Öffentlicher Verkehr
Tageskarten führen zu Verlusten – Baselbieter Gemeinden verzichten wegen Corona auf Verkäufe

Das einstige Erfolgsmodell ist auf dem Abstellgleis, das Ende der Gemeindetageskarten naht. Diese sollen ab 2024 durch eine Alternative ersetzt werden.

Simon Tschopp
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Gemeindetageskarten wird es in dieser Form nur noch drei Jahre geben.

Gemeindetageskarten wird es in dieser Form nur noch drei Jahre geben.

Bruno Kissling / OLT

Lange waren sie ein Renner: die Gemeindetageskarten. Mit ihnen kann man während eines im Voraus bestimmten Tages auf sämtlichen Strecken des öffentlichen Verkehrs, auf denen das Generalabonnement gilt, unbeschränkt Bahn, Bus und Schiff fahren. Nun befindet sich der in der Bevölkerung beliebte Fahrschein arg in Rücklage. Corona hat einzelne Gemeinden dazu bewogen, vorläufig auf den Verkauf von Tageskarten zu verzichten. Die Gemeindetageskarte wird in ihrer jetzigen Form nur noch bis Ende 2023 bestehen.

Die Auslastungszahlen sind massiv gesunken

Reigoldswil bot bis Ende des vergangenen Jahres täglich je zwei Karten an. Die durchschnittliche Auslastung betrug jedoch bloss 58 Prozent, was in einem Verlust von über 10'500 Franken gipfelte – fast 37 Prozent der aufgewendeten 28'000 Franken; ein Set besteht aus 365 Tageskarten – eine pro Kalendertag – und kostet 14'000 Franken.

Diese negativen Zahlen veranlassten den Gemeinderat, heuer auf dieses Angebot zu verzichten.

Im vierten Quartal werde die Situation neu beurteilt und über die Wiederaufnahme des Tageskartenverkaufs im Jahr 2022 entschieden»,

ist im «Reigetschyler Bott» zu lesen. Aus der Gemeindeverwaltung ist zu erfahren, dass seitens der Dorfbevölkerung bisher keine Reaktionen eingegangen sind. Will heissen: Offenbar hat man Verständnis für diese Massnahme. Zudem ist das Bedürfnis an Tagesausflügen derzeit eher gering.

Noch mehr ans Bein streichen mussten sich Sissach und Füllinsdorf. Der Oberbaselbieter Bezirkshauptort beklagte einen Verlust von rund 25 000 Franken, den sich die Einwohnergemeinde und Bürgergemeinde Sissach hälftig teilen. Durchschnittlich 68 Prozent der fünf verfügbaren Tageskarten wurden verkauft; am tiefsten ausgelastet war der April mit 13 Prozent, der Juli war mit 99 Prozent ein Spitzenmonat. Als Konsequenz bietet Sissach dieses Jahr noch vier Tageskarten an.

Laut der Füllinsdörfer Gemeindeverwaltung brach in der Kommune 2020 der Verkauf um 40 Prozent ein, was 26'000 Franken entspricht. Deshalb tendierte der Gemeinderat bei der Beratung des Budgets 2021 darauf, das Angebot von vier auf zwei Tageskarten pro Tag zu reduzieren. Als dann im Herbst die zweite Coronawelle anrollte, wurde beschlossen, den Verkauf bis auf Weiteres auszusetzen.

Rünenberg, Kilchberg und Zeglingen handelten vorausschauend

Einen guten Riecher hatten letzten Frühling Rünenberg, Kilchberg und Zeglingen, die in einem Verwaltungsverbund zusammenarbeiten. Seit April werde darauf verzichtet, Tageskarten zu verkaufen, sagt eine Verwaltungsangestellte. Deshalb hätten sie auch keinen Verlust erlitten. Selbst bei einer hundertprozentigen Auslastung sind die Tageskarten für Gemeinden kein Goldesel. Diese geben sie leicht über dem Bezugspreis an die Kunden ab. Unbenutzte Karten müssen mit Steuergeldern bezahlt werden.

Die Alliance Swiss Pass stellt derzeit einen Bestellungsrückgang von 14 Prozent an Gemeindetageskarten-Sets fest. Zahlen für einzelne Regionen oder Kantone hat die Organisation, in der die Transportunternehmen und Verbünde des öffentlichen Verkehrs zusammengeschlossen sind, nicht.

2024 startet ein neues Modell

Ist in früheren Jahren der Absatz in Kommunen bei etwa 90 Prozent gelegen, so werden sukzessive weniger Tageskarten gebraucht. Corona ist aber nicht der einzige Grund. Auch diverse attraktive ÖV-Angebote wie Sparbillette schmälern die Attraktivität der Gemeindetageskarten, bestätigt die Alliance Swiss Pass.

Unter anderem deshalb wird das Angebot der Gemeindetageskarten per Ende 2023 ersetzt»,

erklärt Kommunikationsleiter Thomas Ammann. Der Schweizerische Gemeindeverband, der Schweizerische Städteverband und Alliance Swiss Pass entwickeln momentan Alternativen ab 2024 – auch weil das jetzige Modell «nicht sehr zukunftsfähig» sei.

Wie die Gemeindetageskarten werden die meisten Fahrausweise im ÖV nicht zu einem kostendeckenden Preis verkauft. Insgesamt ist der öffentliche Verkehr zu rund 50 Prozent durch Bund, Kantone und Gemeinden finanziert.

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