Spenden-Fahrt
Trampen für noble Zwecke: Dieser Reigoldswiler sammelt für Äthiopien

Ein Reigoldswiler sammelte 20'000 Franken für ein Hilfswerk. Dafür radelte er 1000 Kilometer durch Äthiopien.

Jocelyn Daloz
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Jörg Peltzer (l.) und Christoph Dietrich in Velokleidung mit äthiopischen Dorfbewohnern.

Jörg Peltzer (l.) und Christoph Dietrich in Velokleidung mit äthiopischen Dorfbewohnern.

Zur Verfügung gestellt

Bunte Frisuren. Die sonnengebrannten Hochplateaus Äthiopiens, die sich in der Ferne scheinbar ewig erstrecken. Fröhliche Gesichter von schlanken, äthiopischen Dorfbewohnern in traditioneller Tracht. Schöne Bilder hat der Reigoldswiler Christoph Dietrich von seiner zweiwöchigen Veloreise nach Hause gebracht. Auch weniger schöne: Bilder des Unispitals in Jimma, der Notfallchirurgiestation, wo Menschen nach ihrer Operation mangels freier Betten auf Stühlen genesen müssen.

Dietrich zeigt uns in seinem Wohnzimmer Fotos, die er in Äthiopien im November 2019 geschossen hat und erklärt die Erinnerungen, Begegnungen, Farben, Emotionen. Aber, erklärt er, eigentlich ging es ja vor allem darum, Menschen zu helfen. Er zeigt einen Flyer, auf dem er im Velotrikot vor seinem Mountainbike posiert: «Ich trete in die Pedale für Äthiopien».

Das erste unfallchirurgische Zentrum in Äthiopien

Dietrich begleitete den renommierten Chirurgen Jörg Peltzer, Chefarzt am Delsberger Spital Hôpital du Jura, auf seiner diesjährigen karitativen Reise. Der im Leimental aufgewachsene Chirurg pflegt eine spezielle Beziehung zu Äthiopien. Während Jahren arbeitete er dort bei Entwicklungsprojekten mit. Der leidenschaftliche Velofahrer fuhr 2001 zum ersten Mal mit dem Bike durch Südwestäthiopien und sammelte pro gefahrenen Kilometer Spenden aus der Schweiz. Damit konnte Peltzer 1300 Operationen in Jimma finanzieren. 2006 eröffnete er am Universitätsspital das erste unfallchirurgische Zentrum in Äthiopien. 2009 gründete er mit Freunden die Stiftung Schweizer Chirurgen in Äthiopien. Diese organisiert nun auch die Ausbildung lokaler Chirurgen.

Auf der Suche nach Geld organisierte die Stiftung 2012 erstmals eine Bike-Tour durch Äthiopien. Mittlerweile reist Peltzer alle drei Jahre mit einer Gruppe sportfreudiger Spender durchs Land. Je rund 25 Personen pedalen etwa 1000 Kilometer auf den meist nicht geteerten Strassen Südäthiopiens. «Das Ziel ist, dass die Menschen, die Geld spenden, den Ort kennen lernen, dem sie helfen», sagt Peltzer auf Anfrage der bz. Die Reise führt durch das Einzugsgebiet des Spitals. «Bis heute ist dieses Spital für Millionen von Menschen die einzige Möglichkeit zur medizinischen Versorgung», betont Peltzer.

Um an der Reise teilnehmen zu können, muss jede Person mindestens 20'000 Franken mitbringen. Wie er oder sie das Geld zusammenkriegt, ist ihm oder ihr überlassen: Die einen organisieren ein Crowdfunding, die anderen finanzieren die Spende aus der eigenen Tasche. Die Reise bringt insgesamt rund eine Million Franken an Spenden ein für die Stiftung. Deren Jahresbudget beträgt 500'000 Franken. Dieses Jahr fuhren auch Schweizer Prominente mit, darunter SBB-Chef Andreas Meyer, die Künstlerin Nina Burri und der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried. Die SRF-Sendung «Glanz und Gloria» widmete der Expedition denn auch drei Reportagen. Christoph Dietrich hat das Geld in der Schweiz auf dem Velo gesammelt: Er liess Flyer drucken, reiste durchs Land, besuchte Verwandte. So gelang es ihm, insgesamt 47'000 Franken zusammenzutragen. Dietrich konnte das Velotraining ideal mit dem Spendensammeln kombinieren.

