Sportmuseum
Was Sport und Flüchtlinge heute verbindet

Was hat Sport mit Flüchtlingen zu tun? Welche Rolle spielt die Integration? Vertreter aus Politik und Kirche diskutieren über diese Fragen und darüber, wie Sport in der Flüchtlingskrise helfen kann.

Thierry Moosbrugger*
Drucken
Sport und Integration im Sportmuseum
7 Bilder
«Unsere Sportvereine sind bereit, sich für Flüchtlinge zu engagieren.» Martin Rüegg (58) SP, Gymnasiallehrer, mit den Helm des russischen Secondos und Olympiasiegers Iouri Podladtchikov.
«Das Sportmuseum zeigt die Wechselwirkung von Sport und Gesellschaft.» Heinrich Ueberwasser (58), SVP Advokat und anwaltlicher Spielerberater, wollte den legendären Dress des tragischen FCB-Penaltyschützen des Cuphalbfinals 1994 gar nicht mehr hergeben.
«Sportler müssen lernen, mit Scheitern umzugehen – wie Flüchtlinge.» Gregor Dill (50) Der Co-Leiter des Sportmuseums präsentiert das Weltmeister-Skateboard des Liestalers Martin Sigrist.
«Sport bietet gratis Persönlichkeitsentwicklung.» Thierry Moosbrugger (49) Theologe, katholisch bl.bs, wählte die «FrauenfelderPackung» von Georges Thüring.
«Jeder weiss, dass es die Trennung zwischen Sport und Politik nicht gibt.» Alexandra Dill (33) Co-Leiterin des Sportmuseums. Mit Schwimmgurten wie diesen lernten Grossbasler Gymnasiasten einst schwimmen – bei Kleinbasler Fischern.
«Beeindruckend, was Sportvereine Woche für Woche für die Integration tun.» Markus Lehmann (60), CVP Unternehmer, mit dem identitätsstiftenden Dress der Ski-Nationalmannschaft der 90er-Jahre.

Sport und Integration im Sportmuseum

Thierry Moosbrugger

Welchen Gegenstand würden Sie wählen, um zu zeigen, was Sport mit Flüchtlingen zu tun hat respektive zum Thema Sport und Integration? Das Shirt des ehemaligen FCB-Spielers Samir Tabakovic? Iouri Podlatchikovs Olympiahelm? Die «Packung» für den Frauenfelder Waffenlauf von Georges Thüring? Den «Chäsli-Anzug» der Schweizer Ski-Nationalmannschaft?

Von der Grenze zum Zentrum

Im vergangenen Sommer veranstaltete das schweizerische Sportmuseum unter dem Titel «Mainstream» zehn Rundgänge entlang dem Rhein, die sich mit verschiedenen Aspekten des heute grössten Basler öffentlichen Raums auseinandersetzten und zeigten, wie sich seine Bedeutung im Laufe der Zeit veränderte und wie sich Bade- und Freizeitkulturen entlang dem Rheinbord begegnen und gegenseitig inspirieren.

Den Bedeutungswandel des Rheins hat das Sportmuseum in seinem Sommerprojekt «Mainstream» thematisiert (siehe Kasten). «Die Sport- und Spiel-Erlebnisse an der «Basler Rhyviera» kontrastierten schmerzlich mit den Bildern ertrinkender Menschen im Mittelmeer», erinnert sich Alexandra Dill. Gemeinsam mit ihrem Mann und Co-Leiter des Sportmuseums wollte sie diesem Thema weiter nachgehen: Wo und wie verbinden sich Sport und Flucht heute?

Herr und Frau Dill, was hat ein Sport-Museum mit dem Thema Flüchtlinge zu schaffen?

