Unwetter
Hochwasser in Laufen: «Plötzlich hatte ich die Bilder von 2007 vor Augen»

Vor 14 Jahren überschwemmte die Birs in Laufen das ganze Stedtli. So dramatisch ist die Situation derzeit noch nicht. Dennoch werden Erinnerungen an die Flut wach. Entsprechend bereitet man sich auf Schlimmeres vor.

Maximilian Karl Fankhauser, Hans-Martin Jermann und Kelly Spielmann
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In Laufen war man auf das Hochwasser vorbereitet: Vor mehreren Läden lagen Sandsäcke.

In Laufen war man auf das Hochwasser vorbereitet: Vor mehreren Läden lagen Sandsäcke.

Juri Junkov

Das Laufner Stedtli wirkt leer an diesem Donnerstagmittag. Einzelne geniessen ihr Essen draussen in einer Gartenbeiz, ansonsten läuft wenig. Was aber auffällt: Immer wieder begegnet man Sandsäcken, die vor den Läden liegen.

Die aktuelle Wetterlage versetzt den Hauptort des Laufentals in Unruhe. Durch die starken Regenfälle ist aus der Birs ein brauner, reissender Fluss mit einem hohen Pegelstand geworden. Viele Laufnerinnen und Laufner erinnern sich dieser Tage an den August 2007 zurück, als das Laufner Stedtli zwei Meter unter Wasser stand.

Die Bilder von 2007 sind noch immer in vielen Köpfen

Das seien Bilder, die man nicht einfach so aus dem Kopf kriege, erzählt Christian Hamann, Inhaber des Stedtlicoiffeur in Laufen. Seit 17 Jahren hat er seinen Laden an der Hauptstrasse 31. «Wir wurden damals alle völlig überrascht. Der Kollege vom Laden schräg vis-à-vis hat mir zu früher Stunde angerufen und mir gesagt, ich solle in den Laden kommen und alles retten, was ich kann.» Als er ins Stedtli lief, sei es noch trocken gewesen. «Ich bot dann alle verfügbaren Mitarbeiter auf und wir begannen, das Inventar ins Treppenhaus zu stellen.»

Mit der Zeit trat das Wasser aus allen möglichen Richtungen ein. «Irgendwann standen wir hüfttief im Wasser und waren immer noch mit den Räumungen beschäftigt.» Erschwerend hinzugekommen sei, dass das Hochwasser einen Tank in der benachbarten UBS-Filiale beschädigte und sich Öl ins Wasser mischte. «Durch einen Anfang 2007 eingeführten Selbstbehalt beliefen sich meine Kosten nach den Überschwemmungen auf 15'000 Franken. Um diesen Verlust aufzuholen, musste ich ein paar Haare schneiden», sagt Hamann. Da er eine vorübergehende Lösung fand, konnte er zehn Tage nach dem Hochwasser schon wieder seine Kunden bedienen.

Man war vorbereitet

Gerade weil die Bilder von damals noch so präsent sind, haben Hamann und sein Team am Mittwoch nach Feierabend mit den Vorkehrungen begonnen. Zusätzlich zum Treppenhaus hat er mittlerweile noch weitere Räumlichkeiten im ersten Stock, wo er alles, was sich auf unter einem Meter befindet, lagern kann.

«Wir stellen zudem in der Nacht den Strom ab und haben diesen gesichert.»

Denn noch einmal könne er sich einen solchen Schaden nicht erlauben. In der jetzigen Situation wisse er nicht, ob er so schnell wieder ein Übergangslokal finden würde. Nach einer Überschwemmung könne es bis zu drei Monaten dauern, bis der Laden wieder intakt ist. In der Zwischenzeit weichen die Kunden auf andere Coiffeure.

Auch Vita Graziano hat mithilfe ihres Vermieters begonnen, ihren Laden mit Sandsäcken zu sichern. 2007 war sie privat von den Überschwemmungen betroffen.

«Wir waren eben frisch umgezogen und hatten noch viel im Keller gelagert. Danach war das Meiste futsch.»

Nun hat sie Sandsäcke vor den Fenstern und Türen platziert. Letztere wurden wegen Auflagen des Heimatschutzes 2007 nicht ersetzt und sie sind durchlässig.

Das Modegeschäft Modeva hatte sein Lokal damals noch nicht im Stedtli. Miterlebt hatte Inhaber Daniel van Bürck die Szenen damals dennoch.

«Als ich heute Morgen aufwachte, hatte ich plötzlich die Bilder von 2007 vor Augen.»

Da man aber nur Kleider im Laden habe und das Lager zentral organisiert sei, mache er sich nicht grosse Sorgen. Dennoch hat die Geschichte für ihn einen faden Beigeschmack. «Eher zufällig erfuhren wir am Donnerstag, dass die Möglichkeit besteht, Sandsäcke zu holen. Meine Filialleiterin hat dort noch die letzten bekommen, die übrig waren.» Die Kommunikation der Stadt sei suboptimal gewesen, findet van Bürck.