Weitere Bilder und Informationen zu Christoph Dietrich finden Sie hier:

- https://xn--dietrich4thiopien-yqb.ch/

Weitere Informationen zum Projekt von Jörg Peltzer:

- https://www.gostar.ch/

Teilnehmer müssen teures Velo kaufen

Von der Reise ist er begeistert. Bilder auf seinem Reiseblog zeigen vielerlei Eindrücke, so auch die aufwendige Logistik der Reise: So reiste die Gruppe mit einer Polizeieskorte. «Wegen der Unruhen, die das Land im Moment heimsuchen, hat das Konsulat dies so verlangt», erklärt er. Auf den Fotos sind die Teilnehmer in den Radtrikots in den Farben der Stiftung gekleidet. Die einheitlichen Velos wurden speziell für die Reisenden bestellt und mussten von diesen gekauft werden. «6500 Franken kostet so ein Exemplar», sagt Dietrich, als er das 13 Kilogramm schwere Mountainbike vorführt.

Peltzer erklärt, dass die lokale Bevölkerung die Schweizer Biker stets gut empfange. Die grosse Infrastruktur und die teure Ausrüstung stellten zwar einen Kontrast zu den Verhältnissen vor Ort dar, aber die Begegnungen fänden stets auf Augenhöhe statt, versichert Peltzer. Trotzdem bleibt ein etwas schales Gefühl: Zwischen diesen weissen Männern und Frauen auf teuren Velos, die von mit Kalaschnikows bewaffneten äthiopischen Polizeikräften und einem Fernsehteam begleitet werden, und den südwestäthiopischen Stämmen liegen trotz aller wohlgemeinten Beweggründe der Reise Welten.

Es ist ein Machtgefälle, das in der Entwicklungshilfe zunehmend unter Kritik steht, wie die Ethnologin Lucy Koechlin auf Anfrage der bz erklärt: «Früher war die Entwicklungshilfe eigentlich ein paternalistisches Geber-Empfänger-Modell. Das zeigte schon die Semantik: Es war eben keine Zusammenarbeit, sondern karitative, unilaterale Hilfe.» Dieses Modell wird seit Jahren in der wissenschaftlichen Literatur wie auch von erfahrenen Entwicklungsexperten kritisiert.

Zum konkreten Projekt der Stiftung will sich Koechlin nicht äussern. In der Entwicklungszusammenarbeit seien private Akteure frei, sich so auszurichten, wie es die Spender für gut halten. Dabei müsse ihre Arbeit nicht unbedingt dem zeitgenössischen Ansatz entsprechen, solange niemand durch das Engagement geschädigt werde und ethische und andere Grundprinzipien eingehalten würden.

«Wir zelten vor Ort, das ist keine Luxusreise»

Zu den Bildern, die das Projekt bei Aussenstehenden möglicherweise evoziert, sagt Peltzer, es handle sich bei der Velotour nicht um eine gemütliche Spazierfahrt: «Klar, uns folgen Autos mit dem Material und die Velos müssen eine gewisse Qualität haben, um den Schotterstrassen standzuhalten. Aber wir zelten und kochen selber vor Ort. Das ist keine Luxusreise.» Peltzer unterstreicht auch: «Wenn Sie mitkämen, würden Sie die Menschenwärme spüren, die uns in den Dörfern begegnet.» Die Leute seien stets froh, das Team aus der Schweiz zu sehen.

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