht waren. Das war etwa in Liestal, Muttenz und Hölstein der Fall; aktuell steht Ormalingen im Fokus.

Dort geht es um das riesige, fünf mal fünf Meter grosse Sgraffito «Zigeunerin» auf einer Wand der Turnhalle. Dieser Bau soll, so der Fahrplan der Gemeinde, Mitte August zusammen mit dem in den Verputz gekratzten Sgraffito dem Erdboden gleichgemacht werden. Dann steht die neue Turnhalle ohne Eglin-Kunst bereit. Nach diversen Medienberichten und empörten Leserbriefen ist der aktuelle Stand, dass Walter Eglins Sohn Toni zusammen mit Mitstreitern vor einer Woche einen Brief an den Ormalinger Gemeinderat geschrieben hat mit der Bitte, den Abriss zugunsten eines Runden Tisches aufzuschieben.

Gemeinderat hat ausdiskutiert

Toni Eglin hofft, obwohl er schon länger mit der Gemeinde im Gespräch ist, immer noch, dass in Ormalingen ein neuer Standort für die «Zigeunerin» oder zumindest Teile davon gefunden werden kann. Das ist für ihn zentral, weil sich das Sgraffito auf eine Ormalinger Sage bezieht, wonach eine Zigeunerin als Dank für die gute Aufnahme im Dorf vor ihrem Weiterzug mit einer brennenden Fackel dreimal ums Dorf gelaufen war und den Feuergott beschworen hatte, den Ort vor Feuern zu verschonen.

Allerdings sind die Rettungskosten für das Kunstwerk beträchtlich. Eine von der Gemeinde eingeholte Offerte beziffert allein die Demontage des Sgraffito auf 35 000 Franken. Zudem bestehen gewisse Risiken, dass das Werk Schaden erleidet, wenn es mitsamt der dahinterliegenden Backsteinmauer abgebaut wird. In Hölstein gelang zwar eine gleich gelagerte Rettungsübung im letzten Jahr, wobei aber das dortige Graffito «Weiher» mit sechs Quadratmetern nur einen Viertel der Fläche des Ormalinger Werks aufweist.

Obwohl die Antwort auf Eglins Brief ausstehend ist, ist klar, dass sich der Gemeinderat nicht mehr auf weitere Diskussionen einlassen will. So sagt die Ormalinger Gemeindepräsidentin Verena Schürmann: «Wir haben alles gemacht, was man machen kann. Doch all unsere Abklärungen haben keinen alternativen Standort für das Sgraffito aufgezeigt.

Deshalb bleiben wir bei unserem Beschluss und bauen die Turnhalle inklusive Sgraffito zurück.» Und sie ergänzt, dass dieses vor 54 Jahren genau für die Turnhalle gemacht worden sei. Jetzt sei deren Zeit und damit auch jene des Kunstwerks abgelaufen.

Walter Eglin hat sich nie geäussert

Damit spricht Schürmann eine Grundsatzfrage an, die nach all den Feuerwehrübungen in den letzten Jahren um Eglin-Werke an Schulhäusern zusehends drängender wird: Ist Kunst am Bau nicht vergänglich, wenn der Bau selber auch vergänglich ist? Heutzutage geht man diese Frage vorausschauend an. Der stellvertretende Kantonsarchitekt Marco Fabrizi sagt: «Wir machen einen Vertrag mit den Künstlern, in denen der Heimfall und der Unterhalt des Kunstwerks geregelt wird.»

Bei älteren Bauten steht allerdings auch der Kanton vor der selben Frage wie aktuell die Gemeinde Ormalingen. So verweist Fabrizi auf das Sekundarschulhaus Laufen, das 2020 abgerissen wird. In diesem gebe es eine Drei-D-Plastik, die in eine Wandmalerei übergehe; das Kunstwerk stammt vom 1996 in Laufen gestorbenen, tschechischen Künstler Cenek Prazak.

Man habe nun vor kurzem Kontakt mit dem Verein aufgenommen, der dessen Nachlass verwalte. Ziel sei zu klären, ob das Kunstwerk abmontiert und eingelagert werden soll, erläutert Fabrizi. Im Übrigen gibt es im Kanton kein Gebäude, das nur aufgrund eines Kunstwerks am Bau geschützt wäre.

Zurück zu Eglins: Walter Eglin hat eine Vielzahl von Gebäuden mit seinen Kunstwerken aufgewertet. Über die Frage aber, ob mit dem Gebäude auch die darin integrierte Kunst hinfällig werde, habe sein Vater nie geredet, sagt sein Sohn Toni Eglin.

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