Pilotprojekt
Syrische Familien finden im Baselbiet ein Zuhause

Seit sechs Wochen leben sieben syrische Familien in Ramlinsburg. Auf die Flüchtlinge wartet ein intensives Sondersetting. Ziel ist eine bessere Integration. Der Bund kommt dafür mit dem Vierfachen der üblichen Integrationsbeiträge auf.

Julia Gohl
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Diese und sechs weitere syrische Familien leben seit Kurzem in der «Station Lampenberg».

Diese und sechs weitere syrische Familien leben seit Kurzem in der «Station Lampenberg».

Juri Junkov

Die Plakate an der Wand erinnern an den Französischunterricht in der Primarschule: Eine Liste mit den Ziffern von eins bis zwanzig und dem entsprechenden Wort dazu hilft beim Lernen der Zahlen. Die Artikel sind mit Farben gekennzeichnet, damit das Geschlecht der Wörter schneller sitzt. Bilder von Smileys und den entsprechenden Adjektiven unterstützen beim Antworten auf die Frage nach dem Befinden. Hier lernen aber keine Kinder Französisch, sondern Erwachsene Deutsch. Es ist eines der Schulzimmer in der «Station Lampenberg». In diesem Integrations- und Migrationszentrum (RIM) in Ramlinsburg sind seit gut sechs Wochen sieben syrische Familien zu Hause. Sie sind Teil des Pilotprojekts «Resettlement» des Bundes (siehe Box).

Neue Form der Integration

Rund 30 Nationen beteiligen sich schon am «Resettlement»-Programm der Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen (UNHCR). In der Schweiz läuft seit Kurzem ein entsprechendes auf drei Jahre und 500 Flüchtlinge begrenztes Pilotprojekt. Ziel des Programms ist die dauerhafte Neuansiedlung von besonders verletzlichen Flüchtlingen in einem Drittstaat. Der Bund hofft, damit eine besserer Integration zu erreichen. Das lässt sich die Schweiz das Vierfache der üblichen Integrationsbeiträge kosten. Als Orientierungshilfe dienen Integrationsmassnahmen nördlicher Staaten.

Das UNHCR wählt zusammen mit dem Bund besonders schutzbedürftige Flüchtlinge für «Resettlement»-Programm aus. Bedingung ist ein Frauenanteil von 40 bis 60 Prozent und ein Anteil an kranken, behinderten oder betagten Personen von mindestens sieben Prozent. Die ausgesuchten Flüchtlinge werden in die Schweiz überführt und erhalten gleich mit der Einreise eine B-Bewilligung, das heisst den Status als anerkannte Flüchtlinge.

Im Baselbiet erwartet die Flüchtlinge eine kollektive Unterkunft in Ramlinsburg und ein Sondersetting, das die Betreuung durch einen Coach, Deutschlehrer und Dolmetscher vorsieht. Gegliedert ist das Programm in drei Phasen. Zurzeit befindet man sich in der ersten. Diese dauert sechs Monate und legt den Fokus auf Sprachunterricht, Eingewöhnung und Gesundheit. In der zweiten Phase werden die Flüchtlinge auf die Gemeinden verteilt, wo sie sich eine eigene Wohnung einrichten und eine Arbeit suchen sollen. Nach 18 Monaten beginnt das letzte Jahr und damit Phase 3: Die Flüchtlinge sollten dann selbstständig leben und sich durch eine Arbeit selbst finanzieren können.

Sprache steht im Zentrum

Nach dieser Schonfrist stieg man ins Programm ein, das den Fokus anfangs auf die Sprache legt. Deshalb wird das besagte Schulzimmer rege genutzt. «Jede Person hat täglich einen halben Tag Deutschunterricht», erläutert Reppucci. «Das ist ein sehr intensives Setting.» Entsprechend erkenne er grosse sprachliche Fortschritte.

Ebenfalls Fortschritte gemacht wurde in Sachen Gesundheit – ein zweiter Fokus in dieser Anfangsphase. Denn praktisch jeder Bewohner ist von Krankheit betroffen. Es sind Traumatisierungen vorhanden, aber auch andere physische und psychische Leiden sind Thema. «Am Anfang fuhr ich mindestens einmal täglich mit einem Bewohner zum Arzt», berichtet der Coach der Flüchtlinge. Auch für ihn war die Erfahrung neu. «Vor allem zu Beginn war es für mich schwierig, abzuschätzen, wie ernst die Beschwerden der Flüchtlinge wirklich sind und ob jeweils ein Gang auf die Notaufnahme nötig ist. Mittlerweile habe ich dafür ein Gespür.» Reppucci kennt das: «Der Umgang mit Schmerz ist kulturell geprägt. Bei uns versucht man eher, Schmerz zu verstecken und zu verharmlosen, in manchen Kulturen neigt man hingegen eher zum Dramatisieren.»

Im November ziehen die Syrer aus dem RIM aus. Ein weiteres Kontingent wird erwartet. Noch lässt sich nicht sagen, ob vor dessen Eintreffen Anpassungen am Projekt vorgenommen werden müssen. «Dafür ist es nach sechs Wochen noch zu früh», findet Reppucci, der den Verlauf der ersten sechs Wochen positiv einschätzt.

Standortgespräche sind wichtig

Evaluiert wird laufend, denn der Bund möchte erfahren, ob das Programm tatsächlich zu besserer Integration führt. Er gibt dem ABS entsprechende Fragen zur Beantwortung. Zudem führt der Coach regelmässig Standortgespräche mit den Bewohnern. Zurzeit liegt der Fokus dabei auf deren beruflichem und schulischem Hintergrund. Basierend darauf wird dann ein Integrationsplan erarbeitet.

Bis jetzt zeigt sich, dass der Bildungsstand der Flüchtlinge relativ hoch ist. Unter ihnen befinden sich Handwerker, ein Lehrer, ein Psychologe, eine Soziologin und ein Anwalt. «Nur ein Arzt wohnt leider nicht bei uns, das wäre praktisch», scherzt Reppucci. Dann ist es mit den Witzen wieder vorbei, denn nur weil der Bildungsstand der Flüchtlinge hoch ist, heisst das nicht, dass ihnen eine rosige berufliche Zukunft bevorsteht. Sollte die Schweiz die jeweiligen Ausbildungen überhaupt anerkennen, bleiben die gesundheitlichen Probleme. «Es kann sein, dass diese bei der Arbeitsintegration im Weg stehen. Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir allfällige Krankheiten jetzt erkennen und eine Behandlung initiieren.»

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