Ungewöhnlicher Protest
Wegen öffentlicher Schlachtung: «Chüngelipfarrer» will sich selbst geisseln

Wie im Mittelalter: Aus Protest gegen die geplante Säuli-Metzgete wird der ehemalige Pfarrer Lukas Baumann sich selbst geisselnd durch Sissach ziehen. Damit soll das Unrecht, das den Tieren angetan wird, gesühnt werden.

Hans-Martin Jermann
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Umstrittener Tierschützer: Lukas Baumann (unterhielt gemeinsam mit seine Frau Esther im Rothenflüher Kirchgemeindehaus eine Auffangstation für Kaninchen. Das stiess im Dorf auf Kritik.

Umstrittener Tierschützer: Lukas Baumann (unterhielt gemeinsam mit seine Frau Esther im Rothenflüher Kirchgemeindehaus eine Auffangstation für Kaninchen. Das stiess im Dorf auf Kritik.

Nicole Nars-Zimmer niz

Selbstgeisselungen sind in unseren Breitengraden eher selten geworden in den vergangenen 500 Jahren. In Sissach könnte das mittelalterliche Ritual aber bald wieder zu bestaunen sein: Lukas Baumann will sich am kommenden Montag selbst geisseln, mitten in der Begegnungszone. Das hat der Ex-Pfarrer gestern in einer Medienmitteilung angekündigt. Demnach wird Baumann zwischen 17.30 und 18.30 Uhr in alten Gewändern durch Sissach ziehen. Er beabsichtigt, sich während seines Bussgangs nicht nur selber zu schlagen, sondern auch auf Lateinisch zu singen und laut zu beten.

Baumann versteht die Aktion als Sühneritual gegen die öffentliche «Säuli-Metzgete», die zwei Tage zuvor angesetzt ist. Am 28. Oktober wollen Metzgermeister auf dem Schaffner-Areal im Zentrum von Sissach zwei Schweine schlachten und gleich vor Ort verarbeiten. Die «Show-Metzgete» geriet von verschiedener Seite in die Kritik. So bezeichnete Baumann die Schlachtung als «entwürdigende Veranstaltung»

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So geht es bei einer Metzgete zu und her

Willi Weitnauer und Metzger Hans-Ruedi Schaub fixieren das Schwein im Schlachtlokal.
26 Bilder
Die Sau ist getötet und wird ausgeblutet…
…und wird in die Wanne gelegt.
Ein Blick an die «Werkzeugwand» des Metzgers.
Das Schwein liegt im Brühbad…
…und wird mit einer Kette gewendet.
Nun wird es an einer Vorrichtung aufgezogen.
Von der Sau zum Rollschinkli: Metzgete in Hemmiken
…und die Körperoberfläche wird glatt rasiert.
Nun kann das Ausbeinen beginnen.
Hans-Ruedi Schaub macht sich an die Arbeit.
Das Tier wird ausgeweidet.
Die Innereien werden später zum Wursten verwendet.
Der Rumpf wird in zwei Stücke zersägt.
Von diesen Einzelteilen wird das Schlachtgewicht der Sau ermittelt.
Bald wird der Schweinskopf im Chessi gekocht.
Der Metzger bearbeitet die Innereien.
Hier ist er an einem Rippenstück beschäftigt…
…und macht sich daran, die Knochen zu entfernen.
So entsteht ein Rollschinkli.
Fleischteile werden im Chessi gekocht.
Knochen für eine gute Suppe und Reste für Wurstfüllungen.
Willi Weitnauer füttert den Fleischwolf.
Auch ausgekochte Fleischteile kommen in die Wurstfüllungen.
Hier entstehen Bratwürste.
Metzger Hans-Ruedi Schaub blickt aus seinem Schlachtlokal auf die vollbrachte Arbeit.

Willi Weitnauer und Metzger Hans-Ruedi Schaub fixieren das Schwein im Schlachtlokal.

Martin Töngi

«Furchtbarer Akt»

Baumann betont auf Anfrage der bz, dass er die Selbstkasteiung als Akt der Sühne für «furchtbar» halte. «Es ist Schwachsinn, Gott mit eigenen Schmerzen zufriedenstellen zu wollen», sagt der reformierte Theologe. Mit der Selbstgeisselung wolle er zeigen, dass diese ein längst überholtes Ritual sei. «Ich will sie der öffentlichen Schlachtung entgegensetzen, die ich ebenfalls für überholt halte.» Damit soll also moralisches Unrecht, das den Tieren angetan werde, ausgeglichen werden. Er habe nach einem künstlerischen Mittel des Protests gesucht, sagt Baumann. Er tue dies als Schauspieler, nicht als Pfarrer. Und er stellt klar: «Ich werde mich sicher nicht blutig schlagen.»

In Sissach weiss man vom Vorhaben. Gemeindepräsident Peter Buser sieht keine Grundlage, wie die Aktion untersagt werden könnte. «Wir sind der Meinung, dass der Anlass in der angekündigten Form keine Bewilligung benötigt.» Wenn sich jemand selber öffentlich schlagen wolle, könne man das nicht verbieten. «Es gibt einfach ein paar Dinge zu beachten», sagt Buser. «So darf etwa der Verkehr nicht behindert und kein öffentliches Ärgernis erregt werden.» Auch die Baselbieter Staatsanwaltschaft teilt der bz mit, dass Baumanns Aktion keinen Straftatbestand erfülle.

Als «Chüngelipfarrer» bekannt

Baumann ist im Oberbaselbiet seit längerem umstritten: Dass er gemeinsam mit seiner Frau im Kirchgemeindehaus von Rothenfluh eine Auffangstation für Kaninchen betrieben hatte, sorgte 2015 im Dorf für Aufruhr – und verschaffte ihm den Übernamen «Chüngelipfarrer». Baumann ist nach rund 30 Jahren Tätigkeit als Pfarrer in verschiedenen Kirchgemeinden, zuletzt in Rothenfluh, mittlerweile nicht mehr in dieser Funktion tätig.
Zu den Protesten gegen die Metzgete ist in der Zwischenzeit auch eine Beschwerde beim Baselbieter Regierungsrat hinzugekommen. Das schreibt die «Volksstimme». Demnach hat die Sissacherin Beatrice Pfister auch einen Antrag auf superprovisorische Verfügung gestellt, um den Anlass zu verhindern. Sie gehe, wird sie zitiert, «nötigenfalls bis vor Bundesgericht».

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