Hausarzt
Spitalkarriere nicht mehr gefragt: Junge Ärzte zieht es wieder aufs Land

Unlängst galt unter Medizinern: Wer etwas auf sich hält, wird Spitalarzt. Oder zumindest Spezialist. Viele Junge entscheiden sich nun aber dafür, Hausarzt zu werden.

Leif Simonsen
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Lange galten die Mediziner als unverbesserliche Karrieristen. Was zählte, war nicht nur das Wohlergehen der Patienten, sondern auch das Geld und der Status. Das holten sich die Ärzte auf der Karriereleiter in den Spitälern oder als wohlverdienende Spezialisten.

Bis vor kurzem herrschte daher im Baselbiet bezüglich Hausärzte Alarmstufe Rot. Vergangenen Herbst zeichnete der Regierungsrat in seiner Antwort auf den Vorstoss des FDP-Gesundheitspolitikers Sven Inäbnit das Szenario auf, wonach sämtliche zehn Notfallkreise des Landkantons 2026 unterversorgt seien, was die Grundversorgung angeht. Dies im Fall, dass die heutigen Hausärzte mit 65 in Pension gehen und sich keine Nachfolger finden würden.

Am schlimmsten wären Teile des Oberbaselbiets sowie das Laufental dran, wo die Hausärztedichte unter 0,3 Hausärzte pro 1000 Einwohner fallen würde. Selbst stadtnahen oder zumindest gut erschlossenen Gemeinden wie Allschwil, Therwil oder Oberwil drohe in zehn Jahren eine Unterversorgung, so die Kantonsregierung.

Viele Hausärzte nähern sich tatsächlich dem Pensionsalter und sind bisher erfolglos auf der Suche nach einem Nachfolger. Das Baselbiet steht nicht alleine da. Eine Studie des Universitären Zentrums für Hausarztmedizin beider Basel zeigte 2015 auf, dass bis 2025 schweizweit 4000 neue Vollzeitärzte benötigt würden, um die OECD-Norm von einem Arzt auf 1000 Einwohner zu erfüllen.

Nach Jahrzehnten des Pessimismus kündigt sich nun aber eine Trendwende an. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer davon ist, dass im einst männerdominierten Mediziner-Beruf ein Wertewandel im Gang ist. Viele junge Väter wollen heute nicht mehr nur Ernährer sein und die Kinder an Sonntagen sehen, sondern auch wochentags. Und entscheiden sich dafür, eine eigene Hausarztpraxis aufzumachen oder in Teilzeit Gruppenpraxen zu eröffnen.

Philippe Luchsinger, Präsident der Haus- und Kinderärzte Schweiz, sagt, der Status des Hausarzts habe im Verlauf der vergangenen Dekaden einen grossen Wandel durchgemacht. «Bis vor vier Jahrzehnten war dieser neben dem Pfarrer und dem Lehrer noch eine jener Figuren gewesen, die das Dorfleben prägten.» Dann habe eine Feminisierung des Berufs eingesetzt, die zur Statuserosion geführt habe. «Leider ist es so, dass ein Beruf an Bedeutung verliert, je mehr Frauen ihn ergreifen.»

Heute aber stellt Luchsinger fest, dass die Work-Life-Balance für Junge wieder eine wichtigere Rolle einnehme. «Viele wollen keine 80-Stunden-Wochen in Spitälern. Das Hausarztleben bietet viel mehr Flexibilität. Unter anderem dank der Möglichkeit, Gruppenpraxen zu gründen und Teilzeit zu arbeiten.»

Mensch steht im Mittelpunkt

Wir besuchen Roland Schwarz, den ehemaligen Präsidenten und heutigen Tarifdelegierten der Ärztegesellschaft Baselland. Er beugt sich über die jüngsten Zahlen und kommt zum Schluss: «Anders als vielleicht da und dort behauptet, droht bei uns keine Unterversorgung.» Selbst die ländlichen Kantonsteile hätten eine Ärztedichte von knapp einem Arzt pro tausend Einwohner. Tendenz wieder: steigend.