Dass man Sandsäcke holen kann, erfuhr der Inhaber des Kleidergeschäfts Modeva eher zufällig.

Dass man Sandsäcke holen kann, erfuhr der Inhaber des Kleidergeschäfts Modeva eher zufällig.

Juri Junkov

Kein Jahrhundert- aber immer noch ein Jahrzehnt-Ereignis

Zum Glück waren die Pegelstände der Birs am Donnerstag doch noch relativ weit weg vom Jahrhundert-Ereignis 2007: In Münchenstein wurde am Donnerstag eine maximale Abflussmenge von 191 Kubikmetern pro Sekunde gemessen, an der Messstation in Soyhières wurden maximal 165 Kubikmeter gemessen. Demnach waren es in Laufen so um 180 Kubikmeter pro Sekunde, schätzt Jaroslav Misun, Leiter Wasserbau des Kantons Baselland. Zum Vergleich: Während des Jahrhundert-Hochwassers 2007 wurde eine Abflussmenge von 335 Kubikmeter pro Sekunde registriert – fast das Doppelte der Menge vom Donnerstag. Ab einer Menge von 235 Kubikmeter pro Sekunde tritt die Birs in Laufen über die Ufer.

«Wir sind bis jetzt mit einem blauen Auge davon gekommen»,

kommentiert Misun. Die Abflussmenge von 180 Kubikmetern entspricht einem Ereignis, wie es an der Birs alle zehn Jahre vorkommt.

Nach 2007 war der Hochwasserschutz im Laufental ein grosses Thema. An einigen Stellen, etwa in Riederwald in Liesberg, beim Schloss Zwingen oder auch in Duggingen wurden in den vergangenen Jahren Schutzmassnahmen bereits umgesetzt. Im Mai stellte die Baselbieter Regierung das grösste Hochwasserschutz-Paket fürs Laufental vor: Mit 62 Millionen Franken soll die Birs in Laufen in den Gebieten Nau und Norimatt massiv verbreitert, das Flussbett vertieft und die Aufenthaltsqualität erhöht werden. Im Betrag enthalten ist der Neubau von vier Brücken. Es sei aufwendig gewesen, mehrheitsfähige Massnahmen mitten im Siedlungsgebiet zu finden, erklärt Misun.

Beim Schloss in Zwingen wurde in den vergangenen Jahren der Hochwasserschutz angepasst.

Beim Schloss in Zwingen wurde in den vergangenen Jahren der Hochwasserschutz angepasst.

Juri Junkov

Neben dem Hochwasserschutz habe man auch die Bedürfnisse der Anwohner, des Naturschutzes und bautechnische Anforderungen unter einen Hut bringen müssen. Umgesetzt werden sollen diese Massnahmen bis 2027. Bis dahin bleibt den Laufnerinnen und Laufnern nur das Hoffen: «Das Schadenspotenzial von Hochwassern an der Birs ist in Laufen nach wie vor am höchsten», sagt Misun.

Bäche könnten überlaufen

Im Baselbiet führen derzeit diverse Bäche Hochwasser und drohen überzulaufen. Stand gestern befanden sich die Fliessgewässer, die vom Bundesamt für Umwelt gemessen werden, in der Gefahrenstufe 2 – so die Birs in Münchenstein oder die Ergolz in Liestal. Letztere war am Donnerstag auf einem Pegel von 269 Metern, drei Meter mehr als noch Anfang Woche. Der Abfluss der Ergolz betrug beim Höhepunkt 89 Kubikmeter pro Sekunde, noch vor wenigen Tagen waren es rund sieben Kubikmeter. Ab 95 Kubikmetern beginnt die Gefahrenstufe 3, ab 120 die Stufe 4. Diese hat die Ergolz am Dienstag mit einem Abfluss on 115 Kubikmetern erreicht.  

Einige der wenigen Einsätze, die in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag stattgefunden haben, sind denn auch auf die Birs zurückzuführen. Nur fünf habe es gegeben, wie Roland Walter, Mediensprecher der Baselbieter Polizei, auf Anfrage sagt. In Birsfelden, Pfeffingen, Frenkendorf, Hölstein und Tecknau seien Keller geflutet worden. Am Donnerstag sind noch ein Keller in Gelterkinden und eine Einstellhalle in Birsfelden dazugekommen. «Es handelte sich aber um wenig Wasser, die Fluten waren nicht massiv», so Walter.

Dennoch: In den kommenden Tagen könnten die Regenfälle zu weiteren Einsätzen führen – «die Feuerwehren sind bereit», so Walter. Der Kantonale Krisenstab ist aktuell nicht im Einsatz, betont dessen Sprecher Roman Häring. Zuständig sind die Feuerwehren und die kommunalen Führungsstäbe. «Einzelne Kommunal-Führungsstäbe sind bereits im Einsatz. Dort, wo das Risiko für Hochwasser-Ereignisse tendenziell höher ist», sagt Häring. Dies sei beispielsweise im Laufental der Fall. (ksp)

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