Fruchtfolgeflächen
Zielkonflikt zwischen Siedlungs-Wachstum und Ackerfläche

Der Gemeindeverband fordert, den speziellen Schutz des Ackerlands aufzuweichen. Die Philosphie der Fruchtfolgeflächen sei überholt. Die Erhöhung dieser Flächen führt vor allem in Agglomerationsgemeinden zum Konflikt.

Daniel Haller
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Zielkonflikt: Stadtnahe Gemeindeentwicklung kollidiert mit der Idee der Nahrungs-Souveräntität.

Zielkonflikt: Stadtnahe Gemeindeentwicklung kollidiert mit der Idee der Nahrungs-Souveräntität.

Juri Junkov

«Ich bin schockiert. So gehts nicht», reagiert der Baselbieter Bauernverbandspräsident Gregor Gschwind auf die Stellungnahme des Verbands Basellandschaftlicher Gemeinden (VBLG). Dieser stellt in seinem Vernehmlassungs-Kommentar zum überarbeiteten Kantonalen Richtplan (KRIP) fest: «Wir erachten die Philosophie der Fruchtfolgeflächen für überholt und in hohem Grade revisionsbedürftig. Der Kanton Baselland ist kein Landwirtschaftskanton mehr.»

Bei der Revision des KRIP hat der Kanton auf Druck des Bundes die Fruchtfolgeflächen erhöht. Dies führe vor allem in Agglomerationsgemeinden zu einem Zielkonflikt, erklärt Peter Leuthardt, Geschäftsleiter der Gemeinde Reinach. «Will man FFF in Bauzone umwandeln, muss man für Realersatz sorgen, der 25 Prozent grösser ist. Dies ist angesichts knapper Flächen in der Agglomeration extrem schwierig. Werden FFF, so wie vorgeschlagen, festgenagelt, sind Wachstum und Entwicklung nicht mehr möglich.» Deshalb stelle man das Konzept der FFF grundsätzlich infrage. «Ist der Gedanke der autarken Landesversorgung, der hinter der Idee der FFF steckt und der auf den Zweiten Weltkrieg zurück geht, noch zeitgemäss?»

Standesinitiative gefordert

Diese Frage bejaht Gregor Gschwind: «Die FFF sind das beste Landwirtschaftsland. Bevor man dieses mit eingeschossigen Häusern überbaut, sollte man genau nachdenken.» Gebe man das Konzept der FFF auf, falle die letzte Bremse gegen die Zersiedelung. «Derzeit können wir zwar unsere Nahrung problemlos importieren. Doch vielleicht kommen auch mal wieder andere Zeiten.»

Eine nachhaltige Siedlungsentwicklung müsse möglich bleiben, gibt Gschwind sich diskussionsbereit. «Letztlich ist ein Nebeneinander nötig. Doch statt das ganze System infrage zu stellen, sollte man sich überlegen, wie man die vorhandenen Bauzonen dichter bebaut.»

Leuthard weist dagegen auf die Erfahrungen Reinachs hin: «Sobald wir im überbauten Gebiet versuchen, ein Areal zu verdichten, ist es äusserst schwierig, dies den Nachbarn zu erklären.» Er geht davon aus, dass dies nicht nur in der Region Basel so ist, sondern in allen Kernagglomerationen in der Schweiz. Er schlägt vor, dass künftig FFF nur noch als Empfehlung gelten. Noch weiter geht der VBLG: Der Kanton solle per Standesinitiative beim Bund eine grundsätzliche Überprüfung des Systems der FFF durchsetzen.

Fruchtfolgeflächen erhalten

Damit vertritt der VBLG nicht alle Gemeinden. So hat unter anderen Titterten eine befürwortende Stellungnahme abgeschickt: «Wer auf dem Kienberg in Sissach steht, sieht, wie weit die Zersiedelung schon fortgeschritten ist», meint der Titterter Gemeinderat Heinrich Schweizer. «Es ist deshalb nicht opportun, dass Gemeinden aus kurzfristig egoistischem Denken das Konzept der FFF torpedieren.» Es gehe um mehr als nur die Landwirtschaft. Man müsse die offenen Flächen wegen der Landschaft, des ökologischen Werts und nicht zuletzt auch wegen des Grundwassers erhalten. «Raumplanung muss in grossen Räumen denken. Da kann nicht jede Gemeinde ein Sonderzüglein verlangen.»

Allerdings steht Titterten vor einer anderen Situation als Reinach: In der Agglomeration reichen gemäss Experten die Baulandreserven für 10 bis 15 Jahre. In Titterten sind sie hingegen grosszügig bemessen.

«Fruchtfolgeflächen; was steckt dahinter?

«Für das beste Landwirtschaftsland gelten in der Schweiz spezielle Schutzbestimmungen», heisst es auf der Website des Bundesamts für Raumplanung. «Der Sachplan Fruchtfolgeflächen hat zum Ziel, mindestens 438 560 Hektar des besten Landwirtschaftslandes zu erhalten. Jeder Kanton hat ein festgelegtes Kontingent zu sichern.»
Der stellvertretende Kantonsplaner Martin Huber erläutert, wie es zur heutigen Situation im Baselbiet kam: Als der Bund das Gesetz erliess, habe man in den Kantonen in den achtziger Jahren in einem ersten Schritt grob die Fruchtfolgeflächen (FFF) aufgrund der Hangneigung ausgeschieden. Ergebnis: Das Baselbiet muss gemäss Sachplan 8000 Hektaren FFF erhalten. Mit dem Laufental stieg die Fläche auf 9800 Hektar.
Anfang neunziger Jahre kartierte das Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain flächendeckend den Boden. Die daraus abgeleitete Bodeneignungskarte enthält 10 Bodeneignungsklassen, wovon gemäss Ebenrain die ersten drei Fruchtfolgequalität aufweisen. Diese drei Klassen umfassen im Kantonsgebiet inklusive Laufental nur 8000 Hektaren.
Entsprechend beantragte der Kanton Baselland beim Bund, den Sachplan FFF anzupassen. Der Bund jedoch forderte, das Baselbiet auf, weiterhin 9800 Hektar als FFF auszuweisen. In der Folge habe man in der vorliegenden Richtplanrevision die besten Böden der Qualitätsstufen 4 und 5 ebenfalls als FFF deklariert.
Zur Diskussion in der Agglomeration weist Huber darauf hin, dass die Lössböden im unteren Baselbiet zu den besten Ackerböden der Schweiz zählen. (dh)

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