Gregor Dill: Migrare heisst wandern - und Wandern ist eine unserer Volkssportarten. Spass beiseite. Schauen Sie sich König Fussball an: ein Migrationsprodukt par excellence. Und im 19. Jahrhundert kämpften die Turner für die Freizügigkeit zwischen den Kantonen. Wir entdecken immer wieder Zusammenhänge zwischen historischen Sport-Ereignissen und gesellschaftlichen Themen. Dieses Wissen machen wir gerne mit neuen Vermittlungsformen fruchtbar.»
Alexandra Dill: Im Projekt «Mainstream» ging es zwar um den Rhein, es wurde aber auch die Brisanz des Flüchtlingsthemas deutlich: Eine Kurdin zum Beispiel erzählte auf dem Rhein von der Vertreibung ihres Volkes. Anderseits ist der Rhein heute quasi Basels grösstes Sportfeld, wo Zugezogene die Schweizer offener erleben als sonst wo. Man ist entspannt, grillt und schwimmt zusammen, das fördert Begegnungen. So wurde aus dem Rhein ein Ort der sozialen Integration. Was vielleicht einmal ein Ort der Abgrenzung war, kann sich ins Gegenteil verkehren.
Gregor Dill: So zeigt sich auch die Verknüpfung von Sport und Gesellschaftspolitik. Die Geschichte zeigt, wie eng diese Verbindung ist.
Heinrich Ueberwasser: Das Sportmuseum leistet da eine wichtige Funktion: Es zeigt positive Wechselwirkungen von Sport und Gesellschaft wie bei Integration oder Gleichberechtigung, ebenso wie ambivalente wie bei der Kommerzialisierung und negative wie bei Korruption oder Gewalt.»

Wieso wird dann immer wieder darauf hingewiesen, dass Sport und Politik nichts miteinander zu tun haben?

Martin Rüegg: Das ist eine absolut künstliche Trennung. Es gibt unzählige Beispiele, bei denen Sport von der Politik missbraucht wurde, Fussballspiele haben schon Kriege ausgelöst.
Markus Lehmann: Der Tiefpunkt waren sicher die Olympia-Boykotte 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles, als Politiker Sportlern die Teilnahme verboten.
Alexandra Dill: Vielleicht ist diese Behauptung bloss Selbstschutz, weil jeder weiss, dass es diese Trennung nicht wirklich gibt.
Heinrich Ueberwasser: ... was gerade die aktuelle Situation zeigt: SC-Freiburg-Trainer Christian Streich wird bei einer Pressekonferenz zu seiner Haltung in der Flüchtlingsthematik befragt, Bundesliga-Clubs machen ihre sozialen Engagements öffentlich, die «Bild»-Zeitung organisiert eine Bundesliga-Kampagne.

Was ist denn in dieser Situation heute anders?

Martin Rüegg: Die Bilder der Menschen auf der Flucht lassen niemanden kalt. Darum wird jeder Bereich des Lebens davon berührt, eben auch der Sport. Der hat eine besondere Chance, auch über das Thema Flüchtlinge hinaus integrativ zu wirken, sei es zwischen Geschlechtern oder sozialen Schichten.
Gregor Dill: Sport und insbesondere der Fussball haben heute einen enormen Einfluss, ich bezeichne ihn manchmal scherzhaft als die «fünfte Macht im Staat».
Heinrich Ueberwasser: Ich denke, Sport hat mehr noch als eine politische eine gesellschaftliche Bedeutung, wie das Projekt Mainstream zeigt.
Gregor Dill: Man kann eben nicht einfach einen Ball in eine Gruppe von Flüchtlingen werfen und meinen, dann wird alles gut. Man muss sich darum kümmern. Sport alleine hat ebenso viel Potenzial zum Ausschliessen wie zur Integration. Man denke nur daran, wie die ersten Snowboardergenerationen von der Wintertourismusbranche komplett ausgegrenzt wurden.

Und was kann Sport im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise? Der Sport bietet ja immer auch Erlebnisse, die als Lebensschule und zur Persönlichkeitsentwicklung dienen.

