Rothenfluh
Wegen Unfallfoto: Baselbieter Polizei des Altersrassismus bezichtigt

Die Polizei Basel-Landschaft habe in einer Unfallmeldung einen Autofahrer vorschnell als Verursacher abgestempelt, weil dieser bereits 70 Jahre alt war. Das behauptet ein bz-Leser. Die Polizei bezeichnet den Vorwurf als «absurd».

Benjamin Wieland
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Der Fall Rothenfluh
5 Bilder
Ein Leser knipste selber an der Unfallstelle. Das ist die Sicht auf die Unfall-Kreuzung aus rund 10 Metern.
Schon unübersichtlicher wird die Situation aus rund 20 Metern.
Aus 30 Metern ist die Ausfahrt kaum noch zu erkennen.
Das ist der Blickwinkel des Autofahrers. Fazit des Lesers: Die Polizei hat absichtlich ein «beschönigendes» Foto zum Versand ausgewählt.

Der Fall Rothenfluh

Polizei BL/Archiv

Der Fall scheint klar: In Rothenfluh will ein Autofahrer von einem Parkplatz aus auf eine Landstrasse einbiegen. Dabei übersieht er einen Motorradfahrer. Dieser kann nicht mehr bremsen und kollidiert mit der linken Fahrzeugseite.

Der Unfall ereignete sich am Sonntag, 2. Juni, um 14.20 Uhr, und er wäre nicht weiter erwähnenswert, da sich der Motorradfahrer glücklicherweise nur leicht verletzt hat und nicht ins Spital eingeliefert werden musste.

So weit, so gut. Einem bz-Leser, der die Meldung auf der kantonalen Webseite entdeckt hatte, kam beim Lesen jedoch die Galle hoch. Denn er glaubt, dass die Polizei Basel-Landschaft den Autofahrer vorschnell verurteilt habe.

Vorwurf: Vorverurteilung

In der Tat heisst es in der Meldung: «Gemäss den bisherigen Erkenntnissen der Polizei Basel-Landschaft übersah ein 70-jähriger Autofahrer (...) ein Motorrad (...).» Für die angebliche Vorverurteilung gebe es einen Grund, so der Leser. Denn er vermutet bei der Polizei «altersrassistische Tendenzen», und zwar aus zwei Gründen:

1. Die Polizei habe absichtlich das hohe Alter genannt, um dieses indirekt als Ursache für den Unfall heranzuziehen.
2. Mit dem mitgelieferten Foto solle suggeriert werden, dass die Situation übersichtlich sei. Und das sei in Wirklichkeit nicht der Fall.

Selber zur Kamera gegriffen

«Da ich die Situation dort sehr gut kenne, habe ich mir erlaubt noch ein paar Fotos zusätzlich aus grösserem Abstand aufzunehmen», schreibt der empörte Leser. «Geht man nämlich ein wenig weiter zurück, dann ist die Situation katastrophal unübersichtlich.»

Für ihn wirkt das Polizeifoto «nur noch wie eine Schadensdokumentation ohne Anspruch auf Klärung des Sachverhaltes.» Im Sinne von: «Der Autofahrer war schliesslich schon 70 – das reicht ja wohl als Begründung.»

Durchaus liefern die aus grösserer Distanz geschossenen Fotos neue Erkenntnisse: Die Strasse krümmt sich leicht, am Strassenrand wächst hohes Gras, ein Kantonsschild und ein alter Grenzstein verdecken das Sichtfeld zusätzlich. Das Auto ist frühestens aus 30 Metern Distanz zu erkennen, eher jedoch aus 20 Metern.

«Ältere Leute: Empört Euch!»

Fahre nun der Motorradfahrer mit den dort erlaubten 80 Stundenkilometern auf die Parkplatzausfahrt zu, so komme es fast unweigerlich zum «Crash», ist der Leser überzeugt. Sogar dann, wenn er weniger schnell unterwegs war: «Aus der Fahrschule wissen wir, dass der Anhalteweg bei einer Gefahrenbremsung aus Tempo 70 etwa 45 Meter beträgt.»

Es folgt die rhetorische Frage: «Wer hätte also hier eine Chance gehabt, den Unfall zu verhindern?». Und dann folgt der Aufruf in wutbürgerlicher Rhetorik: «Ältere Leute: Empört Euch!».

Polizei dementiert

Der Baselbieter Polizeisprecher Meinrad Stöcklin bezeichnet die Vorwürfe als «absurd». Grundsätzlich würde jeder Verkehrsunfall mit verletzten Personen kommuniziert. Im Sinne der Transparenz würde dabei auch das Alter der beteiligten Fahrzeuglenkerinnen und -lenker genannt – grundsätzlich immer und «absolut unabhängig davon, ob jemand jünger oder älter ist», so Stöcklin. Die Gleichbehandlung sei einer der wichtigsten Grundsätze in der polizeilichen Medienarbeit.

Der Entscheid, ob Fotomaterial versandt würde, erfolge situativ und sei «sehr vom Einzelfall sowie der Verfügbarkeit abhängig». Diesbezüglich gebe es weder fixe Regeln noch Garantien, «dies ist schlicht ein Zusatzservice des Stabsdienstes Kommunikation der Polizei Basel-Landschaft, sowohl für die Medien wie auch für die Bevölkerung.»

Zum Schluss: Wandertipp

An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass der Leser angibt, keinen der Unfallbeteiligten zu kennen, ebenso wenig einen der beteiligten Polizisten. Sein Schreiben endet mit einem Tipp: «Wer sich per Augenschein selbst überzeugen will, die Stelle liegt auf einem schönen Wanderweg nach Anwil.»

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