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In den vergangenen fünf Jahren zeigt die Kurve der praktizierenden Allgemeinmediziner im Landkanton nach oben (siehe Grafik oben), wenngleich die Zahlen kein ganzheitliches Bild der Versorgung abgeben, weil immer mehr Hausärzte Teilzeit arbeiten und Gruppenpraxen eröffnen.

2008 registrierte der Kanton noch 235 Grundversorger, 2017 waren es bereits 295. Im Steigen ist besonders auch die Zahl der jungen Grundversorger begriffen. 15 der Baselbieter Grundversorger sind unter 40 Jahre alt, 30 weiter sind unter 45 Jahre.

Schwarz selbst, heute Rentner, war 33 Jahre Hausarzt in Muttenz. Zunächst sah es nicht nach einer Berufung aus, er tendierte anfangs Richtung Bauingenieur. Dann aber lernte er seine zukünftige Frau kennen, schrieb sich in Basel fürs Medizinstudium ein und blieb hängen. Ein Glücksfall, sagt er heute.

Was Schwarz an seinem Beruf liebte, scheint nun auch wieder bei jungen Ärzten an Wert zu gewinnen. «Macht man seine Arbeit als Hausarzt richtig, wird man von den Patienten mit Vertrauen belohnt. Hier steht der Mensch im Mittelpunkt, nicht die Krankheit. Das ist im Spital anders.» Schwarz erinnert sich daran, wie er mit Patienten auch über ganz anderes sprach als über Krankheiten, wenn das Wartezimmer leer war.

Bemühen der Politik

Der Trend ist aber nicht nur auf gesellschaftliche Veränderungen zurückzuführen, sondern auch auf die politischen Bemühungen. Der Baselbieter Landrat bewilligte 2009 einen Verpflichtungskredit für die gezielte Weiterbildung von medizinischen Grundversorgern, sogenannte hausärztliche Praxisassistenten. Seither wurde der Kredit im Dreijahresrhythmus erneuert und vergangenes Jahr gar erhöht. Heute subventioniert Baselland sechs Praxisassistenzstellen.

Eine wichtige Aufgabe bei der Nachwuchsförderung kommt auch dem Universitären Zentrum für Hausarztmedizin am Kantonsspital in Liestal zu. Rund 150 Medizinstudenten absolvieren jährlich im Rahmen des Masters ein Einzeltutoriat in der hausärztlichen Medizin. Bei der letzten Erhebung waren zudem elf Studenten im Rahmen eines Wahlstudienjahres in einer Hausarztpraxis engagiert. Seit zehn Jahren gibt es den Lehrstuhl an der Universität Basel, mittlerweile hat jede Uni der Schweiz eine Professur für Hausarztmedizin.

Vorteile gegenüber Spitalärzten

Um der drohenden Unterversorgung entgegenzuwirken, hat die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin nun auch eine Imagekampagne mit dem Slogan «Arzt. Alles andere ist Beilage» lanciert. Damit will der Verband mit Vorurteilen aufräumen, die über die vergangenen Jahrzehnte gewachsen sind. Nämlich, dass die Hausärzte gegenüber Spezialisten oder Spitalärzten minderwertig seien.

Andreas Zeller, der die Professur für Hausarztmedizin an der Uni Basel innehat, sagt, er habe in den vergangenen Jahren bereits einen Imagewandel beobachten dürfen. «Lange galt es als Mediziner als erstrebenswert, möglichst ins Detail zu gehen und sich zu spezialisieren. Heute ist die Generalisierung wieder in Mode.» Es reife die Erkenntnis, dass die Hausarztmedizin eine eigene Disziplin sei und dass 90 Prozent der Behandlungen beim Hausarzt abgeschlossen werden könnten.

Langsam habe sich auch die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich nicht alle Spitalärzte eine goldene Nase verdienen. «Ein guter Hausarzt», sagt Zeller, «verdient heute besser als manch ein Oberarzt in einem Spital.»

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