Markus Lehmann: Ich sags mal ganz banal: Es gibt auch für die Flüchtlinge nichts Schlimmeres, als einfach nur rumzusitzen und nichts tun zu können. Darum gehört in jedes Flüchtlingszentrum mindestens ein Sportplatz. Ich finde es im Übrigen absolut beeindruckend, was die vielen regionalen Sportvereine für die Integration tun, Woche für Woche, jahrein, jahraus, und zwar gratis und franko.
Martin Rüegg: Als Lehrer ist es mir deshalb wichtig, die Schüler für Sport zu begeistern. Als Sportpolitiker möchte ich dem Sport aus diesem Grund optimale Bedingungen verschaffen.
Heinrich Ueberwasser: Das Sportmuseum hat gerade da eine wertvolle gesellschaftliche Bedeutung, weil es solche Zusammenhänge sichtbar und für die aktuelle Situation fruchtbar machen kann.

Um die Aussage von Gregor Dill weiterzuführen: Könnte man denn Investitionen in regionale Sportvereine als die effizienteste Integrationsförderung betrachten?

Markus Lehman: Ja. Investitionen in Sportplätze, in Abwarte, in Trainer – in die gesamte Infrastruktur.
Martin Rüegg: In einem breiteren Rahmen ist die Stärkung des kantonalen Sportamtes und von J+S dabei zu erwähnen. Ich bin überzeugt: Unsere Sportvereine sind bereit, sich für Flüchtlinge zu engagieren, wenn sie die Möglichkeit dazu erhalten.
Gregor Dill: Aus der Geschichte heraus sehe ich: Bei uns unterschätzt der Sport seine gesellschaftliche Macht massiv. Denn zum Sport gehört ja auch sein gesellschaftliches Umfeld, die Fankultur, die Klubbeizen, die Zugehörigkeit und so weiter. Das alles ist Teil der integrativen Kraft des Sports.
Martin Rüegg: Sport leistet ja auch Integration in ganz anderen Bereichen: zum Beispiel zwischen Alt und Jung, für Behinderte oder zwischen den Geschlechtern.
Gregor Dill: Auf der symbolischen Ebene hat noch etwas anderes sehr viel Potenzial: Im Sport ist man permanent mit dem eigenen Scheitern konfrontiert. Die Mehrheit der Sportler und Vereine bleibt hinter den gesteckten Zielen zurück und muss immer wieder mit dieser Frustration umgehen lernen.

Sportler müssen also Scheitern lernen. Flüchtlinge kennen das Scheitern auch. Gibt es da eine Gemeinsamkeit in den Erfahrungen?

Alexandra Dill: Ja. Mir ist auch deshalb der Begriff «Integration» gar nicht mehr so sympathisch. Denn wo es Integration gibt, gibt es auch Abgrenzung. Ich finde es viel sinnvoller, von «gesellschaftlichem Zusammenhalt» zu reden. So gesehen ist Sport mit seinen Regeln und Ritualen dann das Übungsfeld für gesellschaftliches Zusammenleben, für Respekt und Begegnung auf Augenhöhe – eben für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Am Schluss des Gesprächs posieren alle mit «ihren» Gegenständen für Erinnerungsfotos. Gregor Dill hat sich das Skateboard ausgewählt, mit dem der Liestaler Martin Sigrist im Jahr 2006 Weltmeister wurde. Ein Baselbieter Weltmeister in einer US-amerikanischen Sportart also. Nochmals zeigt sich: Ob es nun der Rhein ist, das Mittelmeer oder der Atlantik: Trennende Grenzen können auch mithilfe des Sports überwunden werden.

*Das Sportmuseum lud drei Politiker ein; geleitet und aufgezeichnet wurde das Gespräch im Auftrag der bz von Thierry Moosbrugger, Fachstelle «katholisch bl.bs». Politik und Kirchen sind im Bereich Flüchtlinge oft gemeinsam am Ball, und alle Gesprächsteilnehmer sind auch im Sportbereich verwurzelt.

Aktuelle Nachrichten